Geschmack oder objektives Urteil: Was ist Kitsch – und wer entscheidet das?

15 Kommentare
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    Jörn sagte:

    Ein interessanter Vorstoß, aber auch ein schwieriges Sujet, denke ich. Denn der Übergang, was als Kitsch eben durchgeht und was nicht, das ist äußerst fließend und stark vom eigenen Geschmack abhängig.

    Beispielsweise empfinde ich Sofies Beispielsbild oben gar nicht als kitschig. Nur, weil ein Sonnenuntergang bzw. eine Abendstimmung zu sehen ist, ist es nicht gleich Kitsch, denke ich. Richtig kitschig wäre für mich doch die Sonnenuntergangs-Szene am Ufer, mit der spiegelnden Sonne im Wasser, eventuell noch ein Schwan auf dem See… aber jemand anderes wird genau das vielleicht lieben.

    Deswegen empfinde ich auch die lange Liste von GambaJo als viel zu allgemein. Wie die anderen Kommentatoren oben schon schrieben, nicht jeder Steg im Wasser ist kitschig, auch wenn es Bilder dieser Art gibt, die man als kitschig empfindet.

    Gibt es für mich grundsätzliche Motive, die IMMER Kitsch sind? Schwierig. Gartenzwerge vielleicht (obwohl es hier wohl auch Liebhaber geben wird). Die allermeisten Pferdebilder (vielleicht durch eigene Erfahrungen geprägt?). Übertriebene HDR-Darstellungen sicherlich auch.

    Und ja, es gibt Bilder, die sich immer wiederholen, und die auch die meisten Amateure irgendwann mal gemacht haben. Aber erstens lernt man daran ja auch – wenn ich etwas beherrsche, dann kann ich es auch zu etwas Neuem variieren (wenn ich denn dann auch kreativ damit zu spielen beginne).
    Und zweitens sollte man auch den Zweck der Bilder berücksichtigen: sicherlich wiederholen sich die Bilder von verliebten Paaren oder Hochzeitspaaren vielfach, aber für die Paare oder das Brautpaar selbst sind diese Bilder wichtige Erinnerungen. Und denen ist völlig egal, ob das jemand kitschig findet oder ob es genau dieses Motiv schon so und so oft und in so und so vielen Varianten bereits gibt.

    Und das betrifft auch alle anderen Motive. Ich hänge mir selbst auch lieber eine eigene Variante eines „abgenudelten“ Motivs an die Wand, und finde es auch schön, egal ob es kitschig ist oder nicht.

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    Selina sagte:

    Für mich steht Kitsch für übertriebene Verherrlichung und Verniedlichung, was die realen Tatschen vertuschen soll. Man will den Blick auf das Positive lenken, und somit den „Mist“ rund um den Lichtblick herum ausblenden. Deshalb ist ein kitschiges Bild für mich ein Motiv, welches mitfühlende Emotionen beim Betrachter auslösen soll. Oder ein bearbeitetes Bild, welches durch übertriebene Filter und Bildbearbeitung die Realität vollkommen anders erscheinen lässt.

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    Werner sagte:

    Super, Super, Super!
    Und ich dachte schon, dieses Forum sei tot.
    Aber anscheinend braucht es bloß des richtigen Themas, um die Kommentatoren zu reanimieren.

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    Esther Bachmann sagte:

    Gibt es bei der heutigen Bilderflut eigentlich noch Sujets, die nicht wenigstens „vielfotografiert“ sind? Als Amateur hat man das Privileg und die Freiheit, abzulichten was man will, sogar Sonnenuntergänge. Ob das unter Kitsch läuft, entscheidet dann der Betrachter. Und – ab und zu wirkt ein Portiönchen Kitsch sogar wohltuend.

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    Bert Mauch sagte:

    Die Merriam-Webster Definition fuer „Kitsch“:

    things (such as movies or works of art) that are of low quality and that many people find amusing and enjoyable.
    Sagt eigentlich alles.

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      Marcus Leusch sagte:

      @ Bert Mauch

      Eine schöne Erklärung … mit einigen Haken: Was heißt hier „low quality“ und wer bestimmt, wo diese anfängt? Und: Was erscheint denn der breiten Masse „amusing and enjoyable“? 


