Martin Schlüter: Im Hauptquartier des Geheimdienstes

Was immer streng geheim war, liegt nun vor unseren Augen: Martin Schlüter konnte das Hauptquartier des Bundesnachrichtendienstes in München-Pullach fotografieren.

Die BND-Zentrale In Pullach. Neuer Geländeteil, Eingang Fußgängertunnel. © Martin Schlüter / Kunstfoyer München

ie BND-Zentrale In Pullach. Neuer Geländeteil, Eingang Fußgängertunnel. © Martin Schlüter / Kunstfoyer München

Ob die aktuell in München ausgestellte Dokumentarserie (die auch als Bildband mit dem Titel «Nachts schlafen die Spione: Letzte Ansichten des BND in Pullach» (Affiliate-Link) erhältlich ist) viel mehr über den Geheimdienst BND verrät, als wir ohnehin vermuten, bleibt offen. Auch Martin Schlüter blieb erstmal ratlos.

Das 68 Hektar umfassende Gelände in Pullach wurde jahrzehntelang hermetisch hinter hohen Betonmauern und Stahlzäunen von der Öffentlichkeit abgeschirmt. Seine wechselvolle Nutzungsgeschichte reicht bis in die NS-Zeit zurück. Im April 1945 von amerikanischen Soldaten besetzt, wurde dort unter amerikanischer Leitung ab 1947 die „Geheimorganisation Gehlen“ aufgebaut – der Vorläufer des 1956 gegründeten Bundesnachrichtendienstes. Jetzt steht der Umzug des BND in einen Neubau nach Berlin bevor – mit ein Anstoß für eine künstlerische Dokumentation des Standorts Pullach noch vor dem Umzug, wie der BND selbst dazu mitteilt.

Die BND-Zentrale In Pullach. Neuer Geländeteil. Einer der älteren Besprechungsräume im Haus 110, der nur noch selten belegt ist. Die Spuren auf Mobiliar und Teppichboden lassen auf eine rege Nutzung in der Vergangenheit schließen. © Martin Schlüter / Kunstfoyer München

Die BND-Zentrale In Pullach. Neuer Geländeteil. Einer der älteren Besprechungsräume im Haus 110, der nur noch selten belegt ist. Die Spuren auf Mobiliar und Teppichboden lassen auf eine rege Nutzung in der Vergangenheit schließen. © Martin Schlüter / Kunstfoyer München

 

Die BND-Zentrale In Pullach. Neuer Geländeteil, Mitarbeiterbüro. In manchen Räumen haben BND-Mitarbeiter versucht, die triste Büroatmosphäre durch persönliche Dinge aufzulockern © Martin Schlüter / Kunstfoyer München

Die BND-Zentrale In Pullach. Neuer Geländeteil, Mitarbeiterbüro. In manchen Räumen haben BND-Mitarbeiter versucht, die triste Büroatmosphäre durch persönliche Dinge aufzulockern © Martin Schlüter / Kunstfoyer München

 

Die BND-Zentrale In Pullach. Neuer Geländeteil, Dienstplan Wachhunde © Martin Schlüter / Kunstfoyer München

Die BND-Zentrale In Pullach. Neuer Geländeteil, Dienstplan Wachhunde © Martin Schlüter / Kunstfoyer München

Das Fotoprojekt steht nicht für sich allein, sondern sei Bestandteil einer Transparenzoffensive, so der BND weiter. Und: „Ziel des Projektes ist es, der Öffentlichkeit zum Zeitpunkt einer wesentlichen Zäsur Einblicke in Arbeit und Geschichte des BND zu gewähren. Pullach wird zwar als Standort des
BND erhalten bleiben – er wird aber nie wieder so sein, wie er heute ist. Der Fotograf Martin Schlüter ließ sich für dieses Projekt begeistern. Schlüter fiel der Pressestelle des BND auf, als er zum Nachwuchsjournalisten des Jahres gekürt und mit dem CNN Journalist Award ausgezeichnet wurde.“

So bekam der Hamburger Fotograf im Auftrag des BND überraschend detailreiche Einblicke hinter die Grenzmauern der BND-Zentrale bis in die
Werkstätten, in einzelne Mitarbeiterbüros und auch in modernste IT-Anlagen. Vertragliche Auflage war, weder Mitarbeiter noch Fahrzeuge zu fotografieren. Er wurde begleitet von der BND-Pressestelle. Realität oder Fake? – bei einigen Aufnahmen kommen Zweifel auf, ob am „Image“ dessen, was der Fotograf sehen durfte oder sollte, gefeilt wurde.

Martin Schlüter schreibt dazu selbst:

„Das BND-Hauptquartier entsprach so gar nicht meinen Erwartungen und ließ mich nach dem ersten Besuch ratlos zurück. Langsam wurde mir klar: Die BND-Zentrale in Pullach steht für die haptische, analoge Welt, ein klares Feindbild und den Wunsch, sich zu verstecken. Der BND mit Sitz in Berlin wird die virtuelle, digitale Welt der Gegenwart verkörpern, mit diffusen Feindbildern und einem selbstbewussteren Auftritt der Behörde.“

Und weiter:

„Bei der Recherche zum Projekt musste ich feststellen: es gibt nicht viele gesicherte Informationen über den BND, die mir ein abschließendes Urteil erlauben würden. Krude Verschwörungstheorien hier, überzogene Heldenepen da. Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen. Mir war klar, dass der Kern meiner Dokumentation der Pullacher BND-Zentrale deshalb eine Aufforderung an die Betrachter sein muss: genau hinzuschauen, kritisch zu bleiben, ein unwohles Gefühl zu behalten, aber auch die eigenen Sehgewohnheiten zu hinterfragen.“

In der Ausstellung im Kunstfoyer der Versicherungskammer Bayern in München wird die Dokumentation des externen Fotografen den Statements des BND-Präsidenten Gerhard Schindler und des beamteten Staatssekretärs im Bundeskanzleramt und Beauftragten für die Nachrichtendienste des Bundes, Klaus-Dieter Fritsche, gegenübergestellt. Objekte aus der „prädigitalen“ Zeit des Dienstes, wie z.B. eine Enigma, eine Chiffrierrolle zum Verschlüsseln von Nachrichten oder „Verbringungsmittel“ für geheimes Material, ergänzen die aufregende Zeitreise, die das geheime Territorium zu bieten hat. Nach dem Umzug des BND nach Berlin wird der Standort Pullach als Außenstelle des BND weitergeführt, aber deutlich verkleinert und verändert.

Martin Schlüter (Jahrgang 1977) hat in Dortmund und Hannover Fotodesign studiert und arbeitet seit seinem Diplom im Jahr 2006 als freier Fotograf für Redaktionen, Werbeagenturen, Architekten und Unternehmen. Den CNN Journalist Award erhielt er für eine Fotoreportage in Alaska über sexuellen Kindesmissbrauch an Eskimokindern durch katholische Priester, die 2011 in der Zeitschrift Mare veröffentlicht wurde. Mehr erfahren wir auf Martin Schlüters Website.

Buch:  «Nachts schlafen die Spione: Letzte Ansichten des BND in Pullach» (Affiliate-Link)

Martin Schlüter – Die BND-Zentrale in Pullach
Bis 5. Oktober
Kunstfoyer Versicherungskammer, Maximilianstraße 53, D-80530 München
+49 (0) 89-21602626, kunstfoyer@vkb.de
Geöffnet täglich 9 bis 19 Uhr

Martin Schlüter
Versicherungskammer Kulturstiftung München

 

 

 

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