Leserfoto – „Halbzeit“: Absicht und Aussage

gb_08-06-2015_aegidien-10-sinc

(c) Gregor Boos

Dies Bild ist im Juni, abends nacht 19:00 Uhr, in Lübeck im Aegidienhof entstanden.
In dem Moment, als ich ihn betreten hatte, ist mir dieser Ball sofort aufgefallen, wie gerade eben liegengelassen.
Fotografiert wurde es mit einem SLR Magic 35mm f/1.7 (C-Mount Objektiv an Micro Four Thirds Adapter) an einer Olympus E-PL3.
Blende geschätzt f/8 (der Einstellweg zwischen f/5,6 und f/16 beträgt knapp 10mm und das Objektiv hat keine Blendenrastung). Das Objektiv hat auf Grund seiner Konstruktion je nach Blende einen mehr oder weniger großen scharfen Spot und bildet außerhalb dieses Spots unscharf ab. Scharfgestellt wurde auf den Ball.

Grundsätzlich muß ein Bild ohne die Erklärung des Fotografen, was er intendiert hat, bestehen können – es in der Hinsicht, also intentionalistisch, zu beurteilen, wird im allgemeinen als falsch angesehen. In diesem Sinne betrachte ich Dein Bild, und sehe eine Fußball vor einem Baum. Die Ränder sind verschwommen dargestellt, was auf den ersten Blick entweder dem Objektiv oder der Nachbearbeitung geschuldet ist. Da die Farben ansonsten blaß wirken, gehe ich davon aus, daß die Verschwimmung durch das Objektiv kommt. Das Foto sagt mir sonst – nichts. Es gibt keinen Kontext hinsichtlich Ort oder Zeit, abgesehen von dem Fenster links und dem verschwommenen Gebäude rechts (was mir aber nicht unbedingt weiterhilft); das Gefühl des „wie gerade eben liegengelassen“ stellt sich für mich nicht wirklich ein. Da liegt ein Ball. Das ist es. Damit könnte es sich hier um eine der kürzesten Kritiken handeln, die ich je geschrieben habe; doch soll sich ja ein Lerneffekt einstellen, und aus diesem Grund ziehen wir ja auch regelmäßig das in Betracht, was uns unsere Leser zu ihren Aufnahmen schreiben.

Zunächst einmal zur Komposition: der Ball liegt fast vollständig mittig im Bild (gelb).

Ball ist mittig angeordnet.

Ball ist mittig angeordnet.

Er folgt weder der Drittelregel (grün) noch der des Goldenen Schnitts (rosa).

Goldener Schnitt/Drittel

Goldener Schnitt/Drittel

Das kann gekonnt so eingesetzt werden, aber hier war es, meiner Vermutung nach, eher Zufall. Das Statische des Motivs wird dadurch noch verstärkt, aber nicht unbedingt positiv. Es macht das Foto nur noch etwas, sagen wir es jetzt einfach einmal, langweiliger.

Was das Bild aber hat, und weswegen ich es ausgewählt habe (abgesehen vom oben erwähnten Lerneffekt), sind die verschwommenen Ränder. Damit hätte man etwas machen können. Da ich die Aufnahme jedoch nicht wiederholen kann, möchte ich Dir zeigen, was man aus meiner Perspektive jetzt noch aus ihr herausholen kann.

Erstens einmal würde ich den Beschnitt radikal verändern, und zwar schlage ich 1:1 vor.

Beschnittvorschlag

Beschnittvorschlag

Damit wird eine das Foto bestimmende visuelle Linie vom Fenster zum Ball geschaffen (hellblau), der Baum wird zum Hintergrund.

Bestimmende Linie verstärkt

Bestimmende Linie verstärkt

Und da sich der Ball jetzt (fast) im Goldenen Schnitt befindet, wird etwas mehr Spannung aufgebaut.

Ball ist fast im Goldenen Schnitt

Ball ist fast im Goldenen Schnitt

Bleibt noch die Farbstimmung in diesem Schnappschuß. Ich habe erst die Helligkeit und den Kontrast angehoben, und dann insgesamt noch einmal die Farbsättigung.

Farbkorrektur

Farbkorrektur

Dann habe ich eine Kolorierung über das ganze gelegt, die der Aufnahme einen leichten Retro-Stil gibt, und abschließend nur noch die roten Kreise auf dem Fußball zurückgeholt, die dadurch zu blaß wurden.

