Ich, Ich und… Ich – Teil 2

[Teil 1]

Warum schlußendlich sich selbst fotografieren?

Self #41

(c) Sofie Dittmann

1. Das immer verfügbare, vertraute Motiv

Frida Kahlo soll gesagt haben, sie male sich selbst, weil sie oft allein und das Sujet sei, das sie am besten kenne. Wenn man also niemanden anderen porträtieren kann, oder ansonsten nicht die Möglichkeit hat, nach anderen Themen zu suchen – das eigene Porträt als Fotoprojekt ist immer vorhanden. Man muß keine Kleinkinder zum in die Kamera Schauen motivieren, oder (noch schlimmer), sie zum Lächeln bringen. Man muß sich nicht nach dem Terminplan anderer richten. Und vor allem, man muß sich nicht auf sein Modell einstellen – denn schließlich kennt man sich ja seit Jahren und schaut sich jeden Tag im Spiegel an.

2. Sich selbst ins Auge sehen

Das ist jedoch auch die Herausforderung: wer schon einmal Porträts fotografiert hat, weiß, Leute wollen nicht so aussehen, wie sie aussehen – sie wollen SCHÖN sein, ATTRAKTIV; mit einem Wort: perfekt. Auf keinen Fall wollen sie ihr Doppelkinn, ihre Pickel oder sonstige Mängel ins Gesicht gerieben bekommen, und so verbringt man eine gewisse Zeit erst damit, sie vorteilhaft zu positionieren, und dann später damit, jene Pickel etc. wenn nicht wegzuretouchieren, dann doch abzumildern. Selbstporträts sind da keine Ausnahme – nur daß man seine eigenen Imperfektionen sowieso schon jeden Tag sieht.

Das Gute am Genre ist allerdings: die einzige Person, die man bei einem Selbstporträt zufriedenstellen muß, ist man selbst. Andererseits bedeutet sich selbst abzulichten aber auch, sich im wahrsten Sinne des Wortes ins Auge zu sehen. Was man morgens im Bad noch auf Faktoren wie Übernächtigung oder ein Bier zuviel schieben konnte, blickt einem jetzt stetig vom Bildschirm entgegen. „Die Zeit ist wirklich nicht gnädig mit mir umgegangen,“ denkt man sich. Oder man entdeckt, daß man trotz all der Jahre noch recht passabel aussieht.

Wie dem auch immer sei – Selbstporträts sind eine Konfrontation mit dem eigenen Ich, und als solche regen sie zur Selbstreflexion an.

3. Sich selbst in Szene setzen

Ist man einmal darüber hinweg, daß man so aussieht, wie man aussieht, kann man beginnen, sich zu überlegen, WIE genau man sich darstellen möchte. Im Spiegel, im Auto, auf dem Sofa – sie Möglichkeiten sind unerschöpflich.

Ilse Bing wurde die Königin des Selbstporträts genannt, weil sie ihre Kamera so einzusetzen wußte, daß für ihre Zeit sehr experimentelle und ungewöhnliche Fotos mit ihr als Modell entstanden.

Also heißt es, kreativ zu werden und Makeup, Verkleidungen, ungewöhnliche Perspektiven einzusetzen. Wonach einem auch immer ist, das Modell wird sich nicht beschweren, und man kann sich später mit einem Bier, einem Glas Wein, oder auch nur einem Eisbecher belohnen.

4. Mögliche Projekte

Ein Freund von mir, der Fotografie unterrichtet, macht schon seit einiger Zeit Selbstporträts nicht nur zum obligatorischen Teil seines Unterrichts, er fotografiert sich auch selbst regelmäßig (in letzter Zeit oft auf Fahrrädern…). Angeregt durch sein Beispiel habe ich mir Gedanken gemacht, wie ich über das gelegentliche Selfie hinaus ein Projekt daraus schaffen könnte.

