Ich, Ich und… Ich – Teil 1

Über reine Selfie-Schnappschüsse hinaus – das Selbstporträt oder: Macht die Selfie-Generation die Kunstform des Selbstporträts überflüssig?

Sofie Dittmann

(c) Sofie Dittmann 2009

Eines der ersten Bilder, die ich auf fokussiert besprochen habe, war ein Selbstporträt unseres Lesers Thomas Wenskat. Mir hat der Stil der Aufnahme so gut gefallen, daß ich es selbst versucht habe, und herausgekommen ist eines der besten Fotos, die von mir bis heute existieren (siehe rechts). Von da an hatte ich meine Ablehnung gegenüber Selbstporträts überwunden.

Seitdem Menschen ihr Spiegelbild entdeckt haben und anfingen, Kunst zu erschaffen, gibt es Selbstbildnisse. Einige Künstler, man denke hier etwa an Frida Kahlo, haben das Abbild des Ich so perfektioniert, daß sie zum Inbegriff desselben geworden sind. Und auch für Fotografen sind Selbstporträts eine der besten Übungen, denn man schult nicht nur sein Auge, sondern tritt sich selbst auch auf eine Weise gegenüber, die man sonst zu vermeiden sucht. Für viele Leute, die ich kenne (mich selbst eingeschlossen), ist ein guter Grund, HINTER der Kamera zu sein (abgesehen davon, daß man passioniert fotografiert), daß sie nicht gerne fotografiert werden.

Selfies sind eine der am stärksten wachsenden Fotografiekategorien im Netz: laut einem Artikel in Adweek/Social Times machen sie ein Drittel aller auf sozialen Medien wie Facebook, WhatsApp oder Twitter von 18 bis 24-jährigen veröffentlichten Fotos aus. Kann man also heute noch Selbstporträts machen, die über das Banale hinausgehen? Oder hat die Selfie-Generation Selbstporträts als Kunstform überflüssig gemacht?

Man kann natürlich argumentieren, daß eben die Überschwemmung des Internets mit Selfies genau das bewirkt hat: die Selbsterforschung, das sich selbst Gegenüberstehen – also das, was Selbstporträts eigentlich ausmacht – ist bei Schnappschüssen, die bei jeder Gelegenheit von sich selbst angefertigt werden, praktisch nicht mehr gegeben. Ich beim Einkaufen. Ich mit Freunden. Ich betrunken auf einer Party… Auf der anderen Seite sehe ich nach wie vor Selbstbildnisse im Internet, die über diese seichte Selbstdarstellung hinausgehen. Und daher, denke ich, sind Selbstporträts nach wie vor als Kunstform relevant. Denn schließlich entscheidet ja die Fotografin, was sie einfangen wollte, und wie.

Je nach Ausrüstung ist bereits das Aufnehmen des eigenen Bildes eine Herausforderung. Man kann zwar auf modernen Smartphones von der rückwärtigen auf die vordere Kamera umschalten, doch diese ist meist nicht von derselben Qualität, was Auflösung etc. angeht. Wenn man mit seiner eigenen DSLR fotografiert, kann man die Kamera auf etwas ausrichten, das als Platzhalter dient, aber häufig muß man mehrere Versuche starten, bis das Foto im Kasten ist. Bei höherwertigen Kameras gibt es Software, über die man auf dem Computerbildschirm sehen kann, was die Kamera sieht – doch je nach Situation ist das nicht praktikabel.

Aber mal von allen diesen Dingen abgesehen: warum das eigene Ich als Motiv wählen?

[Teil 2]

2 Kommentare
  1. franz Schmied sagte:

    Dear Sofie!

    ich bewundere zwei Eigenschaften an dir:
    deine ( fundierte ) Fabulierkunst und
    deinen Mut zum Selbstportrait!

    Denn damit gibt man so viel von sich preis
    das in unserer Facebookzeit zwar immer und überall praktiziert wird,aber nur oberflächlich,ohne jeden Tiefgang !

    ;-) franz

    Antworten

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