Leserfoto – Grand Canyon at Navajo Point: Der Vorder-/Hintergrund vor lauter Bäumen

Landschaftsbilder leben von der visuellen Einteilung in Ebenen.

© Jörg Langer

Hallo alle, anbei ein Bild aus unserem letzten USA-Urlaub. Wir hatten extrem schlechtes Wetter mit Regen und Nebel erwischt. Zwischendurch ist der Himmel immer wieder mal aufgeklart. Dabei ist dieses Bild entstanden. Im Canyon hinter mir war nur Nebel. Dafür war die „andere Seite“ des Canyons umso interessanter. Das RAW-Bild ist in Aperture entwickelt und mit den NIK-Tools sparsam bearbeitet. Außerdem habe ich das Bild beschnitten. Ich mag die Stimmung, nach links abziehender Nebel, rechts kommt der Himmel durch, helle und dunkle Szenen, tote und lebende Vegetation. wie findet Ihr das Bild? Ganz herzlichen Dank vorab für Eure Arbeit und Zeit.

Etwas, das ich immer predige, ist, sich beim Fotografieren auch an das nicht Offensichtliche heranzutasten. Besonders bei totfotografierten Motiven bietet sich so noch etwas Neues, Frisches. Es gilt, sich nach oben oder unten zu wenden, die Perspektive zu verändern – oder sich wie in diesem Fall umzudrehen.

Genau das war es, was mir bei diesem Bild gefallen hat: Du hast versucht, über den üblichen fotografischen Tellerrand zu schauen und aus den nicht idealen Lichtverhältnissen noch etwas herauszuholen, indem Du Deine Umgebung abgelichtet hast. Es gilt jedoch auch in diesem Fall, nicht einfach drauflos zu fotografieren, insbesondere, wenn die Komposition eine kompliziertere ist und man die Zeit hat, sich Gedanken zu machen.

Du hast hier ein als Panorama gehaltenes Foto einer Wüstenszene eingereicht. Ich wüßte nicht spontan, wo diese aufgenommen wurde, weil der Kontext des Grand Canyon komplett fehlt. Das ist jedoch erst einmal auch nicht wichtig. Gezeigt wird mir als Betrachter ein buntes Durcheinander von Vegetation, darüber ein mehr oder minder bedeckter Himmel.

Du schreibst, Du habest in Aperture mit Nik „sparsam“ nachbearbeitet. Ich bin grundsätzlich dafür, sparsam nachzubearbeiten und nur wirklich das zu korrigieren, was tatsächlich korrigiert werden sollte. Nichts ist schlimmer, als ein komplett kaputteditiertes Foto. Landschaftsaufnahmen leben aber von Farben, Texturen – und hier wirkt alles auf meinem Bildschirm nur blass.

Ich habe ebenfalls Nik-Filter installiert, die ich trotz ihrer Fehler (jüngst ein Update von Google, das sie einfach implodieren ließ, beispielsweise) sehr schätze. Die Möglichkeiten, Bilder schnell und effektiv nachzubearbeiten, wiegen alles auf. Also habe ich hier erst die Farbsättigung und den Kontrast in Photoshop angehoben und dann einen Grauverlaufsfilter in Nik über den Himmel gelegt. Dieser bringt die Wolkenstrukturen dort besser zur Geltung. Man muß jedoch mittels Ebenenmaske die Bäume, die dann ebenfalls abgedunkelt werden, wieder „zurückholen“. Das Ergebnis sieht dann so aus:

Vergleichsfoto

Jetzt sind die Farben usw. lebhafter, aber nicht überzogen.

Weiterhin will ich hier auf den Bildaufbau eingehen. Du hast diese Szene abgelichtet, ohne Dir für mich ersichtlich Gedanken darüber zu machen, was eigentlich Dein Hauptbildgegenstand sein sollte. Unten in der Mitte ragt ein toter Baum ins Foto (blau), welcher den Vordergrund bilden könnte. Du hast ihm jedoch keinen Raum zum „Atmen“ gegeben, er „klebt“ am unteren Bildrand. Ein Schritt zurück hätte dieses durchaus beheben können.