      Der Künstler Jeff Koons etwa (siehe Wikipedia) erhebt den Kitsch zur Kunst. Die Materialqualität und Präzision dieser Werke ist außerordentlich und erlesen, sie werden teilweise in Teamarbeit nach Maßgabe des Künstlers nach alter Tradition handwerklich erstellt. Das Banale erhält hier eine Überformung, die geradezu an Hochstapelei grenzt. Dazu braucht es einen Kunstmarkt, der dies nicht nur verdaut, sondern auch noch mit Millionenbeträgen in sich aufsaugt, wie ein Schwamm abgestandenes Spülwasser. Und es braucht ein Ausstellungs-Publikum, das für Kunst hält, was der Markt ihm als solche vorsetzt. (Auch das trojanische Pferd war bekanntlich eine tatsächlich Gewinn bringende, geniale Idee, die leider in die Realität entlassen wurde.)

      

Ein Meister des Banalen als positives Gegenbeispiel: Der Fotograf André Kertész (Die Gabel)
 Sehr oft liegt das Geniale im Einfachen!

      Wenn uns so viel Kitsch im privaten fotografischen Alltag begegnet, dann ist das nicht nur das Verdienst einer Fotoindustrie, die auf Buntes (das ist schon bei Kleinkindern beliebt) und Knackscharfes (für alle Pixelzähler und Fernsehzuschauer) steht. Zu dieser Industrie gehören ja auch zahllose Seiten von Fotocomunities, deren Mitglieder sich Tag für Tag an den immergleichen Sujets abarbeiten, zumeist berauscht von den hervorragenden Leistungen ihrer Kameraausrüstung (sehr wichtig!). 
Wer durch diese Schule des Geschmacks sozialisiert wurde, wird selten einen eigenständigen fotografischen Stil entwickeln, aber er wird wahrscheinlich durchaus in die Lage versetzt, einwandfreie Fotos zu erstellen, an denen technisch nichts auszusetzen wäre. Was wollen wir eigentlich mehr? 



      Was Kitsch ist und was nicht, ist übrigens eine Frage, die einen kulturellen Rahmen sucht und keineswegs bloß von individuellen, ganz persönlichen Ansichten geprägt wird. Das 18. Jahrhundert kennt dazu andere Antworten (obwohl es den Begriff damals so noch nicht gab!) als nachfolgende Zeiten. Der Bergriff ist also komplexer, als es hier den Anschein hat.


      P.S.: Weil es in Sofies einleitenden Bemerkungen stand: Der Duden gibt lediglich eine lexikalische Bedeutungserklärung, hingegen keine erschöpfende Ausdeutung eines Begriffes. Das erweist sich aber gerade bei sehr abstrakten Wortbedeutungen mitunter als problematisch (– durchaus ein Thema für die so genannte „Wortfeldforschung“).

      Grüße in die Runde
      Marcus

  6. Chilled Cat
    Chilled Cat sagte:

    Ich finde übrigens, dass für Amateure 10% Bilder, die nicht zu Kitsch zählen, eine ganz gute Quote sind.

    Profis stehen auch nicht jeden Morgen auf und erschaffen nach dem Frühstück ein großes Kunstwerk…

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    Marcus Leusch sagte:

    Oh, ich glaube, das ist ein Thema für Pippi Langstrumpf: „Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt.“ Kitsch hat immer eine versöhnliche Seite, bei der wir „endlich einmal“ verlernen zu differenzieren oder um die Ecke zu denken … Hier ist der gerade Blick gefragt, der vor lauter Sonnenuntergang wie ein Pawlowscher Hund Schaum vor dem Mund bekommt, oder den Gartenzwerg (= das heilige Biedermeier unserer Seele) in sich entdeckt. Das ist immer sehr rührend, besonders dann, wenn sich so genannte „Fotodesigner“ an Landschaften vergehen, die dank Photoshop und Co. dann noch bunter als bunt erscheinen, „like ice in the sunshine“. 
Aber, ich gebe Peter Sennhauser recht: Ich habe schon Heino-Plattencover gesehen, die so kitschig daher kommen, dass man sie wieder lieb haben möchte, weil sie uns sooo viel über uns selbst erzählen. Und hier schlägt Kitsch geradezu in Kult um, wie der Wackeldackel für die Autoablage und die Toilettenrolle im schwarz-rot-goldenen Häkelmützchen.