Ein paar befreundete Food-Blogger haben eine Zeitlang ein Bild am Tag veröffentlicht – ich habe beschlossen, daraus ein Selbstporträt am Tag zu machen. 2013 ging es am 1. Januar los. Als Rahmenbedingungen habe ich mir selbst ein paar Auflagen gemacht: ein Foto am Tag, gemacht mit meinem Handy, aufgenommen mit einer App, die „RetroCamera/Little Orange Box“ heißt, sich ausschließlich über die rückwärtige Kamera des Handys bedienen läßt, und sehr unvorteilhafte, dunkle, stark kontrastreiche Porträts produziert. Hier ein paar Beispiele:

Self #12

(c) Sofie Dittmann

Self #284

(c) Sofie Dittmann

Self #179

(c) Sofie Dittmann

Self #46

(c) Sofie Dittmann

Zugegebenermaßen war ein Bild täglich nicht immer möglich – ich habe vergessen, eines zu machen, oder wir waren weg, oder irgendetwas anderes kam dazwischen, so daß ich an manchen Tagen mehrere aufgenommen habe.

Schlußendlich kamen jedoch 365 dabei heraus; ich habe auch die behalten, die unscharf oder fehlbelichtet waren. Meine Mutter, die nie ein Blatt vor den Mund nahm, hat mich mehrmals gefragt, warum ich so häßliche Bilder von mir auf Facebook stelle – die seien ja schrecklich.

Ja, sind sie zum Teil, und das war Absicht. Ich habe sogar ein Buch daraus gemacht, denn das bot sich so an.

Ob sie noch für jemand anderen „gut“ oder relevant sind, ist in diesem Fall zweitrangig. Das Projekt hat Spaß gemacht, und damit seinen Zweck erfüllt. Ich überlege sogar, es in anderer Form noch einmal durchzuziehen.

Die Möglichkeiten sind endlos – beispielsweise hat vor nicht allzu langer Zeit jemand auf Lenswork eine Reihe Selbstporträts veröffentlicht, die ihn als seine Verwandschaft zeigen.

Fotografiert hier jemand Selbstporträts? Gelegentlich oder regelmäßig? Warum? Ich wäre interessiert daran, in den Kommentaren ein paar Beispiele zu sehen.

15 Kommentare
  1. Avatar
    Dirk sagte:

    wo kann ich ein solches den Laden … ?

    Ist schon witzig ne … wie Du es beschreibst … tausende Bilder von der Straße mit Menschen und und und … und warum nicht auch ein persönliches Bild zeigen … nur Mut…

    Dirk

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  2. Avatar
    Ligore sagte:

    Vielen Dank für die sehr lesenswerte Abhandlung über Selbstportraits. Ich persönlich finde es ein schwieriges Unterfangen sich selbst so zu fotografieren, wie ich mich sehe; abgesehen von den technischen Hürden. Ich glaube das es tatsächlich leichter ist andere zu sehen und zu beschreiben (fotografieren) als sich selbst.

    Antworten
    • Sofie Dittmann
      Sofie Dittmann sagte:

      Gerade deshalb ist es einen Versuch wert – es sagt etwas aus, wenn die Fotos, die ich von mir selbst gemacht habe, bisher besser sind als das, was andere von mir aufgenommen haben.

    • Sofie Dittmann
      Sofie Dittmann sagte:

      KLASSE! genau so hab ich mir das vorgestellt. markus hat mir auch schon privat etwas geschickt – es ist also noch hoffnung da… hahaha

    • Avatar
      ligore sagte:

      Bei der Veröffentlichung hatte das Bild nicht so viel Resonanz, ich liebe es …

    • Sofie Dittmann
      Sofie Dittmann sagte:

      Kunst und künstlerischer Ausdruck sind im allgemeinen das, was Amerikaner einen „crap shoot“ nennen, also Glückssache. Wenn man die Leute dann noch mit einem Konzept wie Selbstportäts konfrontiert… Man sieht ja an der allgemeinen Reaktion hier, daß das Thema nicht ganz einfach zu sein scheint. Jedenfalls gefällt mir das Foto super – weiter so!!

