“Candidplatz, München“ auf Ilford HP5+: Das analoge Medium macht nicht allein das Bild

Wenn das fotografische Medium schlußendlich das Foto macht, sollte man das Motiv noch einmal erkunden

candidplatz

Entstanden im U-Bahnhof Candidplatz in München auf ILFORD HP5+, Canon EOS 500, Zoom 35-80mm auf 35mm eingestellt, Film selbst entwickelt und vergrößert auf 13x18cm.
Scan vom Abzug.

Du hast uns eine eingescannte Aufnahme des zum Bahnsteig führenden Ganges der U-Bahnstation Candidplatz in München geschickt. Dieser Bahnhof, wie U-Bahnhöfe überhaupt, sind bei Fotografen ein beliebtes Motiv, der Architektur wegen. Man sieht die Station Candidplatz online jedoch oft in Farbe und digital eingefangen; Du hast Dich dagegen nicht nur für schwarzweiß, sondern auch für analog entschieden.

Um die Komposition Deines Fotos zu analysieren, habe ich in den folgenden Vergleichsfotos den schmalen weißen Rand entfernt. Das geschah rein zu Analysezwecken und ist keine Wertung.

Legt man ein Raster über das Bild, so stellt man fest, daß der Fluchtpunkt und natürliche Horizont desselben (blau) horizontal im Goldenen Schnitt (rosa) liegen. (Drittelregel hier grün zum Vergleich.)

Vergleichsfoto, Goldener Schnitt und Fluchtpunkt

Das Foto wird durch die Lichter an den Wänden und der Decke dominiert (rot), welche als weiße Flächen erscheinen.

Vergleichsfoto, bestimmende Formen

Letzteres ist auch durch eine zusätzliche Abdunklung nicht zu beheben.

Vergleichsfoto, abgedunkelt

Was noch auffällt, sind über das ganze Bild verteilte Staubflecken (teilweise blau umrandet), die entweder durch die Aufnahme oder das Einscannen mit in die Szene kamen. Das würde ich bei Gelegenheit mal überprüfen, doch in diesem Fall trägt es zum Nostalgischen, das durch das Verwenden von Film und dem anschließenden Digitalisieren entstanden ist, noch bei.

Vergleichsfoto, Staubflecken

So weit, so gut.

Schlußendlich macht hier für mich die analoge Aufnahme das Bild, das von Dir gewählte Medium, und nicht, wie es eigentlich sein sollte, Dein Motiv. Es ist ein an sich gutes Foto, aber kein herausragendes.

Aufgrund der gewählten Belichtung sind die Lampen an den Wänden und der Decke zu geometrischen Formen geworden; sie dominieren das Bild und unterstreichen den abstrakten Charakter, den Abbildungen dieses Aufgangs gerne annehmen. Wenn da nicht die Leute unten am Bahnsteig wären. Du würdest es Dir an die Wand hängen, aber andere gehen selbst hin, machen genau so ein Foto digital, bearbeiten es mit einem entsprechenden Filter in Photoshop und bekommen ein ähnliches Ergebnis. Wie bereits oben erwähnt ist die Haltestelle Candidplatz ein beliebtes Fotomotiv, und man hat genau diese Perspektive schon etliche Male so gesehen – allerdings nicht unbedingt analog fotografiert.

Wenn Du Dir die Mühe machst, analog zu fotografieren, heißt das für mich, daß Du künstlerisch auf einer anderen Ebene agierst, nicht einfach drauflos knippst. Da Dir der Aufgang gut gefiel mit seinen Linien und Formen, würde ich eine Zeit wählen, wo der Bahnsteig menschenleerer ist, und die Aufnahme wiederholen, wenn Du wieder in München bist. Dann hättest Du tatsächlich ein abstraktes Bild (man kann natürlich argumentieren, daß die Leute unten die Sache etwas auflockern, einen Gegensatz bilden, doch für mich wirkt das ganze wie ein Photowalk, auf dem ohne Vorausplanung dieses Foto entstanden ist, ohne wirklichen Gedanken an die Menschen). Oder fotografiere Teilaspekte des Ganges und Bahnsteigs, mach daraus eine Serie.

Fazit: Du hast ein gutes Auge, einen guten Ansatz, aber ich denke, Du kannst noch mehr herausholen aus dem, was Du fotografierst, ohne Deinem Medium die visuelle Arbeit zu überlassen.

8 Kommentare
  1. GBoos sagte:

    Ich sehe gerade erst, dass mein Bild besprochen wurde, hatte ich gar nicht mitbekommen. Nun gut, besser eine späte Reaktion als gar keine.
    Erst mal vielen Dank für die Hinweise.
    Dann tut es mir leid, dass ich euch auf eine falsche Fährte gelockt habe.
    Ich fotografiere erst seit Anfang 2008 digital, und das Bild ist vorher entstanden. Es gab für mich da keine Wahl zwischen analog und digital.

    Die Information zu Film und Kamera gab es dazu, weil digitale Kameras EXIF-Daten herausgeben und analoge Kameras nicht.

    Der Staub auf diesem Bild hat mich auch maßlos geärgert, es waren sogar noch viel mehr Fussel auf diesem Bild, denn leider musste ich feststellen, dass mein Scanner offensichtlich nicht staubdicht ist und ich lauter Staubkörner und Fussel auf der Unterseite des Vorlagenglases habe.
    Nach fünf Stunden Staubkörner retuschieren habe ich dann aufgegeben.

    Die ausgebrannten Lichter zeigen im Original auf dem Abzug noch sichtbare Zeichnung, bei so einem Bild merkt man dann beim Scannen, dass JPG nur 256 Graustufen kennt, Schwarzweiß-Fotopapier aber deutlich mehr Zwischentöne zeigt.