    Mein 1. Platz: Frankreichs Präsident Hollande bekommt von Angie Merkel ein Küsschen (zu Kölsch: „Bützchen“) auf die Wange gedrückt … Solche politikerklärenden Momente wollen doch eigentlich alle Fotojournalisten nicht verpassen, wenn sie damit später im Himmelreich der „Bunten“ Illustrierten & Co. „landen“ können. 


    Liebe Grüße
    Marcus




    P.S. siehe auch im Tutorial „Folgt dem Untergang der Sonne derjenige der Fotografie … ? Teil 5 von Thomas Brotzler …

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    Steffen Rumpf sagte:

    Wenn ich mir 500px angucke dann definitiv langzeitbelichtete Szenen am Strand/Küste mit wahlweise einem Steg oder Steinen im Vordergrund. Selten, dass mal eines dabei ist, dass ich so gut finde, dass es sich vom Einheitsbrei abhebt…

    vG
    Steffen

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    GambaJo sagte:

    Ich würde sagen, 90 % der Amateurfotografie ist Kitsch. Meist gibt es einen, der eine gute Idee hat, und das wird dann nachfotografiert. Als Beispiel kann man HDR oder die momentan beliebten dramatischen S/W Aufnahmen von verschiedenen Gebäuden.

    Aber um mal konkret zu werden:
    – Bienchen (und natürlich auch Schmetterlinge) und Blümchen
    – die heilige Weitwinkelkuh
    – Halb- bis ganz nackte Frauen in irgendwelchen Ruinen schmerzhaft aussehende Verrenkungen machend
    – Leuchttürme
    – Züge/Lokomotiven
    – Oldtimer
    – einsame Bäume in einer Landschaft
    – Aus der Ferne mit einem Tele „abgeschossene“ Menschen
    – Kölner Dom bei Nacht vom Hyatt aus
    – Mädchen/Frauen, die so tun, als wären sie Models und Männer, die so tun, als wären sie Fashion-Fotografen
    – übertriebenes HDR
    – die dramatischen S/W-Langzeitbelichtungen von Gebäuden
    – Kirmes
    – Feuerwerk

    Wenn ich noch länger überlegen würde, würde mir sicher noch viel mehr einfallen ;-)

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      Peter Sennhauser sagte:

      Du hältst ganze Motive einfach grundsätzlich für Kitsch? Ich kenne absolut unkitschige Bilder in praktisch jeder Motivkategorie, die Du erwähnst.

      Kitsch hat doch weniger mit dem Motiv zu tun, als mit der Art der Inszenierung. Eine Heiligenstatue kann absolut grossartig, ästhetisch, schön oder meinetwegen anbetungswürdig sein, und erst wann sie in rosa Licht getaucht, mit Wasserfäden umgeben und mit Musikbox ausgestattet wird, wandelt sie sich zum Kitsch.-

      Für mich ist das kitschempfinden zweifellos individuell und eine sehr weiche Grenzzone geschmacklicher Natur. Ich finde Kitsch noch nicht mal grundsätzlich schlecht…

    • Sofie Dittmann
      Sofie Dittmann sagte:

      @Peter, deshalb habe ich mich ja für „vielfotografiert“ und „abgeliebt“ als Aufhänger entschieden, und die Frage „Kitsch“ der Diskussion in den Kommentaren überlassen.

    • Chilled Cat
      Chilled Cat sagte:

      Bleibt bei der langen Liste noch etwas übrig, was nicht zu Kitsch zählt?

      Da mußt du aufpassen, dass es nicht so wird wie bei den Individualtouristen, die sich scharenweise auf den Mount Everest karren lassen und die Nase über Pauschaltourismus rümpfen.

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  1. […] Mein französischer Schwager weiß nach mehreren Spaziergängen mit mir in Deutschland ziemlich genau, was Kitsch ist. Jean-Marie hat einen Blick dafür entwickelt und kommentiert annähernd oder eindeutig kitschige Artefakte vom Gartenzwerg bis zu Glitzerschuhen gerne mit dem empörten Ausruf „C’est kwitsch!“ So viel zu seinen Deutschkenntnissen. Bei Durchsicht der für später gesicherten Blogtexte in meinem Feedreader bin ich auf einen Artikel des Fotografiemagazins fokussiert.com gestoßen, der für die Fotografie die Frage stellt „Was ist Kitsch – und wer entscheidet das?“ […]

  2. […] fokussiert.com habe ich einen interessante Diskussion gefunden. Sofie Dittmann hat dort eine Diskussion über den […]

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