St. Marxer Friedhof im Frühling: Nachbearbeitung ist eine individuelle Entscheidung

Klischee oder nicht – Nachbearbeitung ist eine individuelle Entscheidung. Schwerer wiegen manchmal andere Dinge, die schon bei der Aufnahme anders hätten gemacht werden sollen.

Canon EOS 6D, 35mm Festbrennweite von Canon, f6,3 1/200, ISO 400

War ein sonniger früher Frühlingstag, neue Kamera wollte getestet und geübt werden, ein Besuch am größten noch erhaltenen Biedermeierfriedhof bot sich da an. In der Bearbeitung hat mir dann s/w trotzdem besser zum Thema Friedhof passend gefallen. Aber ob das jetzt zu sehr Klischee ist, ich weiß es nicht? Das Bild hängt außerdem etwas, tatsächlich ist es aber gerade, es ist einfach der Weg dort schräg. Bin mir da nicht sicher, ob ich das grade rücken soll, damit es fürs Auge passt…

Du hast uns hier ein Foto des St. Marxer Friedhofs in Wien eingereicht. Zu sehen sind links und rechts Grabsteine, fast mittig ein Baum, der im Weg wächst. Rechts sieht man auch umgefallene Grabsteine. Das ganze hast Du in Schwarzweiß gehalten.

Zur Komposition: der Baum befindet sich fast vollständig in der Mitte der Aufnahme (blau). Nichts folgt hier der Regel der Drittel (grün) oder dem Goldenen Schnitt (rosa).

Vergleichsfoto/Komposition

Daß das Bild leicht zu kippen scheint, fällt hier für mich nicht sehr ins Gewicht – optisch liegt das auch an der Linsenkrümmung außen.

Der Baum ist in Deiner Aufnahme optisch der Blickfang; es ist aber so viel los in Deinem Foto, daß man in Verbindung mit den nicht eingehaltenen Kompositionsregeln nicht weiß, was Du eigentlich zeigen wolltest. Es ist ein Wimmelbild – Dein Hauptbildgegenstand und Bildmittelpunkt (= Baum), wenn Du ihn denn absichtlich gewählt hast, geht unter. Es wirkt für mich, als hättest Du Deine Kamera einfach auf diese Szene „draufgehalten“ – es sollte eben „geübt“ werden. Selbst durch einen Beschnitt ist das hier kaum zu beheben, denn es schafft andere Probleme (beispielsweise „kleben“ die Steine in der Mitte dann zu sehr am Bildrand).

Vergleichsfoto (möglicher Beschnitt)

Weiterhin ist mitten auf jenem Baum ein Lichtfleck sichtbar (Vergleichsfoto), der mich mehr stört, als das leichte Kippen:

Lichtfleck

Diesen hätte man schon bei der Aufnahme mittels einer Gegenlichtblende vermeiden können. In der Nachbearbeitung ist es äußerst schwierig, so etwas noch zu korrigieren, selbst in Schwarzweiß.

Bei alledem galt Deine Frage jedoch der Nachbearbeitung, und ob Friedhof in Schwarzweiß ein Klischee sei oder nicht. Was Kitsch ist (wir hatten da vor kurzen eine Diskussion auf fokussiert zu dem Thema) oder ein Klischee, entscheidet grundsätzlich jeder selbst. Die Schwarzweißumwandlung an sich ist meines Erachtens hier gelungen, wenn ich auch die Vignettierung etwas zu stark finde.

Schwerer wiegen die kompositorischen und technischen Mängel des Fotos. Deine 6D ist eine sehr gute Kamera, und auch die Entscheidung, eine Festbrennweite zu benutzen, sagt mir, daß Du eigentlich über das Sturm-und-Drang-Fotografieren hinaus bist. Ich habe fast den Eindruck, Du warst so mit der Bedienung der neuen Kamera beschäftigt, daß zu anderen Überlegungen keine Zeit blieb.

Da Du in relativer Näher zu diesem Friedhof zu wohnen scheinst, würde ich den Ausflug noch einmal wiederholen und mich dieses Mal mehr auf Komposition und technische Umsetzung konzentrieren. Nahaufnahmen der Grabsteine könnte ich mir etwa vorstellen, es gibt dort so viele potentielle Motive; den Ort nur aus dem Stand heraus zu fotografieren, wird ihm nicht gerecht.

Ich würde mich freuen, weitere (und etwas ausgereiftere) Darstellungen hier eingereicht zu bekommen.

6 Kommentare
  1. Chilled Cat
    Chilled Cat sagte:

    Ich habe den Eindruck, das mit den Regeln beim Fotografieren wird sehr oft falsch verstanden, oder mindestens falsch ausgedrückt.

    Nehmen wir als einfaches Beispiel die Regel mit dem goldenen Schnitt. Es gibt keine Regel, die einem Künstler vorschreibt, er soll in seinem Bild etwas im goldenen Schnitt platzieren.

    Genau umgekehrt wird ein Schuh daraus. Wenn der Künstler sein Motiv im goldenen Schnitt platziert, dann empfinden die meisten Menschen dies als harmonisch und ausgewogen.

    Die so erreichte Harmonie kann die Aussage des Bildes unterstützen oder auch nicht. Das kommt ganz darauf an, was der Künstler ausdrücken will.

    Clemens hat in seinem Bild sowohl den Baum als auch den Fluchtpunkt ziemlich genau in die Mitte des Bildes gelegt. Nicht nur für den goldenen Schnitt sondern auch für die Bildmitte gibt es eine passende Regel. Nämlich die, dass die Bildmitte der Punkt mit der wenigsten Spannung im Bild ist.
    Stellt sich also die Frage, ob er dadurch absichtlich die Spannung im Bild niedrig halten wollte oder ob dies nur zufällig so ist, weil ihm diese Regel nicht bewußt war.