Bildebenen

Dann befinden sich links und rechts Bäume in der mittleren Bildebene, die dominant in die Aufnahme ragen (rosa) und mit dem Vorder- und Hintergrund visuell ringen. Es ist, in anderen Worten, zuviel los in dieser Landschaftsaufnahme, ohne mir als Betrachter die Möglichkeit zu geben, hier zu verweilen. Du leitest mich nicht durchs Foto, und ich wende meinen Blick zu schnell ab.

Im vorliegenden Bild kann man das dadurch beheben, daß man die Seitenverhältnisse durch einen Beschnitt wieder zu einer „Standardaufnahme“ macht. Dann geht zwar das Panoramaformat veloren, aber die Komposition wird dahingehend verdichtet, daß man sich auf den Baum im Hintergrund (Pfeil) konzentrieren kann. Dann macht es auch nichts mehr aus, daß der tote Baum vorne am Rand „klebt“, denn jetzt bildet er Rahmen im Vordergrund und findet optisch sein Echo in dem Baum links.

Möglicher Beschnitt

Abschließend sei noch anzumerken, daß ich nach der Farb- und Kontrastkorrektur links oben Flecken im Bild entdeckt habe, die Sensorflecken sein könnten (blaue Kreise), also Staub auf dem Kamerasensor. Sie tauchen gerne bei sehr kleinen Blenden auf, wie hier bei f/16. Wenn Du Glück hast, sind sie nur auf dem Spiegel, was einfach zu entfernen ist. Es gibt Anleitungen zuhauf im Internet, wie man das feststellen kann.

Sensorflecken?

11 Kommentare
  1. Stefan Anker sagte:

    Guten Abend, ich entdecke gerade erst diese Seite und finde interessant, wie ernsthaft hier Bilder besprochen werden. Kann der sehr freundlich vorgetragenen Kritik nur zustimmen: Für mich ist das ein Landschaftsbild ohne wirkliches Motiv, ganz egal, ob man die Farben noch verbessert oder den Schnitt ändert. Ich finde, ein Foto muss etwas sagen oder wenigstens toll aussehen, beides kann ich hier nicht entdecken.
    @Jörg Oertel: Im Riesengroßformat wirkt praktisch jedes Bild irgendwie bedeutend, davon darf man sich nicht beirren lassen. Wenn es auf 24 Zoll nicht wirkt, dann würde mir das zu denken geben.
    @Jörg Langer: Nichts für ungut, und ich verspreche, mich demnächst auch mal mit eigenen Bildern dem Urteil zu stellen. Vielleicht noch eine Anmerkung zu Deiner Frage in Sachen Farbkorrektur: Ich habe für mich die Frage „schön oder ähnlich?“ mit „schön“ beantwortet. Nicht nur, weil mir das selbst besser gefällt, sondern auch, weil die Sehgewohnheiten der meisten Menschen auf Knackfarben, Superschärfe und ordentlich Kontrast eingepegelt ist. Gerne mal Agenturfotos, Zeitungsdruck, TV-Bilder, Kinofilme etc. von vor 20, 30 Jahren und heute vergleichen. Auf schlaffe Bilder reagieren die meisten Menschen im 21. Jahrhundert eher ratlos.
    Viele Grüße

    Antworten
    • Joeg Langer sagte:

      Hallo Stefan, herzlichen Dank für Deinen Kommentar. Wenn mit „Motiv“ die Bildkomposition gemeint ist, schließe ich mich Deinem Kommentar an. Diesbezüglich gibt es Verbesserungsbedarf. Sofie hat da mit ihren Vorschlägen und Anmerkungen den Nagel auf den Kopf getroffen. Bei Farben etc. bin ich anderer Meinung. Je nachdem welche Wirkung Du erzielen möchtest und was Dir zusagt kann variiert werden. Ich kann mir gut vorstellen, dass ein und dasselbe Bild in Farbe und SW jeweils Wirkung erzielen und klasse aussehen. Vergleiche mal die Bilder von Peter Lik mit denen von Michael Frye. Ich finde beide Arten Bilder darzustellen toll – die „Ausarbeitung“ der Bilder ist aber total unterschiedlich. Herzliche Grüße.

