Leserfoto – Brooklyn Bridge bei Nacht: Vor- und Nachbereitung in herausfordernden Belichtungssituationen

Nachtfotografie bedarf spezieller Überlegungen und Übung, die aber mit Geduld gemeistert werden können.

(c) Borg Enders
Dies ist eine Aufnahme der Brooklyn Bridge bei Nacht. Die Herausforderung hier war einerseits ein scharfes Bild zu bekommen, obwohl die Brücke durch die große Anzahl von Autos ständig leicht vibrierte. Auf der anderen Seite eine Balanz zu finden zwischen ausreichend belichteten Hintergrund (Skyline) und den Scheinwerfern der Autos.

Es freut mich immer, wenn ich auf fokussiert Fotos zu sehen bekomme, bei denen jemand klar versucht hat, ein totfotografiertes Motiv in noch nicht gesehener Weise darzustellen. Deine Einreichung der Brooklyn Bridge ist so ein Beispiel, und es ist auch der Grund, der mich zur Auswahl bewogen hat.

Du hast die Brücke bei Nacht aufgenommen, und zwar so, daß der durch die Brückenaufhängung/Seile gebildete Fluchtpunkt extrem aus dem Goldenen Schnitt heraus verschoben ist. Für mich funktioniert dieser Regelbruch hier, weil die Linien, die parallel etc. durchs Bild laufen, so regelmäßig sind, daß ein „perfekt“ komponiertes Foto langweilig geworden wäre.

Wegen genau dieser Linien fällt es jedoch auch sofort auf, daß die Aufnahme vorne rechts abkippt. Wenn Du mit Geometrie auf diese Weise spielst, mußt Du sie auch perfekt durchhalten. Ich habe es in folgendem Vergleichsfoto in Photoshop zur Veranschaulichung korrigiert:

Foto entzerrt

Jeder, der sich an Nachtaufnahmen versucht hat, weiß um die besonderen Herausforderungen, die sich dem Fotografen stellen. Man benötigt die richtige Ausrüstung und muß diese einzusetzen wissen. Man braucht außerdem Sitzfleisch, denn die Belichtungszeiten können sehr lang werden.

Aus den EXIF-Daten war zu ersehen, daß Du mit ISO 200, einer Blende von f/8 und einer Verschlußzeit von 5 Sekunden gearbeitet hast. Brennweite war 24 mm (36 mm Vollformatäquivalent). Deine Nikon D300S ist eine solide, halbprofessionelle Kamera, und Dein Objektiv ein gutes „Superzoom“, das von 18 mm bis zu 200 mm alles von Weitwinkel bis zum Telebereich abdeckt. Über Dein Stativ kann ich keine Aussagen machen, aber ich nehme an, es ist robust genug, um Kamera und Objektiv zu halten. Du hast also eine, wie ich meine, sehr gute Ausrüstung, und diese hast Du nachts auf die Brooklyn Bridge gebracht, um Aufnahmen zu machen.

Ich bin mir jedoch nicht ganz sicher, ob Du die Dir zur Verfügung stehenden Mittel auch voll auszuschöpfen weißt, und auf diese will ich denn auch vertieft eingehen, indem ich den „Normalfall“ schildere, von dem dann abgewichen werden kann, wenn man diese Abweichungen als Stilmittel einsetzen möchte.

Kleiner ISO: Wann immer möglich, sollte man mit dem kleinsten ISO fotografieren, der zur Verfügung steht. Du hast ISO 200 benutzt, was relativ gering war. ISO 100 wäre noch besser gewesen, wenn dieses allerdings bei modernen Sensoren, die wenig Rauschen ins Bild bringen, nicht mehr so sehr ins Gewicht fällt.

Belichtungsextreme und Blende: In einer Beleuchtungssituation wie hier muß man einerseits mit den extrem dunklen Stellen (Himmel usw.) arbeiten, andererseits mit den extrem hellen (Lichter, Autos). Weil die Belichtungszeiten extrem lang sind, verwandeln sich beispielsweise Lampen bei großen Blenden in große, helle, ausgebrannte Stellen. Es empfiehlt sich deshalb, die kleinstmögliche Blende zu benutzen, die in der Situation und mit dem benutzten Objektiv möglich ist. Hier hätte ich bei f/22 angefangen und mich von da aus „heruntergearbeitet“ – Lichtquellen erhalten so eine Sternform, anstatt als Flecke im Bild zu sein. Durch eine kleinere Blende verlängert sich zwar die Belichtungszeit merklich, und die Vibrationen der Brücke helfen nicht, doch aus genau diesem Grund benutzt man ja ein Stativ.

Des weiteren sollte man mehrere Versionen der Szene aufnehmen, um hinterher am Computer die visuelle Balance zwischen den Belichtungsextremen wieder herstellen zu können, entweder per HDR oder anderweitig, indem man Bildteile zu einem Ganzen zusammensetzt, das eher dem entspricht, was das Auge sah, was aber der Kamera aus technischen Gründen nicht möglich war festzuhalten. In diesem Vergleichsfoto habe ich den unteren Teil nachträglich abgedunkelt, um selbiges zu simulieren:

Autos abgedunkelt

Weißabgleich: Nicht zuletzt ist es auch schwierig, den Weißabgleich bei Nachtaufnahmen so hinzubekommen, daß die Farbverschiebungen, die fast unvermeidlich sind, zumindest minimiert werden. In Deiner Aufnahme wurde der rostrote Anstrich der Brücke durch die Autoscheinwerfer quietschrot, und es gibt nichts, was man wirklich dagegen machen kann, ohne mit Ebenenmasken und so weiter anzufangen.

