Leserfoto – Herbstidylle am Wegesrand: Nimm Dir die Zeit

Wenn die Zeit hat, sollte man die richtigen kompositionellen Entscheidungen bei der Aufnahme treffen, damit man Korrekturen in der Nachbearbeitung auf ein Minimum beschränken kann.

(c) Marcus Leusch

Berghausen bei Aarbergen (Hessen): Eher zufällig sprang mir im Morgennebel dieses Motiv auf einer abgelegenen Koppel in die Augen. Es dauerte eine Weile, bis sich die Pferde in eine Position bewegt hatten, die mir für eine Fotografie geeignet erschien. Die Szene reizte mich neben den besonderen Beleuchtungsverhältnissen (Nebelwand im Hintergrund) wegen ihres beschaulichen, unaufgeregten Charakters – für mich eine ungewöhnliche Aufnahme, da ich doch eher zur Streetfotografie neige und solche Naturszenen bislang eine Ausnahme darstellen … Insofern bin ich mir auch recht unsicher, ob ich mich da mit meiner Bildauffassung auf einem guten Weg befinde …?

Aufnahmedaten: Fuji X-E1, 18-55 mm-Objektiv (bei 30 mm), Belichtungszeit: 1/350s (Belichtungskorrektur -1 LW) bei ISO 200, Blende: 13, Bearbeitung in Lightroom/Photoshop, Kontraste angehoben, Ränder leicht beschnitten …

Einer der Gründe, warum ich persönlich Schwarzweißfotos bevorzuge, ist, daß man durch das Fehlen von Farbe als Fotograf gezwungen ist, Kontraste etc. anders anzugehen. Farbe lenkt hier nicht ab. Es fallen aber auch bei Schwarzweißfotos Dinge deshalb stärker auf, die man sonst erst beim zweiten Hinsehen wahrgenommen hätte.

Pferde grasen im Nebel auf einer Weide neben zwei Bäumen. Im Hintergrund sind weitere Bäume zu erahnen, im Vordergrund sieht man die Weide. Mir gefiel spontan die Stimmung in diesem Foto. Es ist melancholisch, etwas düster, aber auch beruhigend. Man verweilt gerne mit Dir hier und sieht den Pferden zu, die den Betrachter nicht wahrgenommen haben. Du hast hier gute Ansätze gezeigt, diese aber nicht zu Ende gebracht, obwohl nicht viel gefehlt hätte.

Du hast hier richtigerweise eine einfache Komposition gewählt. Weil aber auch in schwarzweiß umgewandelt wurde, muß wirklich alles stimmen, denn es fällt jeder Fehler sofort auf.

Vorne rechts sieht man markant in den Vordergrund hineinragendes Gras. Die Weide daneben wirkt, als sei das Bild willkürlich unten beschnitten worden, weil noch Stummel anderer Pflanzen daneben zu sehen sind:

Störendes Gras

Ich hätte das dadurch behoben, daß ich diesen Teil des Fotos nachträglich per Nachbelichter abgedunkelt hätte:

Abgedunkelter Vordergrund bildet Rahmen

Jetzt bildet die Vegetation unten mehr Vordergrund und Rahmen, lenkt den Betrachter ins Bild hinein.

Was weiterhin auffällt, sind die Bäume links neben den Pferden. Da alle eine ähnliche Tonalität haben, fallen sie um so mehr ins Gewicht, und die Pferde werden zu Statisten, obwohl sie doch der Hauptgegenstand Deiner Aufnahme sein sollten:

Verschobene Bildgewichtung

Weil Du auch oben so viel negativen Raum gelassen hast, „klebt“ die Szene am unteren Bildrand. Du hast aber dadurch zugleich mehr Spielraum bei der Entscheidung, wie der Bildausschnitt verändert werden kann, um die Gewichtung zu verbessern.

Ich habe hier einen Beschnitt gewählt, der die Bäume zum Rahmen werden läßt und ihnen ihre zentrale optische Bedeutung in der Ausgangsaufnahme nimmt:

Foto mit Beschnitt

Jetzt bilden sie ein Echo zum Gras unten rechts, die Pferde rücken in den Bildmittelpunkt. Wie weit Du links beschneidest, bleibt Dir überlassen, doch ich würde zwischen den Stämmen und dem Bildrand etwas Raum lassen, so wie im Vergleichsbild.

Nachbelichtet und beschnitten sieht das Foto dann etwa so aus:

Foto Endfassung

Persönlich hätte ich von vorneherein bei der Aufnahme einen anderen Bildausschnitt gewählt, damit hinterher nicht so radikal beschnitten werden muß. Das wäre Dir hier ohne weiteres möglich gewesen, da Du nach eigener Aussage sowieso die Zeit hattest, länger zu verweilen.

 

1 Antwort
  1. Marcus Leusch sagte:

    Hallo Sofie,

    Dank für diese wiederum sehr ausführliche Besprechung eines meiner Bilder.

    Wieder eine ältere „Karteileiche“, die ich vor Monaten einmal als „Versuchsballon“ zum Thema Landschaft eingeschickt hatte. Das bewegt sich alles noch im Experimentierstadium. Aber ich lerne sehend hinzu, wie mir andere Versuche in dieser Richtung zeigen …

    Zu den störenden „Pflanzenstummeln“ im Vordergrund (rechts): Das scheint mir eine lässliche Sünde zu sein, die – wenn wirklich gewünscht – so behoben werden kann, wie Du es hier vorschlägst. „Abgeschnitten“ wurde hier jedenfalls nichts, es handelt sich vielmehr um jene Pflanzen, die am Rande einer Böschung gestanden haben. Diese musste ich also in Kauf nehmen, da ich geländebedingt keine andere Aufnahmeposition einnehmen konnte. Das Foto ist also eher ein „Schnappschuss“ … mit Potenzial, an dem zu arbeiten wäre.

    
Zu Deinem Beschnittvorschlag: Nicht die Pferde standen für mich im Mittelpunkt dieser Aufnahme. Aber das mag der Betrachter entscheiden, ob eine entsprechende Fokussierung auf die Tiere selbst Sinn macht. Es wird daraus jedenfalls ein ganz anderes Foto. Für mich gehört der Baum zur Komposition ebenso dazu wie der leere Raum darüber. Wenn schon Beschnitt, dann links (die Baumsilhouette bleibt dabei erhalten) und rechts (das „störende“ Gras wäre dann nicht mehr so auffällig), wobei ja auch weite Teile des negativen Raumes oberhalb der Szene wegfielen. Nach meiner Auffassung würde das mehr Sinn machen, als die Szene (wie in Deiner Bearbeitung) so zu verdichten. Denn das wollte ich gerade nicht!

    Aber wenn Dir Deine „Endfassung“ besser gefällt, ist dies natürlich ebenso zulässig und diskutabel. 


    LG
    Marcus

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