Für einen Apfel und ein Ei? – Teil 1

Photobombe

(c) Sofie Dittmann 2014

Muß man seine Seele verkaufen, um als Fotograf/in erfolgreich zu werden?

Vorwort: Ich will hier nicht den Ausbildungsberuf Fotograf ansprechen, sondern eher Quereinsteiger. Zu diesem Beitrag hat mich eine Unterhaltung mit einem befreundeten Fotografen inspiriert, der, obwohl sehr gut in dem, was er tut, Schwierigkeiten hat, für seine Arbeit angemessen bezahlt zu werden. Sobald er auf bestimmten Preisen pocht, wird eben jemand anders angeheuert für den Job. 

Viele Fotografen kennen den folgenden Erfahrungsbericht in Variation: Man wird gebeten, für eine befreundete Familie Porträts derselben zu machen. Vereinbart sind zwei Stunden vor Ort, zwei Kinder, Eltern, Großeltern. Weil man sich ja kennt, macht der Fotograf nichts Schriftliches aus, es wird lediglich mündlich ein Betrag vereinbart. Das Shooting verläuft allerdings alles andere als glatt – die Kinder sind unkooperativ, die Eltern gestreßt, es dauert drei Stunden – er hat zwar am Schluß ein paar ganz gute Aufnahmen gemacht, aber für die Nachbearbeitung benötigt er weit länger als erwartet. Die Kunden nörgeln an den Ergebnissen herum, plötzlich kann sich niemand mehr daran erinnern, was als Preis vereinbart wurde, und schlußendlich bekommen sie ihre Fotos praktisch umsonst.

Anderes Szenarium: ein neues Cafe eröffnet an der Ecke und sucht gerahmte Kunst für ihre Wände. Gegenleistung: freie „Publicity“, denn es besuchen ja jeden Tag einige Leute das Cafe. Und verkaufen kann man selbstverständlich konzessionsfrei. Nach einem halben Jahr verkauft hat man jedoch: nichts.

Es gibt so viele Geschichten dieser Art. Alle laufen auf eines hinaus: Fotografie ist zwischenzeitlich zur Massenware geworden. Jeder, der sich eine Digitalkamera leisten kann, oder auch nur ein Smartphone, ist „Fotograf“. Die Kosten des Einstiegs etwa ins Porträtgeschäft sind daher eigentlich nur die eben jener Kamera, der dazugehörigen Accessoires wie Speicherkarten, und, wenn man etwas wie Gimp zur Nachbearbeitung benutzt, sonst praktisch nichts. Eine Bekannte unsererseits ist gerade so als „Porträtfotografin“ selbständig geworden und stellt jede Woche fröhlich ihre Machwerke ins Netz.

Potentielle Kunden wissen das, und haben oft keine Skrupel, die Leute gegeneinander auszuspielen. Du willst nicht für 100 Euro einen zweistündigen Event fotografieren? Dann macht das eben ein anderer, und sogar für 80 Euro. Du bist mit 500 Euro für eine ganze Hochzeit nicht zufrieden, und eine Mindestanzahl Bilder willst Du mir auch nicht garantieren? Dann rufe ich eben jemand anderen an, der für 400 Euro fotografiert, 200 Fotos garantiert.

Es mag sich übertrieben anhören, aber die Beispiele sind aus dem wahren Leben gegriffen, und auch nur die Spitze des Eisberges. Als ich mit Fotografie angefangen habe, schien mir auch nichts Falsches dabei – ich wollte ja schließlich einen Kundenstamm entwickeln, mich als Fotografin weiterbilden und so weiter, und so fort. Sehr schnell bin ich jedoch darauf gekommen, daß dieses Vorgehen nur ein Ergebnis hat: man macht sich und anderen den Markt kaputt.

Wenn man eine Hochzeit oder Familienporträts für billig Geld anbietet, signalisiert man potentiellen Kunden vor allem, daß man selbst von seiner eigenen (Handwerks-)Kunst nicht viel hält, und sich daher unter Wert verkauft. Und weil es alle anderen auch tun, ist es sehr problematisch, aus dem Kreislauf herauszukommen – denn hat man einmal (praktisch) für umsonst gearbeitet, ist es später schwierig, für die gleiche Leistung etwas/mehr zu bekommen.

Wie also soll man es dann schaffen?