Schwarzweiß: Ein letzter Bearbeitungsvorschlag wäre noch, das Bild in Schwarzweiß umzuwandeln, was die Farbprobleme löst und wofür das Foto sich meines Erachtens sehr gut eignet:

Foto in schwarzweiß

Abschließend möchte ich Dir vorschlagen, nochmals nach Manhattan zurückzukehren (Du scheinst in nicht allzu großer Entfernung zu wohnen) und dieses Motiv mit veränderten Kameraeinstellungen weiter zu erkunden.

PS. Author Thomas Brotzler hat hier vor nicht allzulanger Zeit eine Artikelreihe über Nachtfotografie veröffentlicht, die ich Dir nur wärmstens empfehlen kann.

 

8 Kommentare
    • Sofie Dittmann
      Sofie Dittmann sagte:

      Vollkommen anderes Foto, anderes Flair. Vorne links würde ich es so korrigieren, daß es am unteren Rand eine komplett horizontale Linie gibt.

  1. Borg Enders sagte:

    Hallo Sofie,
    vielen Dank für deine Kritik meines Bildes.

    Ein bischen Feedback zu deinen Anmerkungen.
    Ja das Bild scheint nach Rechts vorne abzukippen. Dies aber nicht einfach nur ein schiefer Horizont, bei deiner entzerrten Version sieht es für mich so aus als ob die Hochhäuser und as Brückentor dann nach Links kippen.
    Ich hatte damals bei meiner Bearbeitung geschaut, dass die Hochhäuser alle Senkrecht sind.
    Hier wäre also die Frage, was wiegt schwerer Horizontale Träger im Vordergrund oder Senkrechte Hochhäuser im Hintergrund?

    Davon abgesehen, habe ich gerade mal ganz kurz in DxO Optics gespielt und mit der dort Entzerrmethode „Rechteck“ liesse sich das Bild durchaus verbessern.

    Als nächsten Punkt erwähnst du den kleinen ISO Wert: Wie du wahrscheinlich weißt, werden ISO-Werte unter 200 bei der D300s als HI+ angegeben. Dies war für mich immer der Grund, dass ich nur mit ISO 200 fotografiert habe.
    Wie schaut es bei Nikon-Kameras aus, bringen die HI-Werte eine bessere Bildqualität (soll heissen potentiel weniger Rauschen)?

    Die Anregung für HDR ist mir auch schon mehrfach durch den Kopf gegangen, da ich aber keine gute HDR-Software (wie Photomatix) habe und mir die manuelle Nachbearbeitung zu Mühsam ist habe ich davon eher die Finger gelassen.

    Bezüglich Blende 22: Führt dies nicht zu deutlich weicheren/unschärferen Bilder an einer DX-Kamera durch die Licht Beugung?
    Alles was ich gelesen habe rät eigentlich von Blenden jenseits der f11 für DX ab.
    Ich werde dies aber gerne bei nächster Gelegenheit mal ausprobieren.

    Die längere Belichtungszeiten wären auf der Brücke auch schwierig geworden. Durch die unter mir vorbeifahrenden Autos vibrierte die gesamte Brücke wahrnehmbar, da hilft auch das beste Stativ nicht mehr wirklich.

    Abschliessend das Quitsch-Rot ist gerade, was dies Bild für mich persönlich zu einer meiner Lieblingsaufnahmen macht ;-)

    Ach ja der nächste New York Besuch ist geplant, dann allerdings mit meiner neuen D610 und neuen Objektiven.

    LG Borg

    P.S.: Sorry für die lange Antwort ;-)

    Antworten
    • Sofie Dittmann
      Sofie Dittmann sagte:

      Wenn ich mit Bildern hier spiele, dann nur genug, um einen Punkt rüberzubringen – zu mehr ist meist nicht die Zeit. Idealerweise sollten horizontale Linien horizontal sein, und vertikale vertikal; insbesondere, wenn Du wie hier mit strenger Geometrie spielst. Dabei bleibe ich.

      Das mit den ISO-Werten bei der D300s wußte ich nicht, aber es müßte in Deiner Anleitung stehen. Ich habe es per Google gesucht und bin auf folgendes gestoßen: Nikon hat in seiner unermeßlichen Weisheit die einfache Liste von ISO-Werten für seine Nutzer verkompliziert. Gelistet werden ISO von 200 bis 3200, zusätzlich dazu gibt es Lo(w) und Hi(gh), die Dir jeweils die ISO unter 200 (Low) und entsprechend die über 3200 (High) geben. Wenn Du also High irgendwas wählst, bist Du im supersensitiven Bereich, nicht unter ISO 200.

      Was Nachbearbeitung angeht, kannst Du immer noch Bildteile später anders kombinieren. Ich selbst bin eigentlich überhaupt kein Fan von HDR.

      Das mit der Lichtbeugung unter f/11 habe ich auch gelesen, aber es kommt darauf an, was Du fotografierst und ob es Dich bei einer Nachtaufnahme stört.

      Hey, und wenn Du Quietschrot super findest, dann ist der Teil ja perfekt. :)

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.