Blitzfotografie:
Glücksschlag am Half Dome

Lucky Strike: Blitzeinschlag am Half Dome, fotografiert von Glacier Point, Yosemite, Kalifornien, USA. Sony a7s, Sony/Zeiss 24-70, 0.4 s, F11, ISO50

Lucky Strike: Blitzeinschlag am Half Dome, fotografiert von Glacier Point, Yosemite, Kalifornien, USA. Sony a7s, Sony/Zeiss 24-70, 0.4 s, F11, ISO50

 

Ein Blitz-Sensor ist in Kalifornien grundsätzlich etwa so nützlich wie eine Fischerrute in der Sahara. Aber gelegentlich schleicht ein bisschen subtropische Feuchtigkeit über die Sierra Nevada und erblüht in nachmittäglichen Gewittern. Ich überprüfe das Wetter täglich (das ist eine ziemliche Untertreibung) fast nur wegen dieser Möglichkeit, auf ein Gewitter in Yosemite hoffend, wie Fussballfans nach einem Sieg ihrer Mannschaft lechzen. Mit etwa dem gleichen Erfolg – bis letztes Wochenende.

Denn vergangene Woche wurden die feuchten Überreste des Hurrikans Blanca in eine instabile Luftmasse über der Sierra gesogen, was exakt dem Gewitter-Rezept entspricht, auf das ich immer hoffe.

Während die täglichen Vorhersagen vereinzelte Gewitter ankündigten, war der Samstag besonders vielversprechend. Allerdings wechselten sich die Vorhersagen des Nationalen Wetterdienstes in rascher Folge ab, mit jeder Version zwischen 40 und 70 Prozent Chance auf ein Gewitter lautend.

Doch gegen Samstag pendelten sich die Prognosen bei 60 Prozent ein und ich begann, ein Shooting zu planen.

Am Samstagmorgen verliessen mein Bruder Jay und ich Sacramento etwas nach 8 Uhr morgens, und kamen vor Mittag im Yosemite-Tal an. Über uns prangte ein blauer Himmel, aber als wir unsere Sandwiches bei Tunnel View verzehrt hatten, begannen die Cumuli entlang der Bergkämme zu spriessen – ein sehr gutes Zeichen.

Mit vollen Mägen fuhren wir weiter den Berg hoch zu Wahsburn Point über Glacier Point und die Cumuli-Wölkchen hatten sich in eine rollende Masse verwandelt, die bereits münzengrosse Regentropfen auf die Windschutzscheibe prasseln liessen.

Die beste Art, Blitze zu fotografieren, ist aus möglichst grosser Distanz wie im Grand Canyon, wo ich auf der einen Seite stehen und die Einschläge auf der anderen Seite, 30 Kilometer entfernt, fotografieren kann.

Aber mein Motiv in Yosemite war etwas spezieller: Half Dome, der über dem Yosemite-Tal thront wie ein Blitzableiter aus Granit, ist keine 4 Kilometer entfernt von meinem Standort Glacier Point Road – tief im Bereich der Todeszone selbst eines kleinen Gewitters.

(Die Todeszone ist mein Begriff für den Radius um einen Blitzschlag, in dem der nächste Blitz einschlagen kann). Zusätzlich zum dramatischen Profil von Half Dome und den beiden Wasserfällen (vernal und Nevada Falls) hat Washburn Point den Vorteile eines naheliegenden und erhöhten Parkplatzes, so dass wir die Stative aufbauen und in der Sicherheit unseres Autos warten konnten.

Während wir die Ausrüstung vorbereiteten, sahen wir Blitze hinter den entferntesten Gipfeln von Clouds Rest und damit weit hinter Half Dome.

Weil dies mein erster Versuch mit dem Blitz-Sensor auf den Sony-Kameras war (abgesehen von einem übereilten, spontanen und erstaunlicherweise erfolgsgekrönten Experiment in White Sands eine Woche davor), war ich gespannt auf die Reaktion der Sony-Kamera im vergleich zur Canon 5D Mark III (Die Auslöseverzögerung ist eine Variable, die sich von Gehäuse zu Gehäuse unterscheidet und den Nutzen eines Blitzsensors völlig zunichte machen kann).

