Leserfoto – „Mit der Tram zum Taksim-Platz“: Bild im Bild

Mit einfachen Mitteln kann aus einem Urlaubsschnappschuß etwas für andere Interessantes werden.

(c) Bernd Plumhof

Aufgenommen in der Fußgängerzone Istanbuls. Ein Erlebnis, mit dieser vollbesetzten Straßenbahn durch das Menschengewirr zu fahren. Keiner scheint die Bahn zu beachten, weicht erst in „letzter Sekunde“ zur Seite. Höchste Konzentration bei Fahrer und Passagieren. Ich habe mich noch nach vorne drücken können, um einen Kamera-Blick auf die Straße zu haben. Die vor mir stehenden Köpfe waren ein dankbarer Vordergrund.
Leica Digilux2 mit Festzoom. Brennweite 14 mm (KB); 1/200 sec.; Blende 4,8; ISO 100.
Das Bild habe ich vertikal und horizontal ausgerichtet und so beschnitten, dass der schwarze „Rahmen“ die Abgeschlossenheit innen verstärkt. Schwarz-Weiß scheint mir diese Straßenszene besser zum Ausdruck zu bringen.

Mein Mann ist in Istanbul geboren und aufgewachsen, und wir waren daher schon etliche Male dort. Eine dieser Städte, die Du nie wirklich vollkommen erkunden kannst, die Dich aber auch nie mehr losläßt. Istiklal Caddesi und die Straßenbahn sind mir gut vertraut; wir sind die Straße schon öfter hoch und runter gelaufen, als mir lieb ist. Meistens wird die historische Straßenbahn von außen her dargestellt, wie sie die Straße herunterkommt.

Du hast uns einen Schnappschuß geschickt, der aus der Straßenbahn heraus nach vorne weg aufgenommen wurde, als diese gerade auf der Überholschleife fährt. Zu sehen ist die äußerst belebte Straße durch drei Fenster hindurch, über die Köpfe von drei Mitfahrenden hinweg.

Zur Komposition: hier ist alles aus dem Goldenen Schnitt heraus verschoben (rosa), was für mich jedoch zum Chaotischen der Straße vollkommen paßt:

Goldener Schnitt

Auch der Fluchtpunkt (gelb) liegt extrem weit oben, was einen aber hier zwingt, die Masse an Leuten auch wirklich wahrzunehmen:

Fluchtpunkt

Der Vordergrund wird von drei Silhouetten dominiert (hellblau), von denen aber gerade noch genug Detail in den Haaren vorhanden ist, daß sie den Blick ins Foto hineinlenken, und einen, wie den Fotografen selbst, sich hinter ihnen als Mitfahrer wähnen lassen. Sie bilden Vordergrund, Rahmen und Kontext zugleich, und nur durch sie wird das Bild zu dem, was es ist – man kann sie nicht weg(be-)schneiden, ohne der Aufnahme ihre Wirkung zu nehmen.

Vordergrund

Das Foto ist insgesamt durch den Rahmen der Straßenbahnverglasung in drei Teile unterteilt:

Bild im Bild

Durch diese kompositionelle Entscheidung entstehen drei Bilder im Bild, die zwar zusammenhängen, aber wie ein Triptychon nebeneinanderstehen. Es hat mich an eine bekannte Aufnahme von Lee Friedlander aus seiner Serie „America by Car“ erinnert, wobei er jedoch in seinen Fotos keinen auf diese Weise dominierenden Vordergrund als Rahmen benutzt, sondern diesen als weiteres Bild mit eingebracht hat.

Die Schwarzweißumwandlung verstärkt den leicht nostalgischen Charakter des Fotos und macht aus ihm vollends etwas, was über einen „üblichen“ Urlaubsschnappschuß hinausgeht. So wird er auch für jemanden fesselnd, der noch nie dort war.

Ein für mich vollauf gelungenes Foto. (Wenn Du Dich übrigens für superbe Schwarzweißaufnahmen von Istanbul interessieren solltest, kann ich Dir wärmstens das Werk von Ara Güler empfehlen, den sie auch „das Auge Istanbuls“ nennen.)

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  1. […] Urlaubsschnappschüsse von Lesern besprochen, darunter unlängst eine Aufnahme eines Bootes und mehrmals die der Straßenbahn auf Istiklal Caddesi. Es mag wie ein Widerspruch klingen, aber es ist nicht […]

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