Konstanzer Rheintorturm als Abstrakt: Einen Dreh anders

Über Linien und Farbklekse hinaus: gute Abstrakte verraten einen eigenen künstlerischen Gedankengang.

Canon PowerShot G1 X, 4s, ISO 100, f/16, 15.1 mm - (c) Lutz Rauschnick

Zusammen mit einem Jazzmusiker arbeite ich an einem Projekt „Raum und Zeit“, bei dem ich seine fast kontemplative Gitarrenmusik in Serien von Fotos umsetze. Dies ist eine Aufnahme aus der Reihe „Konstanzer Rheintorturm“ (insgesamt ca. 80 Bilder). Mit meiner Canon G1X (Objektiv 15.1-60.4) habe ich bei Blende 16 und ISO 100 vier Sekunden aus der Hand belichtet und dabei nach zwei Sekunden die Kamera um 90 Grad nach rechts gedreht.

Wenn wir im Backend Bilder auswählen, sehen wir zunächst nur die Titel. Du hast uns dieses hier mit dem Titel „Konstanzer Rheintorturm“ geschickt, und eben jenen habe ich erwartet – und ein Abstrakt desselben gefunden.

Abstrakte Kunst/Fotografie ist meiner Meinung nach eine der schwierigeren Kategorien, denn es sieht alles so leicht aus. Man nimmt ein paar Linien ins Foto, ein paar Farbklekse, schon ist das Motiv komponiert. Das nehmen viele jedenfalls an („Mein Hund könnte das malen,“ sagte mal eine Freundin zu mir, als wir eine Ausstellung besucht haben), und vieles auf flickr und anderswo sieht auch so aus. Doch gute Abstrakte zu fotografieren ist aus eigener Erfahrung nicht einfach, und die Meinungen gehen zum fertigen Werk meist weiter auseinander als in anderen Kategorien.

Abstrakte Kunst wirkt durch Farbenwahl, Formen, Eindrücke. Weil der Hauptbildgegenstand nicht sofort erkennbar ist, reagiert der Betrachter auf das Gezeigte aus dem Bauch heraus. Hier sieht man konzentrische Wellen, die auf den ersten Blick wie Wasser wirken, dann doch wie Himmel, dann wieder wie Wasser. Im Zentrum dieser Wellen befindet sich eine schwarze Struktur, halb Hügel, halb Gefängnisturm. Hättest Du nicht geschrieben, daß es sich um den Konstanzer Rheintorturm handelt, es hätte irgendein Gebäude sein können, denn das Gebäude sieht man noch als Gebäude (wenn auch nicht unbedingt als Rheintorturm), und man kann auch recht gut erkennen, daß da Himmel im Foto ist.

Legt man ein Raster über die Aufnahme, stellt man fest, daß Du die schwarze Fläche, die das Foto dominiert, fast vollkommen mittig ins Bild genommen hast (rosa – Goldener Schnitt, grün – Drittelregel, blau – Bildmitte):

Vergleichsfoto/Komposition

Auch bei abstrakter Kunst kommen Grundregeln der Komposition zur Geltung, wenn sie auch öfter gebrochen werden. Die schwarze Fläche befindet sich im Zentrum der konzentrischen Wellen, und wie in einem Strudel wird man visuell in selbigen hineingesogen. Trotz des Statischen, das die Anordnung des Turmes hier erzeugt, ist also noch genügend Dynamik im Foto, und es regt zum Nachdenken an. Der Regelbruch funktioniert hier für mich.

Du könntest Dir trotzdem überlegen, ob Du das Foto quadratisch beschneidest:

Beschnittvorschlag

Das würde die Komposition mehr verdichten, ist aber im vorliegenden Fall Geschmackssache. Mir gefällt es so besser, denn jetzt erhält der Turm mehr Gewicht UND das in der Aufnahme bereits angelegte Geometrische kommt mehr zur Geltung.

Gewichtung

Aber das ist, wie gesagt, Deine Entscheidung. Das Endergebnis sähe dann so aus:

Vergleichsfoto mit Beschnitt

Fazit: eine Aufnahme, die einen eigenen künstlerischen Gedankengang verrät und mal etwas anderes. „Einen Dreh anders“. Mich würden die anderen Aufnahmen in dieser Reihe interessieren, wie auch das fertige Projekt mit Musik.

2 Kommentare
  1. Ambitious sagte:

    Für mich ist es ganz klar ein etwas surrealistisches Delphin-Auge, besonders wenn man sich die Vorschau ansieht.
    Von dieser Warte her gesehen ergibt ein Beschnitt für mich keinen Sinn. Das Bild, was auch immer es einerseits abbildet und andererseits ausdrücken will, wirkt für mich platt gesagt einfach nur schön, harmonisch und beruhigend.
    Gefällt mir!

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    • Sofie Dittmann
      Sofie Dittmann sagte:

      Der Beschnitt ist eine andere Art, an das Foto heranzugehen. Wie oben beschrieben, ist für mich das Bild so OK wie es ist. Und ja, wenn man es als Auge sieht, sowieso.

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