Leichte Kolorierung

Leichte Kolorierung

Endergebnis

Endergebnis

Je nach persönlichem Geschmack kann man noch weiter daran drehen. Ich beispielsweise bevorzuge Schwarzweiß, und mein Endergebnis würde wohl so ähnlich aussehen:

Schwarzeißumwandlung

 

Version in schwarzweiß

Version in schwarzweiß

Was man auch immer tut, man sollte aber halt machen, bevor man die Grenze zur Verschlimmbesserung überschreitet.

Beide Bilder nebeneinander im Vergleich:

Endergebnis Vergleich

Endergebnis Vergleich

18 Kommentare
  1. Ralf H. Badera sagte:

    Ich bin ganz bei Marcus Leusch.
    Bei solchen Bildern frage ich mich zunächst folgendes: 1. Will mich der Fotograf verarschen und schauen, was ich sensationelles in diesem trivialen Bild sehe und hinein interpretiere? 2. Oder ist das Bild in seiner Trivialität und Banalität so genial, dass es mir zu hoch ist, diese Genialität zu sehen, zu bemerken? 3. Oder hält der Fotograf das Bild tatsächlich für sehenswert?
    Respekt an Sofie, die sich diesem – m-E. langweiligen – Bild tatsächlich widmet, es nach Gestaltungsregeln untersucht und bearbeitet. Für mich wäre das vergeudete Zeit und Liebesmüh.
    Davon ab würde ich das Bild tatsächlich anders schneiden. Mir ist das Fenster links zu störend, so dass ich den Ball weiter nach links ins Bild gesetzt hätte, um damit das Fenster heraus zu bekommen.

    Antworten
  2. Markus Schaller sagte:

    Den Zuschnitt von dir, Sofie, finde ich wesentlich besser. Das macht das Bild und das Motiv an sich lebendiger. Das S/W-Bild ist mir auch etwas zu dunkel, aber an sich finde ich schwarz-weiss auch besser.
    Das Fenster sticht einem jetzt direkt ins Auge. :D

    Wegen der Kommentare: Das kann am Cache des Browsers liegen, ja. Das ist die wahrscheinlichste Möglichkeit.

    Antworten
    • Sofie Dittmann
      Sofie Dittmann sagte:

      Warum hätten wir das löschen sollen? Ging mir aber vor kurzem mit einem Kommentar von Marcus genau so – ist vielleicht ein Problem mit dem Cache des Browsers??

  3. Dirk Wenzel sagte:

    Da liegt ein abgetretener Ball im Grün vor einem gereiften dicken Stamm welcher mit Grün auf der Rinde überzogen …
    Im Hintergrund das weiß gerahmte Fenster mit ganzen Scheiben … wenn das keine Geschichte ..,

    mein erster Gedanke … Straßenfußball ist schon länger nicht Meer … Grüße vom Krabbenkutter… gespielt…

    Die Farbe Grün auf der Rinde des Baumes die Winddichten Fenster und der noch mit Luft gerundete Ball …

    wenn das keine Story ist… so find …

    drei aussagekräftige Elemente mit Farbbedeutungen …

    Und wieder ab zur Seehundbank … da schwimmt noch ne Boje ohjejeje vor der Sandbank bei blauem Himmelsschein und einer weißen Wolke … die Boje ist grün paterniert auf orangenen Untergrund…

    Kuttergrüße Dirk

    Antworten
  4. Werner sagte:

    Also, ich sehe das schon so, dass das Ausgangsbild durch den Beschnitt und die Farbkorrektur hier unheimlich an Spannung und quasi Sinn gewonnen hat. Ich bin immer wieder auf´s Neue überrascht, was doch die „Profis“ (Sophie D. oder Thomas B.) aus einem banalen Allerweltsbild noch herauszukitzeln vermögen. Fazit: Für mich ist´s jedes mal sehr lehrreich.

    Antworten
    • Marcus Leusch sagte:

      Hallo Werner,

      auch ich bin immer wieder überrascht, was sich mit Feingefühl und Sinn für die fotografische Praxis (Aufnahme und Postproduktion) aus einem Bild hervorzaubern lässt. Aber welchen „Sinn“ hat denn nun dieses Bild durch Sofies Besprechung erhalten, der vorher ja offensichtlich nicht in ihm vorhanden war, wenn Du feststellst, es habe an „Spannung und quasi Sinn gewonnen“?? Was sagt uns das Bild, wenn wir es neben vielen anderen an einer Wand hängen sehen, ohne seine Bearbeitungsgeschichte zu kennen?