  2. Jörg Oertel sagte:

    Jetzt kann ich die Originaldatei sehen, und da fehlen die Bearbeitungsartefakte im oben rechts im Baum.

    Ich habe das Bild mit dem Beamer an die Wand geworfen, und ich finde, dass besonders in der linken Bildhälfte die Tiefe (Weite war vielleicht ein falscher Ausdruck) fast plastisch wirkt. Auf dem 24-Zöller kommt das nur eingeschränkt rüber. Das Bild ist definitiv für den großen Maßstab und einen vergleichsweise geringen Betrachtungsabstand gemacht.
    Mir gefallen die natürlichen Farben übrigens auch besser.

    Antworten
  3. Jörg Langer sagte:

    Liebe Sofie,

    ganz herzlichen Dank für die ausführliche Besprechung. Zur Komposition gebe ich Dir Recht. Wenn Du nicht durch das Foto geleitet wirst, dann hätte ich das anders aufbauen müssen – „richtiges“ Panorama hin oder her.
    Bei den Farben oder der „Entwicklung“ noch eine Frage: Deine Interpretation ist definitiv strahlender. Nur: so hat das vor Ort nicht ausgesehen. Wo würdest Du da die Grenze zwischen „sieht klasse aus“ und „lass uns das zeigen, was wir gesehen haben“ ziehen?

    Falls jemand das unbeschnittene Original-RAW haben möchte Bescheid geben.

    LG
    Jörg Langer

    Antworten
    • Sofie Dittmann
      Sofie Dittmann sagte:

      Die Grenze ziehst grundsätzlich DU. Was Du gelesen hast, ist MEINE Meinung, und damit kannst Du tun, was Du möchtest. Wenn Du es blass lassen willst, lass es blass. Ja, schick mir mal die unbeschnittene RAW Datei, wenn Du Zeit hast.

    • Sofie Dittmann
      Sofie Dittmann sagte:

      Versuch es per fokussiert. Wenn das nicht klappt, schicke ich Dir eine Mehl an Deine Adresse, darauf kannst Du dann antworten.

    • Joerg Langer sagte:

      Hi Sofie,
      „Fokussiert“ möchte *.JPG Leider wird *.NEF nicht akzeptiert.
      Grüße, JLA

    • Sofie Dittmann
      Sofie Dittmann sagte:

      Ich schick Dir eine Mehl an Deine hier vorliegende Adresse. Einfach antworten. Wenn Photoshop NEF aufbekommt, lass ich es Dich wissen.

  4. Jörg Oertel sagte:

    Ich kann das original nicht öffnen, aber in der ersten Bearbeitung sehe ich deutliche Bearbeitungsartefakte im Baum oben rechts. Ausserdem gibt es deutliche Farbsäume am linken Bildrand. Das mal als Anmerkungen zur technischen Ausführung des Bildes. Für ein Panorama wäre es besser gewesen, mehrere Aufnahmen zusammzusetzen, als sich nur auf eine einzige Weitwinkelaufnahme zu stützen.
    17mm ist mit Sicherheit an der unteren Grenze des Zoombereichs der Linse, und da wird die Abbildungsqualität immer grenzwertig.
    Darüber hinaus finde ich den vorgeschlagenen Beschnitt nicht besser. Wo das unbeschnittene Bild wenigstens noch den Eindruck von Weite vermittelt, ist das beschnittene Bild bar jeder Aussage.

    Viele Grüße,
    Jörg

    Antworten
    • Sofie Dittmann
      Sofie Dittmann sagte:

      Die „Weite“ kann ich nicht nachvollziehen, aber ich schließe mich Deiner Aussage an, daß es besser gewesen wäre, ein „richtiges“ Panorama draus zu machen. Auch bei Panoramen sollte aber die Komposition stimmen, und die ist hier, wie oben beschrieben, nicht ideal.

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