[Teil 2]

9 Kommentare
    • Peter Sennhauser sagte:

      Seitdem hat es sich dann wohl nicht geändert – es ist eher noch schlimmer geworden. „Müll“? Tragisch, und alle scheinen mitzumachen.

    • Marcus Leusch sagte:

      Es (der „Müll“) gehört wahrscheinlich zur Logik des Marktes ebenso wie die Tatsache, dass sich heute jeder Fotograf nennen darf, ohne eine entsprechende Ausbildung genossen zu haben, obwohl es hierzu ja auch staatlich anerkannte Ausbildungswege gibt – ein Widerspruch in sich.

      
Eine interessante Studie/“Versuchsanordnung“ zur Preisentwicklung, die eine Tendenz zu belegen scheint, vor der schon in den 1990er Jahren im Bereich der Printmedien gewarnt wurde – etwa vom Bundesverband professioneller Bildanbieter (BVPA), Journalistenverband, Centralverband Deutscher Berufsfotografen oder Assoziationen frei arbeitender Profifotografen. Einen Leitfaden für eine angemessene Vergütung (Print/Internet) bietet hier etwa die „Übersicht der marktüblichen Vergütungen für Bildnutzungsrechte – Bildhonorare 2015“ des BVPA und andere Empfehlungen der Berufsverbände. 


      Parallel dazu läuft übrigens eine ähnlich dramatische Entwicklung für freie Journalisten und Texter, für die es durchaus zur unseriösen Praxis gehört, Honorare nicht nach Kreativität bzw. Aufwand, sondern nach der Anzahl der Zeichen (!) eines Textes zu „vergüten“. So befinden sich alle Kreativen – ob Profi oder nicht – im freien Fall in einer (kapitalistischen) Verwertungsgesellschaft, die ihre eigenen Kinder frisst. Ja, „tragisch, und alle scheinen mitzumachen“, denn eine Alternative hierzu ist kaum in Sicht.

  1. Chilled Cat
    Chilled Cat sagte:

    Ich finde, ganz so schwarz muss das nicht gemalt werden.
    Es ist natürlich richtig, dass sich die Abbildungsqualität von erschwinglichen Fotoausrüstungen innerhalb der letzten Jahre stark verbessert hat. Das ist aber nichts, was nicht auch für einen Fotografen gilt, der damit seine Brötchen verdienen will.

    Der Preis für das einzelne Bild ist drastisch gesunken. Aber nicht nur für die Amateure. Auch der Profi kann seinem Kunden die Bilder am Monitor zeigen, ohne durch angefertigte Prints in Vorleistung zu gehen, von denen der Kunde dann doch nur einen Bruchteil haben will.

    Es reicht für einen Profi heute sicher nicht mehr aus, sich durch die einmal teuer eingekaufte Ausrüstung von den Massen der Amateurbilder abzuheben. Dank Internet ist er für den potentiellen Kunden auf Mausklick mit anderen Anbietern vergleichbar. Was auch ein Vorteil sein kann, wenn es gelingt dem Kunden die Qualität der eigenen Arbeit sichtbar zu machen.

    Als Amateur kann ich hier gut schlau schreiben, ich muss meine Brötchen nicht durch Fotografie verdienen und kann die Fotografie zu meinem eigenen Spaß betreiben.

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  2. Christian Fehse sagte:

    Ich glaube man darf zwei Dinge bei der Entwicklung nicht vergessen:

    1. Amateure und Profis gleichen sich „qualitativ“ immer mehr an – zumindest was die Bildqualität durch etwa durchs Equipment angeht. Der Unterschied wird geringer, die handwerklichen Einstiegshürden sinken eindeutig. In vielen Situationen reichen dann die Ergebnisse von Amateuren aus.

    2. Es wird immer dann schwierig, wenn man mit etwas Geld verdienen will, was andere aus Spaß machen. Dann kommt man in die Situation, das es jemand für wenig Geld macht, weil er gar nicht davon leben will die Bilder aber für den Anlaß gut genug sind.

    Ich denke es ist nicht unbedingt der „Untergang der Fotografie“ der uns bevorsteht, sondern man wird in Zukunft mit normaler „Gebrauchsfotografie“ (ich will es mal vorsichtig so nennen) kein Geld mehr verdienen können. Ich denke das die technische Entwicklung der nächsten 10 Jahre so weit gehen wird, das man viele fotografische Situationen ohne großes handwerkliches Können so abdecken kann, das es für die Verwendung der Bilder ausreichend ist.