      LG
      Marcus

    • Sofie Dittmann
      Sofie Dittmann sagte:

      Was sagt mir ein Pissoir, das jemand unterschrieben und zu „Kunst“ erklärt hat? Der Vergleich zu Dada hinkt hier zugegebenermaßen, aber Du solltest sehen, was hier zum Teil die Ohio State Fair gewinnt…

    • Marcus Leusch sagte:

      Die Ohio State Fair ist so weit weg – und vielleicht nicht so bedeutend …, aber das „Pissoir“ (eigentlich „Fountain“) eines jener berühmten „Ready-made“ von Marcel Duchamp, ist wohl ein Schlüsselwerk der Kunstgeschichte, das in diesem Kontext eine „Bedeutung“ hatte – und hat. Fast möchte ich nun meinen, der „liegende Ball“ hat ein vergleichbares Potential …

  5. Marcus Leusch sagte:

    Ein Ball ist ein Ball ist ein Ball … 


    Die sensationell kürzeste Aufführungskritik, die mir aus der Literatur bekannt ist, stammt von Herbert Ihering (1910er/20er-Jahre). Eine Inszenierung des Shakespeare-Klassikers „Wie es Euch gefällt“ kommentiert er lapidar mit dem Ausruf: „So nicht!“

    

Diesen Ausruf könnte man auch vor dieses Bild stellen, ohne dem Einsender damit zu nahe treten zu wollen, denn hier handelt es sich ja nach seiner eigenen Aussage wohl eher um einen Test der Abbildungsleistungen seines Objektivs, die ihn hier faszinierten; der Ball selbst ist das Objekt dieser Intention, die für m i c h Charakter und Aussage des Bildes bestimmen: Dies könnte man in einer Kritik auch so formulieren. – Und Punkt.

    
Es stellt sich wohl aber die Frage, warum das Bild für eine Besprechung überhaupt ausgewählt wurde. Der Grund hierfür ist m i r nicht wirklich einleuchtend, zumal sich m i r der „Lerneffekt“ einer solchen Besprechung nicht erschließt. Was soll der Leser denn nun mitnehmen, wenn er am Ende des Textes angekommen ist? Die selbe Erfahrung musste ich auch bei der vorangegangenen Kritik „Nachbearbeitung schafft kein Motiv“ machen. Ja, was kann man aus solchen Fotografien nicht noch alles herausholen, weil man weiß, wie solches technisch ins Werk zu setzen ist … Aber es macht dann auch ein bisschen den Eindruck, als drehe man auf einer Glatze eine Locke. Es bleibt bei diesem Schaulaufen eine gewisse Leere, die ich nicht zu füllen vermag und irgendwie hat dies auch etwas Ermüdendes, dem man angestrengt folgt…

    Ich möchte an dieser Stelle nicht überheblich klingen: Ich kenne Fotografien, die von fotografischen „Einsteigern“ gemacht wurden, vor denen ich meinen Hut ziehe. Bei diesen kann man sagen „die Intention macht … das Bild“ zu einem ganz wesentlichen Teil aus, denn jedes Bild das „spricht“ hat eine Intention (= Absicht) und ist von ihr inspiriert, unabhängig davon, ob hier und da etwas nachgebessert werden muss, was eine Kritik ja zum Wohle Aller herausarbeiten kann. Manchmal sind es sogar die vermeintlich fehlerhaften Bilder, die eine besondere Wirkung erzielen.
    Im Falle des hier präsentierten „Balls“ kann ich das nicht unbedingt behaupten. Für m i c h steht da eher eine an technischen und ästhetischen Maßgaben orientierte „Erzählung“ (Kritik), die sich anbietet, gerade weil dieses Bild so eindimensional zu interpretieren ist.

    
Sorry, wenn ich mich hier so „kritisch“ äußere, das ist grundsätzlich nicht mein Stil und mag wohl an den unerträglichen Temperaturen liegen, die mir zurzeit zu Kopfe steigen, aber: Auch der Gegenstand einer Kritik stellt diese selbst mitunter auf eine (harte) Probe … und manchmal eben auch zur Disposition. … Wo ist eigentlich jener Anteil des Bildes, der Dir, Sofie, etwas „gesagt“ hat und über den Du uns etwas erzählen könntest, jenseits aller technischen und kompositorischen Erwägungen?


    @ Tilman
    Das „Bearbeiten von Bildern“ (analog/digital) ist schon immer „hilfreich“ gewesen. Und: freilich sollte man bei einem Bild immer darauf achten, „besser hinzugucken“. … Ein Aspekt den man aus Sofies Ausführungen durchaus positiv herauslesen kann …

    
Gruß in die Runde
    
Marcus


    Antworten
    • Sofie Dittmann sagte:

      Erst hatte ich den Kommentar auf der Seite nicht gefunden und schon befürchtet, Du hättest ihn entfernt. Werde mich nach Aufenthalt in DC ausführlicher äußern, aber es sei zunächst nur gesagt dass hier nicht immer nur super tolle oder anspruchsvolle Bilder zum Zuge kommen. Dafür will ich bald mal Portfolios und so weiter besprechen. Last but not least, Ihr bestimmt was Ihr hier einreicht und wir suchen uns dann was aus. Und manchen gefällt das dann, und manchen nicht.

