Leserfoto – Hamburger Rathaus bei Nacht in HDR: Effekt und Details

Man sollte, wenn man sich die Zeit nehmen kann, auf Kleinigkeiten achten.

(c) Borg Enders

Als ich meine Nikon D300s vor einigen Jahren gekauft hatte, wollte ich natürlich auch die neuen Kamerafeatures ausprobieren.
Hier mein erster Versuch an einem HDR.
Aufgenommen hatte ich 9 Bilder mit einem Belichtungsunterschied von jeweils +1/3 mit der Belichtungsreihenfunktion.
Diese Bilder wurden dann damals in Adobe Photoshop Elements zusammengefügt.
Leider ist dieses erste HDR auch eins der wenigen HDR Bilder, die mir gelungen sind.
Was denkt ihr? Braucht man 9 Bilder für ein gutes HDR oder anders was sind Tipps, um gute (nicht überzogene) HDRs hinzubekommen?

Vielen Dank schon mal!

HDR-Bilder („High Dynamic Range“) sind ein andauerndes Thema hier bei fokussiert. Wir haben Tutorien darüber veröffentlicht, Kritiken geschrieben, und mit unseren Lesern angeregt diskutiert. Unterm Strich ist HDR Geschmackssache, und seit sie in Mode kam, ist sie eine dieser Bearbeitungsmöglichkeiten, die jeder schon mal irgendwie ausprobiert hat, oder ausprobieren wollte. Wenn sie gut gemacht sind, haben sie einen gewissen „Wow“-Effekt. Wenn sie schlecht gemacht sind, bestechen sie auf negative Art durch überzogene Farben und Aureolen.

Zunächst einmal zu Deiner Frage, wieviele Fotos für ein gutes HDR eigentlich erforderlich sind: auch, wenn Deine Kamera eine Belichtungsreihe von neun Bildern in +/- 1/3 Schritten aufnehmen kann, benötigst Du so viele nicht. Fünf Aufnahmen im Abstand von +/-1 reichen vollkommen. Du kannst es selbst ausprobieren – das menschliche Auge kann diese Feinheiten fast nicht unterscheiden. Ich selbst habe festgestellt, daß es sogar manchmal komplett ausreicht, eine einzige RAW-Datei zu duplizieren und via Photomatix in ein Pseudo-HDR zu verwandeln. Der Effekt wird nicht ganz so stark, aber es fällt kaum auf.

Wie von mir anläßlich einer kurzen Artikelreihe zum Thema HDR erläutert (siehe auch das sehr gute Tutorial von „Stuck in Customs“), muß man sich in der Regel die Mühe machen, einzelne Bildteile so miteinander zu kombinieren, daß Artefakte der Umwandlung angeglichen werden, sonst krankt das Foto an den oben beschriebenen Nebeneffekten.

Gesetzt den Fall, technisch ist alles so verlaufen, wie es sollte – Aufnahmen erfolgreich zu einem HDR zusammengefügt, einzelne Bildteile angeglichen – ist die nächste Frage, ob es als Bild so funktioniert, denn der Effekt alleine macht noch kein gelungenes Foto, und es kann im Extremfall sogar so sein, daß er ein Foto verschlimmbessert.

Du hast uns hier ein Bild des Hamburger Rathauses bei Nacht eingereicht. Die Lichter der Umgebung spiegeln sich im fast ruhigen Wasser, der Himmel leuchtet beinahe unwirklich blau. An den Lichtverhältnissen sieht man auch, daß hier mittels HDR „gedreht“ wurde, aber es ist von den üblichen Artefakten nichts zu sehen, und insofern finde ich die Aufnahme gelungen.