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  3. Marcus Leusch sagte:

    „You press the button, we do the rest“ lautete einmal der Werbespruch von Kodak, als 
die Fotografie sich gerade anschickte, zu einem populären Medium zu werden. Damals war dies noch einigen Wenigen vorbehalten, die sich dieses Freizeitvergnügen mehr oder weniger ambitioniert auch leisten konnten. Der Kleinbildfilm und immer einfacher zu bedienende technische Apparaturen machten die Fotografie schließlich auch für Otto Normalverbraucher interessant – und erschwinglich. Rund 60 Jahre nach Kodaks Werbespruch war daraus bereits ein „Massensport“ geworden, und im Zeitalter der digitalen Revolution fotografieren wir heute selbst mit den kleinsten Fotoapparaten und Wunderlinsen, deren technische Möglichkeiten das der Altvorderen um ein Vielfaches übersteigt. Damit scheint es eigentlich kaum mehr möglich, ein schlechtes Bild zu machen, wie uns die Fotoindustrie mit jedem neuen Kameramodell, das auf den Markt geworfen wird, suggerieren möchte. Und weil wir lieber mit Bildern als mit Worten zu kommunizieren scheinen, ist die kleinste Knipse eben auch unterwegs immer mit dabei, damit die „entscheidenden Momente im Leben“, wie es im Werbelatein heißt, nicht verloren gehen. Heute ist jeder sein eigener Fotograf und mit etwas Kenntnis von Photoshop & Co. lässt sich aus einem eigentlich verunglückten Bild noch etwas zurechtschustern, was sich, wie Christian hier sehr treffend anmerkt, in der Zukunft perfektionieren und immer einfacher und verbraucherfreundlicher gestalten wird. So kannibalisiert sich auf der anderen Seite eben auch der freie Markt zwischen 
technisch zum Teil hochaufgerüsteten Amateuren, Semiprofessionellen und Profifotografen.

    

Als ich sechs Jahre Alt war, ging meine Mutter mit uns Kindern noch ins Fotostudio, 
um ein „ordentliches“ Bild anfertigen zu lassen. Mit zehn Jahren begann ich selbst mit einer Kodak „‘Instamatic‘ Camera“ meine ersten Bilder auf Kasettenfilm zu bannen, 
meine erste Spiegelreflex bekam ich mit 16 Jahren in die Hand gedrückt, zu meinem 
17. Geburtstag folgte denn auch eine kleine Dunkelkammer im elterlichen Haus, und ich 
hörte auf, meine Filme ins Fotolabor zu tragen. Später dufte ich als Zeitschriftenvolontär meine eigene Spiegelreflex zu Veranstaltungen mitnehmen – das sparte Geld für den Profifotografen. … Ich selbst profitierte also schon damals von den technischen Errungenschaften der Fotoindustrie und konnte andererseits einer zunehmenden Verbiederung und Entwertung des Mediums in den Printmedien zusehen. Fotos sollten möglichst wenig kosten und dienten oftmals bloß noch als illustratives Schmuckelement bzw. als Dokument, dabei gewesen zu sein. Qualitative, handwerkliche Maßstäbe waren hier nicht in jedem Fall gefragt: Auch ein schreibender Redakteur, der radebrecht mit einer Kamera umgehen konnte und einigermaßen brauchbare Bilder einfing, durfte sich an diesem „Spiel“ beteiligen. 


    Und heute? Der Fotograf der Zukunft sei wahrscheinlich ein Analphabet, der seine eigenen Bilder nicht versteht, heißt es bei W. Benjamin. Wir fotografieren reflexartig wie wir es gelernt haben, mit Messer und Gabel zu essen. Und so übervölkern eben diese vielen bunten Bildchen unseren kleinen Kosmos, ob in der allzu bunt gewordenen Welt der langsam vor sich hinsiechenden Printmedien oder im Internet, ob privat oder für kommerzielle Zwecke. Der Wert eines Bildes ist inflationär, weil heute jeder zu jeder Zeit und mit guten technischen Voraussetzungen brauchbare Fotos erstellen kann, und weil angesichts der Bilderflut gutes Handwerk in der Massenware unterzugehen droht: Noch nie waren Bilder so billig (nicht aber preiswert!) zu erhalten. Daran wird sich in einer „Geiz ist geil“– Gesellschaft auch nichts mehr ändern. 


