Eugenio Recuenco: Surreales Pathos

3 Kommentare
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    Marcus Leusch sagte:

    „Der spanische Fotograf … scheut nicht davor zurück, in opulenter Bildsprache Scheewittchen oder die Schöne und das Biest zu inszenieren.“

    Das klingt als Annonce für einen Werbefotografen wahrlich sehr heroisch in unseren Zeiten, als gelte es einen Dissidenten ins rechte Licht zu rücken, der es gewagt hat, Schneewittchen endlich einmal angemessen ins Bild gesetzt zu haben.

    Hallo Uli Eberhardt,
    mich würde einmal interessieren, wie diese Arbeiten denn nun tatsächlich einzuschätzen sind. Nur weil der industrielle Kunstmarkt mit Ausstellungen und wahrscheinlich horrenden spekulativen Gewinnmargen reagiert, verbinden sich mir diese Bilder noch lange nicht mit einer künstlerischen Aussagekraft, trotz aller mimetischen Perfektion, die sich etwas hollywoodesk aus dem Steinbruch der jüngeren Kulturgeschichte bedient (Schneewittchen und das „Biest“), sowie der (werbe-)fotografischen Akkuratesse.

    
Hier bleibt für m i c h vorwiegend zeitgeisttaugliches Kunstgewerbe. Keine einzige Aufnahme ist „wirklich“, sondern bloß inszeniertes Studio-Kino. Kaum etwas, das m i c h persönlich an Kunst erinnern würde, denn dort hätte man wenigstens versucht, Grenzen zu überschreiten, die in diesen Arbeiten gar nicht sichtbar werden. – Der Surrealismus hatte übrigens ein gesellschaftliches Interesse, das ich hier beim besten Willen nicht erkennen kann.

    Letztlich bleibe ich natürlich für alle präsentierten fotografischen Anregungen offen, auch der vorliegenden. In diesem konkreten Fall, wie in einigen weiteren auf diesen Seiten vorgestellten Ausstellungsberichten, fehlt mir aber eine konkretere (journalistische) „Ortsbestimmung“ …

    Beste Grüße
    Marcus

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      Uli Eberhardt sagte:

      Hallo Marcus,
      aus der Formulierung „scheut nicht davor zurück“ und den ebenfalls auftauchenden Vokabeln „opulent“ und „pathetisch“ kannst Du meine ironische Distanz zur Arbeit Recuencos schon erkennen. Meine Aufgabe sehe ich trotzdem nicht darin, dieses an die Wand zu nageln. Ob es Kunst ist, Kunstgewerbe, Zeitgeist oder Kitsch (damit wir auf den Punkt kommen), ist für mich hier keine Dimension. Fotografie muss auch nicht „wirklich“ sein, das halte ich für einen Glaubenssatz. Wichtiger ist für mich, sich mit einer Haltung auseinanderzusetzen, die einem so gar nicht liegt und vielleicht auch erstmal im Hals steckenbleibt. Das bringt für die eigene Arbeit meistens mehr Gewinn, als sich im ruhigen Strom von Zustimmung zu bewegen. Nimm David LaChapelle oder aus der bildenden Kunst (?) Jeff Koons – das ist Zuckerguss hoch drei – und trotzdem oder deshalb kann es uns auf neue Gedanken bringen. Das ist das Entscheidende. Den ähnlich überdrehten Recuenco stelle ich genau aus diesem Grund vor – und ich habe mich ganz schön geschüttelt dabei :-)

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      Marcus Leusch sagte:

      Dank für diese differenzierte und differenzierende Antwort. Grundsätzlich bin auch ich gegen eine Schere im Kopf. Jede fotografische Ausdrucksform hat ihre Berechtigung – und insofern sind mir auch die Hinweise auf Fotografen der Vergangenheit und Gegenwart auf diesen Seiten immer sehr willkommen. Mir fehlte im vorliegenden Beispiel nur eine deutlichere Problematisierung (Für und Wider), ohne eindeutig wertenden Charakter. Das wäre mal ein Spielfeld für eine Kunstkritik im Feuilleton, die den Namen auch verdient.

      Mit „wirklich“ meinte ich nicht die Fotografie (hier Studiofotografie) im eigentlichen Sinne, sondern bezog mich auf das falsche Pathos und den luftleeren Surrealismus. Vielleicht wäre „wahrhaftig“ der passendere Begriff gewesen, denn das ist es, was ich von einer guten Fotografie erwarte. Aber das Wahrhaftige ist selten ein gutes Verkaufsargument – Van Gogh-Effekt ;-)

      Die „große“ Jeff Koons-Schau hatte ich mir vor einiger Zeit hier in Frankfurt angesehen – mit bangen Gedanken an eine McDonaldisierung der Kunst: Der Zuckerguss erobert unsere Sehorgane und kleistert unsere Sinne zu …

      Herzliche Grüße
      Marcus

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