    • Sofie Dittmann
      Sofie Dittmann sagte:

      Also, jetzt nochmal ausführlicher, lieber Marcus. Wie bereits zuvor angedeutet, muß meine Auswahl nicht immer für jeden Sinn machen. Unsere Leserschaft setzt sich aus Fotografen so vieler unterschiedlicher Stufen zusammen, daß ich zu jeder Zeit irgendein Foto auswählen und besprechen könnte, und es wird immer jemanden geben, dem es entweder nichts sagt, oder der sich ärgert, daß ausgerechnet dieses Bild drankam, oder…

      Wie etwa, als ich vollkommen absichtlich vor einem Jahr zwei Fotos eines Lesers fast hintereinander besprochen habe. Das hat damals einen kleinen Sturm im Wasserglas ausgelöst.

      Wie ebenfalls bereits erwähnt, werde ich demnächst gezielt anfangen, Portfolios, Serien und Werkgruppen zu besprechen, teilweise wohl gegen Entgelt.

    • Marcus Leusch sagte:

      Liebe Sofie, 
Dein Beispiel zum „Sturm im Wasserglas“ steht auf einer ganz anderen Seite. Hier gab es ja durchaus sehr interessante inhaltliche Aspekte, die thematisiert werden konnten und sollten …

      Es geht doch grundsätzlich weder um „Gefallen“ oder „Nicht-Gefallen“ und es geht auch nicht um „unterschiedliche Stufen“ des Könnens, das man aus den eingereichten Bildern herauslesen kann, und somit auch nicht um „das super tolle Bild“. 



      Ich kann hier die Abschlussfrage meines letzten Posts nur wiederholen (siehe oben). Ich persönlich glaube, dass man ein Bild dann nutzbringend und lehrreich (für andere) besprechen kann, wenn es dem/der Kritiker(in) eine gewisse Intentionalität vermittelt, die ihm/ihr selbst auch etwas sagt. So geben professionelle Korrekturen Anlass über den Sinngehalt (Form und Inhalt) einer Fotografie nachzudenken, indem sie diesen mitunter sogar erst frei legen. Welchen Sinngehalt aus dem liegenden Ball herauszulesen wäre, erschließt sich mir beim besten Willen nicht. Es sei denn, man möchte bloß noch zeigen, wozu einige technische Parameter (Photoshop & Co.) oder die Beachtung ästhetischer Maßgaben sich aufzäumen lassen, um zu demonstrieren, dass man sein Handwerk auch beherrscht. – Ein bisschen wie l‘art pour l‘art, bei dem man mit Kanonenkugeln auf Spatzen schießt. … 



      P.S.: Ich störe mich übrigens nicht an der Banalität des Aufnahmegegenstandes, denn auch sehr viele bleibende Fotografien bekannter/unbekannter Fotografen vermitteln ein besonderes Erkenntnisinteresse gerade am Banalen.

    • Sofie Dittmann
      Sofie Dittmann sagte:

      Ja, das siehst DU so, lieber Marcus – die Leute waren da ganz anderer Meinung. Lassen wir es gut sein – bald kommt eine andere Bildkritik, und die wird Dir dann hoffentlich mehr sagen…

    • Marcus Leusch sagte:

      Danke für die prompte Diagnose „Knick in der Optik“, da habe ich mich wohl mächtig verstiegen bei dem Gedanken, es gäbe etwas Grundsätzliches zu diskutieren; die „Leute“, die ganz anderer Meinung waren als ich, sind in diesem Fall übrigens zwei – und damit ja schon eine Gruppe … Ja, lassen wir es gut sein, ich freue mich also auf Weiteres. …

  6. Tilman sagte:

    Eine tolle, lehrreiche Besprechung, Sofie! Der Beschnitt ist gut, die Farbkorrektur klasse. Ist schon toll, was Du aus dem Bild heraus geholt hast.
    Ich denke mir, dass das Bearbeiten von Bildern sehr hilfreich ist und dazu führt, beim nächsten Mal bereits beim Fotografieren besser hinzugucken.
    Mit freundlichen Grüßen, Tilman

    Antworten

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.