    Die unzähligen Amateure, die von einer Existenz als Hochzeits-, Schul- oder Eventfotografen träumen (früher nannte man das einmal „Ich-AG“), haben da oftmals gar keine andere Chance, als ihre Haut zu Dumpingpreisen zu Markte zu tragen. Von diesem Ökonomisierungsdruck, der in einer Abwärtsspirale bei der Preisgesaltung zum Ausdruck kommt, sind selbst viele Fotostudios nicht gefeit, die zwar ordentliche Bilder schnell und zuverlässig „auswerfen“ (Bewerbunsfotos etc.), sich qualitativ aber immer häufiger kaum noch von vielen engagierten Amateuren abheben. …

    Dennoch: Gutes Handwerk sollte immer adäquat und aufwandsorientiert bezahlt werden! Dabei macht es einen Unterschied, ob ich im privaten Kreis oder für Kunden arbeite, für die ich als Einsteiger durchaus einen Preisnachlass vereinbaren kann. Die entsprechende Differenz sollte aber auf einer Rechnung (die ist in jedem Fall ein Muss!!) auch ausgewiesen werden (etwa: angesetztes Honorar, gewährter Rabatt, zu zahlender Betrag), damit bei Folgeaufträgen über künftige Preisgestaltungen (in einem vernünftigen Rahmen) keine unnötigen Zweifel entstehen. – Ein kleiner Trick, der einem das Leben zumindest erleichtert, ohne sich selbst dauerhaft als billige Arbeitskraft erniedrigen zu müssen.

    

Sorry für den überlangen Exkurs zu einem wichtigen Thema (Dank an Sofie!), das mich schon seit Jahren begleitet – und irgendwie immer noch aufregt. …

    Grüße in die Runde
    
Marcus


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    • Sofie Dittmann
      Sofie Dittmann sagte:

      Mußt Dich doch nicht entschuldigen?! Erstens einmal finde ich Deine Kommentar immer wieder interessant und aufschlußreich, und zweitens hast Du Dir hier die Zeit genommen, meinen Artikel ja noch zu ergänzen. Vielen Dank dafür!

  4. Christian Fehse sagte:

    Ich denke mit vielen Aspekten wird es der professionellen Fotografie in absehbarer Zukunft ähnlich gehen wie mit der Plakatmalerei vor 100 Jahren: sie wird verschwinden. Sie wird einfach nicht mehr in der Qualität und dem Wert wie vorher benötigt. Die professionelle – vernünftig bezahlte – Fotografie wir sich in bestimmten Nischen sicherlich halten, da wo spezielles Equipment benötigt wird, oder besondere Effizienz oder auch wo es besonders gefährlich ist. Also immer da, wo die Hürden hoch sind. Daneben wird viel „brotlose Kunst“ (ganz gleich welcher Qualität), viele Workshops, Seminare und Webseiten wie diese bleiben – und eben viele idealistische Leute, die für ein bisschen Geld eine zeitlang Alles mögliche fotografieren, bis sie keine Lust mehr haben, sich für einen Appel und ne Ei sagen zu lassen, was sie machen sollen. Dann kommt die nächste Generation oder die Hochzeitsgäste fangen irgendwann an, alle Bilder während des Events selber zu machen. Die technischen Möglichkeiten werden noch besser werden – und die Ergebnisse auch. Fotografen wird es wohl gehen wie Schauspielern, Malern oder Musikern. Es gibt viele mit guter Qualität, aber leben kann nur ein winziger Bruchteil von ihnen davon – und wahrscheinlich auch nicht das ganze Arbeitsleben lang.

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    • Sofie Dittmann
      Sofie Dittmann sagte:

      Es ist irgendwie komisch: Musiker oder Künstler werden ist für die Leute faszinierend, und glamorös – und dann sorgen sie über so Dienste wie Spotify dafür, daß diejenigen, die sie so bewundern, nicht von ihrer Musik leben können. Und Du hast recht: die Kamera macht zwar nicht den Fotografen, aber wenn die Leute nicht zu schätzen wissen, was ein gutes Auge ausmacht, kann man eine Hochzeit auch mit den Smartphones der Gäste bestreiten.

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