Leserfoto – Porträt einer Tänzerin: Der richtige Augenblick

Die Interpretation eines Fotos liegt bei jedem einzelnen Betrachter.

(c) Bernd Plumhof

Aufgenommen beim Monastir-Festival in Tunesien. Das Mädchen gehört einer russischen Tanzgruppe an. Die Veranstaltung fand unter freiem Himmel um Mitternacht in einer Burganlage statt. Die Beleuchtung kam von den Scheinwerfern. Interessant erscheint mir das Bild da es nicht, wie sonst üblich, auf Gesicht und Augen fixiert ist, sondern Hals und Haare im Blickpunkt stehen. Eine Umwandlung in Schwarz-Weiß erscheint mir durch den stärkeren Kontrast eindrucksvoller. Das Original habe ich rechts und links leicht beschnitten.
Nikon D700 mit Nikkor 70-300 4,5-5,6. Brennweite KB 270 mm; 1/60 s; f 5,6, ISO 3200.

Es kommt auch bei mir öfter vor, daß ich ein bestimmtes Thema fotografisch umsetze, und dann im Nachhinein in der einen oder anderen Aufnahme etwas entdecke, das ich bei ihrer Entstehung nicht gesehen habe, nun aber davon fasziniert bin. Das kann im besten Fall der Ausgangspunkt zu einem neuen Projekt sein, im schlechtesten ärgere ich mich, vor Ort nicht weiter darauf eingegangen zu sein.

Du hast uns ein Bild einer Tänzerin eingereicht. Sie ist vom Betrachter halb abgewandt, ihr Gesicht liegt im Schatten, Dennoch sieht man, daß es sich um eine hübsche junge Frau handeln muß. Ihr Haar ist zu einem Knoten geflochten/gesteckt, und auf ihrem Kopf ist eine dekorative Haube angebracht. Ihre Haartracht und die Haube deuten auf eine Tänzerin hin; Du bietest uns also genügend Kontext. Wo das Foto entstanden ist, sieht man nicht, es könnte irgendwo auf einer Bühne sein. Ihr Haar und der Anfang ihrer Haube ist hell erleuchtet.

Man sieht an dem extremen Bildrauschen, daß Du mit einem hohen ISO fotografiert hast. Hättest Du die Aufnahme in Farbe gelassen, wäre ein Entrauscher notwendig geworden. In Schwarz-Weiß fällt es nicht so auf, und das Foto bekommt einen dokumentarischen Charakter.

Durch Deinen Beschnitt, der nicht vollkommen quadratisch ist, liegt ihr Gesicht/Ohr perfekt im Goldenen Schnitt:

Vergleichsfoto

Insofern stimmt also alles.

Worauf ich näher eingehen möchte, ist deine Interpretation des Fotos. Du hast mit einer extremen Brennweite fotografiert, warst also ziemlich weit weg von ihr. Dein Aufnahmestandpunkt befand sich unter ihr – entweder neben der Bühne oder irgendwo im Publikum. Was mir gefällt, ist die Lichtstimmung der Aufnahme.

Dein Schnappschuß ist weder ein wirkliches Bühnenfoto, noch ein Porträt im eigentlichen Sinne. Uns interessiert der Künstler selbst, und Bühnenfotos halten ihn in einem Augenblick fest, der seine emotionale Seite bei der Ausübung seiner Kunst zum Ausdruck bringt. Für ein Bühnenfoto waren Deine Einstellungen mit Ausnahme des ISO-Wertes (ISO 1600 ist die Norm) richtig: lange Brennweite, kein Blitz, offene Blende. Doch ich sehe hier nicht die Aufnahme eines Künstlers bei der Ausübung seiner Kunst, off-stage oder on-stage, ich sehe ein Mädchen, das irgendwo steht und auf etwas wartet. Der grundsätzliche Unterschied zwischen diesem Foto und einer Momentaufnahme auf/neben der Bühne ist doch, daß man den Künstler immer noch in seinem Element festhält. Hier fehlt mir dieser Bezug; das Mädchen gerät zur Nebensache, ihre Haube und ihr Haar sind der Hauptbildgegenstand.

Gute Porträts wiederum bestechen durch eine Verbindung mit dem Modell, die in den Aufnahmen sichtbar wird. Diese entsteht meist ad hoc während der Aufnahmesitzung. Dafür kassieren berühmte Fotografen wie Annie Leibovitz viel Geld. Hier bestand absolut keine Verbindung zu der Fotografierten, und es wird deutlich. Man fühlt sich als Betrachter ausgeschlossen, so, wie jemand, der durch ein Schlüsselloch schaut. Man ist nicht emotional „im Bild“, wenn das Sinn macht. Ich vermute, Du hast im Nachhinein Deine Bilder, die Du während des Festivals geschossen hast, angeschaut, und diese Aufnahme hat eine Erinnerung wachgerufen.

Du könntest dieses Bild, das mir persönlich nur sagt, daß Du Dich zu weit von der jungen Dame entfernt befunden hast, allerdings etwa zum Ausgangspunkt für ein Fotoprojekt machen, das sich mit den Haartrachten von Tänzerinnen beschäftigt, wenn Dich selbige wirklich so sehr interessiert hat. Setze Dich mit ein paar Tanztruppen in Verbindung, überlege Dir einen Projektplan und so weiter. Das kann dann beispielsweise in einem Projekt wie dem von Ayse Tasci münden, die für ihre Diplomarbeit Verhüllungen moslemischer Frauen festgehalten hat.

Alternativ könntest Du Dich einer Laientruppe als Bühnenfotograf anbieten, um in das Metier vertieft einzusteigen.

Du wirst erstaunt sein, wie unterschiedlich die Bilder ausfallen werden.

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