Wenn man das Bild kompositionell unter die Lupe nimmt, fällt auf, daß der Horizont zwar fast im Goldenen Schnitt, eher aber noch auf der unteren Drittellinie liegt (Goldener Schnitt in rot, Regel der Drittel in grün), sich jedoch der natürliche Fluchtpunkt aus dem Goldenen Schnitt heraus nach rechts verschoben befindet (gelb):

Goldener Schnitt/Fluchtpunkt

Das verleiht der Szene zusätzliches visuelles Interesse, ist aber wohl eher der Entscheidung über den Aufnahmestandpunkt geschuldet und dem Wunsch, das Rathaus in den Bildmittelpunkt zu setzen, denn absichtlich als Stilmittel eingesetzt. Das Rathaus befindet sich ebenfalls außerhalb des Goldenen Schnittes, und der Blick wandert deshalb vom Rathaus aus nach rechts zum natürlichen Fluchtpunkt. Die Szene bietet dem Betrachter so mehr Tiefe, es gibt mehr zu entdecken.

Worauf ich mich etwas mehr konzentrieren möchte, ist die Wahl des Bildausschnittes. Es ist grundsätzlich richtig, eine Komposition kompakt zu halten, und manchmal sind aufgrund der Einschränkungen des Ortes oder eigenen Ausrüstung nur bestimmte Ausschnitte möglich. Das bedeutet trotzdem nicht, daß Bildelemente, die nicht als Rahmen etc. gedacht waren, an einem Bildrand „kleben“ sollten, wenn es vermeidbar ist. Genau dieses ist aber mit der Spitze des Rathausturmes passiert und war nach meiner Auffassung vermeidbar. Nur ein kleines bischen mehr Himmel darüber hätte Raum zum Atmen gegeben. Du hattest mit Stativ bei Nacht genügend Zeit, das Foto im Sucher in aller Ruhe zu komponieren.

Weiterhin kippen die senkrechten Linien im Foto (zum Vergleich hier absolut senkrechte Linien in rosa) derart, daß man sich etwas seekrank fühlt. Das liegt an der Linsenkrümmung bei der gewählten Brennweite von 18 mm (27 mm Vollformatäquivalent).

Vergleichsfoto

Man könnte das mittels des Objektivkorrekturfilters in Photoshop beheben, aber dann fehlt die Spitze besagten Rathausturmes vollkommen (siehe Vergleichsfoto) und es löst das Problem nicht wirklich.

Vergleichsfoto

Alternativ kann man das Bild durch „Frei Transformieren/Neigen“ in Photoshop entzerren. Die Turmspitze geht so nicht verloren, aber das Foto hat oben immer noch nicht genügend Raum.

Vergleichsfoto

Ich habe daher oben mehr Himmel hinkopiert, die Turmspitze etwas verlängert und die Aufnahme wieder in ein Seitenverhältnis von 6:4 gebracht. Die Korrektur fällt kaum auf, unten ging nur ein klein wenig Wasser verloren, und jetzt wirkt das Foto oben nicht mehr so gedrängt. Es ist nur eine unmerkliche Veränderung, aber mehr benötigt man hier nicht:

Foto mit Korrekturen

Ansonsten meines Erachtens ein gelungenes Foto und ein Beispiel dafür, das HDR-Bearbeitungen nicht überzogen aussehen müssen.

 

 

2 Kommentare
  1. Sofie Dittmann
    Sofie Dittmann sagte:

    „Es kommt drauf an.“ :) Architekturfotos sollten keine haben, aber wenn Du beispielsweise mit einem Fisheye fotografierst, ist es Teil des Charmes. Vielleicht findest Du stürzende Linien auch so toll, daß Du sie immer beibehalten willst, bis hin zum sogenannten Dutch Angle.

    Ich persönlich gehe immer nach einem „was wäre, wenn“ Prinzip vor, wenn mich etwas stört, und versuche es erst einmal zu korrigieren, so wie hier.

    Antworten
  2. Borg Enders sagte:

    Hallo Sofie,
    vielen Dank für die Kritik.
    Ich werde deine Anregungen bei Gelegenheit aufnehmen.

    Eine Frage on diesem Kontext hätte ich auch noch, setzt du stürzende Linien jemals als Stilmittel ein und wenn ja wo würdest du die Grenze setzen (bevor man sich Seekrank fühlt ;-))?

    LG Borg

    Antworten

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.