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    Marcus Leusch sagte:

    Liebe Sofie,

    das ist ja wohl die couragierteste Selbst-Präsentation auf diesen Seiten, die ich bislang erleben durfte. Und noch auf einem der für m i c h schwierigsten Felder überhaupt: Die Begegnung mit dem eigenen Ich, jenem unbekannten Kontinent … – zumindest gibt es da gewiss zahllose Ecken, die nicht unbedingt unter die Hirnschale passen. Ich finde Dein Projekt (365 Tage der Selbsterkundung) jedenfalls sehr ansprechend, auch (oder gerade) weil dabei Bilder entstehen, die aus dem Rahmen fallen und mit den sonst üblichen Selfies kaum mehr etwas am Hut haben. Diese Ergebnisse nun auch zu publizieren, ist ein mutiges Unterfangen, weil sie so viel von der eigenen Identität Preis geben, während man „sich selbst ins Auge sehen“ lernt – der Betrachter übrigens inbegriffen, zumindest mittelbar. Über die Qualität der einzelnen Fotos lässt sich bei diesem spielerischen „Experiment“ auch gar nicht streiten, wie ich meine, denn hier kommt es auf die Erzählmuster- und Varianten innerhalb der Serie an.

    
Ich finde auch das klassische Beispiel Ilse Bing (Spiegelungen und Spiegelblicke) sehr interessant, das mir persönlich sehr nahe ist.


    Ja, auch ich habe mich solchen Selbstversuchen vor gar nicht langer Zeit einmal ausgesetzt, brauche dazu aber immer einen gewissen zeitlichen Abstand, diese auch zu zeigen, obwohl sie mich in den meisten Aufnahmen durch die Verwendung verschiedener Materialien und Stoffe eher verfremdet abbilden. (Aber für eine Präsentation braucht’s ja auch einen gewissen Exibitionismus, der mir gänzlich fehlt.) Thema: Bergen und Verbergen – eine Auseinandersetzung mit dem älter werden … – Nun, darauf kommt man wohl nur im fortgeschrittenen Alter ;-)

    

Dank für Deine freimütige Anregung
    
Marcus

    Antworten
    • Sofie Dittmann
      Sofie Dittmann sagte:

      Danke! Da Du bisher der einzige Kommentar zu diesem Artikel bist, könnte man vermuten, daß hier entweder niemand Selbstporträts fotografiert oder keiner Lust hat, die eigenen anzusprechen. Sei’s drum.

    • Avatar
      Marcus Leusch sagte:

      „… oder keiner Lust hat …“

      Dafür ist das Thema vielleicht einfach viel zu persönlich. Und wer wollte sich hier mit seinen eigenen Selfies/Selbstportraits schon in die Karten blicken lassen? LG

    • Sofie Dittmann
      Sofie Dittmann sagte:

      Das kann natürlich auch sein. Wenn man allerdings die Bilder von Frida Kahlo etwa sieht, DIE sind WIRKLICH persönlich. Nicht, daß ich mich mit ihr vergleiche, aber Du verstehst mich schon. Ich habe einer befreundeten Fotografin vorgeschlagen, wir sollten uns bald einmal gegenseitig ablichten – mal sehen, was DA herauskommt.

    • Avatar
      Marcus Leusch sagte:

      Ja, Sofie, ich verstehe Dich nur zu gut. Aber eine Künstlerin wie die Kahlo ging immer bis an die Grenze der Selbstentblößung. Überschreitungen und Experimente mit dem Ego mögen in der Kunst geboten sein, im normalen Leben bewegt sich eine solche Performance immer an der Schamgrenze …, auch wenn die Ergebnisse Galaxien von einer künstlerischen Gefahrenzone entfernt sein mögen, wie bei einem einfachen Selfie. Aber schon beim Einfachen fängt es für Otto Normalverbraucher an, kompliziert zu werden. Komisch ist bloß: Was in einem Fotoblog offenbar nicht geht, feiert auf Facebook & Co. fröhlich-freizügige Urständ … ;-)

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