Aber weil Jay keinen hat und ich ein guter Bruder bin und er drohte, Mutter Bescheid zu sagen, wenn ich nicht teilte, liess ich ihn einen der beiden Sensoren und meine neue 5DIII benutzen.

Wenn sich die Haare zu Berge stellen…

Bald wurden Wind und regen stärker, die Blitze intensiver und der Donner lauter, aber statt uns in Sicherheit zu begeben, blieben wir bei den Kameras.

Die Action kam immer näher, bis sie ziemlich genau unter uns in ungefähr der Richtung von Glacier Point zu liegen schien – für uns nicht erkennbar als einzelne Lichtblitze, sondern mehr als Erleuchtung der Wolken.

Wir wussten aufgrund des Abstands zwischen Blitz und Donner, dass wir in der Nähe der Front waren, aber wir kamen erst zur Besinnung, als Jay sagte, dass sich ihm die Haare auf Kopf und Nacken aufstellten. Zurück im Auto genossen wir die Show bis sie sich abkühlte und rollten dann etwas weiter runter zu Glacier Point. Dort konnten wir zwar die Kameras aus dem Auto nicht beaufsichtigen. Wieder blieben wir etwas zu lange draussen, begaben uns aber schliesslich nicht wegen des Gewitters, sondern wegen der nassen und kalten Bedingungen ins Auto.

Während unseres gesamten Aufenthalts an Washburn und Glacier Point hatten wir vielleicht ein Dutzend Blitzschläge gesehen, von denen rund ein Drittel in Half Dome eingeschlagen haben dürften.

Es stellte sich nachher heraus, das Jay den spektakulärsten Einschlag erwischt hatte: Einen direkten Einschlag ungefähr in halber Höhe von Half Dome auf der uns zugewandten Seite.

Aus irgendwelchen Gründen verpasste meine Alpha 6000 diesen Einschlag, obwohl ich weiss, dass sie ausgelöst hat. Ich weiss inzwischen aus eigenen Tests, dass sie eine volle Zehntelsekunde schneller ist als die Canon, was einen grossen Unterschied macht. Nach diesem kleinen Misserfolg wechselte ich an Glacier Point auf die Alpha 7S, die Quelle meines Überraschungserfolgs in White Sands. Ich freue mich, dass die alle Blitze aufgezeichnet hat, die ich gesehen habe – der spektakulärste davon dieser verzweigte Blitz.

Meine Komposition war eher weitwinklig, aus mehreren Gründen: Erstens steigen die Chancen mit der Grösse des Winkels, etwas im Bild zu haben und zweitens war es hier mit Nevada und Vernal Falls zur rechten und Tenaya Canyon und Mt. Watkins links gerechtfertigt.

Trotzdem – zu sagen, dass ich Glück hatte an diesem Nachmittag wäre eine Untertreibung. Nicht nur wurde mein Motiv wie erhofft der Einschlagspunkt eines Blitzes. sondern die Szene wurde auch von meiner Kamera erfasst (keine sichere Sache) und ich habe das ganze überlebt und kann nun die Aufnahme herumzeigen.

Ehrlich gesagt, fehlen mir hier in der Sicherheit meines Büros die Erklärungen, weshalb ich es für nötig fand, draussen herumzustehen, und das inn erhalb der Todeszone, als Blitze rund um uns herum einschlugen. Natürlich gibt es einiges zu tun, während man auf einen Blitzschlag wartet – die Kamera vor dem regen schützen, die Belichtung neu justieren oder kontrollieren, ob sie anlässlich eines Blitzes auch wirklich ausgelöst hat. oder einfach nur die Fragen neugieriger Bystander zu beantworten (und sie vom Anfassen der Ausrüstung abhalten), ist eigentlich nichts davon wichtig genug, um mein leben zu riskieren.

Zu meiner Verteidigung ist zu sagen, dass ich sehr viel vorsichtiger bin, sobald ich eine Gruppe leite, was meiner Frau und meinen Kindern wenig Trost sein wird an meiner Beerdigung.

Dieser text ist eine autorisierte Übersetzung von Garys Original-Artikel in dessen Blog «Eloquent Images»

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