    Und das Bild ist tatsächlich bei einem Fotowalk entstanden. Ich habe mindestens fünf Minuten in diesem Gang gestanden und darauf gewartet, dass kein Passant mehr zu sehen ist, den Menschen im Hintergrund habe ich dabei glatt übersehen…

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  2. Philip sagte:

    Das Aufnahmemedium ist sicherlich nicht unerheblich – nicht für den Fotografen.

    Ebenso nicht richtig finde ich die Aussage „wer analog fotografiert, fotografiert bewusster“.
    Eine Aussage die die fälschlichereise suggeriert, früher wäre per se sorgfältiger fotografiert worden.

    Im Gegenteil, gab’s/gibt’s sogar eine Bewegung die sich bewusst dem „nicht gestalten“ verschrieb – die „Lomography“.

    Antworten
    • Sofie Dittmann
      Sofie Dittmann sagte:

      Ja, aber es ist auch nicht das einzig wichtige – wenn Du ein langweiliges, schlecht fotografiertes Bild auf Ferrotypie machst, ist es zwar super, daß es sich um eine Ferrotypie handelt, aber das macht es nicht zu einem guten Foto. Ich bleibe bei meiner Aussage, daß im heutigen digitalen Zeitalter „analog“ oft bereits einen Bonus hat, bevor man sich das Foto wirklich anschaut. Das ist ja nicht für Analogfotografie abwertend gemeint.

      Weiterhin denke ich doch, daß jemand, der pro Aufnahme sagen wir 0,30€ (oder was es auch immer dann mit Entwicklung kostet) bezahlt, anders fotografiert als jemand, der digital alles einfach wieder löschen kann, was ihm nicht paßt. Und wenn von 36 potentiellen Aufnahmen nur zwei gute dabei sind, läppert sich schnell etwas zusammen. Ich persönlich habe Analogfotografie aus dem Grund aufgegeben, denn ich experimentiere zuviel. Daß früher sorgfältiger fotografiert wurde, wollte ich damit nicht sagen. Und um Lomography geht es ja hier nicht?

  3. Christian Fehse sagte:

    Es ist doch eigentlich unerheblich, ob ein Bild analog oder digital entstanden ist. Das Bild ist das entscheidende. Vor dem Hintergrund kann ich den Satz von Sofie:

    „Schlußendlich macht hier für mich die analoge Aufnahme das Bild, das von Dir gewählte Medium, und nicht, wie es eigentlich sein sollte, Dein Motiv.“

    nicht zustimmen. Das gewählte Medium bestimmt das Bild – heute nicht mehr ganz ausschließlich, zugegeben.
    Also betrachten wir das Bild egal ob es vom HP5 abgezogen ist oder per DxO den HP5 Look bekommen hat.

    Ich mag an dem Bild das „Weiche“ – ich nenne das für mich immer organische Schärfe – die man mit Film erreicht. Was mich stört ist die Linie der Deckenlampen und somit eher der Blickwinkel insgesamt. Die Menschen und auch die weißen Lichter stören mich nicht so sehr.

    Zum Thema Staub: ich war am Vergrößerer schon ein „Wisch-Fetischist“ (oft genug erfolglos) und ich hätte sie hier sicherlich weggemacht.*gg*

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    • Sofie Dittmann
      Sofie Dittmann sagte:

      Grundsätzlich hast Du recht. Aber wenn ein Foto für mich darauf hinausläuft, daß da eben dasselbe Motif mal wieder genau so fotografiert worden ist, nur eben jetzt analog, wie wir es schon etliche Male gesehen haben – und das ist irgendwo das Fazit hier – reicht eben das Medium nicht aus, um es zu einem guten Foto werden zu lassen. Denn irgendwo ist ja die erste Reaktion, „wow, das ist ja mit Film gemacht“ (oder mit Polaroid-Transfer oder was auch immer), wenn es doch eigentlich um das Bild geht.

    • Christian Fehse sagte:

      Ich muß zu meiner Schande gestehen, daß ich den Bahnhof gar nicht kannte – bin noch nie mit der U1 über Sendlinger Tor nach Süden gefahren. Von daher hatte ich keine Referenz im Kopf. Aber Deine Aussage, der Look alleine macht kein hervorragendes Bild stimmt völlig.
      Damit es diese Reaktion „Oh analog!“ bei meinen Bildern nicht gibt, schreibe ich es eigentlich nie dazu, wenn ich nicht „muß“.*gg*

  4. Christian Bartusch sagte:

    Erst einmal gefällt es mir, dass Gregor sich die Mühe gemacht hat, diese oft fotografierte U-Bahn-Station auf eine Weise abzulichten, die sich von den üblichen Bildern abhebt. Gleichfalls sehe sich auch die von Sofie benannten Probleme.

    Leider liegen keine Informationen bzgl. der vornommenen Entwicklungen vor. Interessant wäre zum Beispiel, ob die ausgebrannten Lichter bereits auf dem Negativ so angelegt sind. Andernfalls bestünde im Positivprozess die Möglichkeit, diese durch Nachbelichten zu retten. Sollte das Negativ an diesen Stellen einheitlich schwarz sein, erübrigt sich dieser Plan natürlich. In diesem Fall könnte man überlegen, ob eine Anpassung der Negativentwicklung zu ausgeglicheneren Grautönen geführt hätte. Grundsätzlich kann SW-Negativfilm einen verhältnismäßig hohen Objektkontrast einfangen. Eventuell könnte man beim nächsten Mal in einer derartigen Situation die Standentwicklung oder vielleicht auch nur eine etwas niedrigere Entwicklertemperatur (bei entsprechender Anpassung der Zeit) in Erwägung ziehen.

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