    Der zweite Fall ist der Punkt, bei dem die Bildkritik hier weiterhelfen kann, in dem sie eine solche Gestaltungsregel bekannt macht.

    Die Frage, warum auf dem Bild ein Friedhof zu sehen ist, kann nicht der Betrachter (zu denen auch Sophie Dittman als Kritikerin zählt) sondern nur der Fotograf beantworten. Vielleicht auch nicht.

    Bei vielen meiner Bilder kann ich nicht wirklich in Worten beschreiben, warum ich das Bild gemacht habe und warum genau so. Wenn ich das gut könnte, dann würde ich möglicherweise Gedichte schreiben statt Fotos zu machen.

    Antworten
  2. Michael (R.) sagte:

    Nichts folgt hier der Regel der Drittel (grün) oder dem Goldenen Schnitt (rosa)….

    Das ist jetzt wirklich Euer Ernst? Bilder sollen Regeln folgen? Nur so der Hinweis, die Renaissance ist mittlerweile vorbei…

    Tschuldigung, aber das lese ich jetzt hier zum gefühlt einhundertsten Mal, der Goldene Schnitt als Heiliger Gral, die Komposition als Schlüssel zum erfolgreichen Bild… etc.
    Da brauchen wir dann leider auch keine Diskussion über Klischees mehr, die sind dann vorprogrammiert, wen wundert’s.

    Ein guter Fotograf bist Du, wenn Deine Bilder a) allen Gefallen und b) so aussehen wie alle anderen auch, nur ein bisschen mit Kick.
    Ach, das war nicht die Botschaft? Nun gut, aber das was ich hier immer und immer wieder raushöre.

    Was mir völlig fehlt ist die Auseinandersetzung mit Inhalten (wieso ist da jetzt ein Friedhof drauf?), Kontextualisierungen (Gibt es dazu eine Serie? Wie kombiniert sich das Bild mit anderen Bildern?), Botschaften (Was will mir der Autor sagen?), Stimmungen, Gefühlen, …. es gäbe soviel Wichtigeres als das 1001. gleichartige Bild eines Motivs, das, dank Kompositionsregeln und Nachbearbeitung, nichts, aber auch garnichts über den/die Fotografen/in erzählt. Schade eigentlich?

    Wichtiger wäre doch mal die Frage zu beantworten: Warum nochmal fotografiere ich eigentlich? Und zwar… mit Bildern.

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    • Marcus Leusch sagte:

      @ Michael (R.)


      
… eine Aufregung zu durchaus kniffligen Fragen und einige berechtigte Einwände:

      

1. 

      Der „Goldene Schnitt“ gehört (in unserem Kulturkreis) zu einer Maßästhetik, die nach jener Kompositionsgrundlage sucht, die Werke der bildenden Kunst/Architektur in der besonderen Verteilung ihrer dargestellten Gegenstände bzw. Elemente (Architektur) und deren Proportionen als besonders ausgewogen und harmonisch interpretiert. 
Zugegeben, das ist ein schwieriges Feld, das bei den alten Griechen anfängt (Euklid) und uns Heutigen auf der Netzthaut „brennt“. Es ist aber nicht von der Hand zu weisen, dass gewisse Grundregeln die sich aus dieser Sichtweise ableiten lassen, auf jede Bildästhetik einen Effekt haben, ebenso übrigens Abweichungen von diesen. Schwieriger wird es eher bei abstrakter Kunst (Kandinky, Malewitsch, Picasso etc.) oder Werken fremder Kulturen (Asien, Afrika), was uns hier zunächst nicht berührt, die Grundprinzipien des „Goldenen Schnitts“ als anthropologische Konstante aber durchaus ins Wanken bringen können. 


      2.

      Jedes (fotografische) Bild wird gemacht, es fällt nicht genialisch vom Himmel!! Insofern repräsentiert jede „bewusst“ aufgenommene Fotografie (bezogen auf die unauflösbare Relation von Inhalt und Form) auch eine eigene Ästhetik, deren Sprache hinterfragt werden kann.



      3. 

      „Was mir völlig fehlt, ist die Auseinandersetzung mit Inhalten …“



      Der „goldene Schnitt“ kann in einer Bildbesprechung argumentativer Anfang (aus gegebenem Anlass einer besonderen Komposition) oder Ende (als zu beherzigendes Korrektiv) sein, geht aber für eine angemessene Bildbesprechung als Hauptargument (für oder gegen) aus meiner Sicht an einer näheren Beschäftigung mit der Fotografie selbst eher aus dem Weg.

      Ein Blick auf diesen wunderbaren Biedermeierfriedhof mit seinen verwitterten Sandsteinen, dem märchenhaften Wildwuchs und den verschlungenen Pfaden zwischen all diesen Dokumenten eines gelebten Lebens hat schon für sich genommen etwas sehr Poetisches. – Der „Tot“ muss ein Wiener sein, wie es heißt ;-)) 


      Wenn ich mir die Bilder dieses „Fried-Hofs“ via Google ansehe, die hierzu kommuniziert werden, dann scheint mir die vorliegende Aufnahme in Anspruch und Ausdruck eher auf der besseren Seite zu liegen. Ich persönlich hätte jetzt vielleicht auf die leichte Tonung (Sepia?) verwiesen, die reine Geschmackssache wäre, für mich aber ein unnötiger Zusatz. Auch hätte ich die Tiefen hier wieder etwas aufgehellt, um Strukturen frei zu legen, die Lichter „sprechen“ lassen im Angesicht der Schatten dieser verfallenden Denkmäler. Und ich hätte wahrscheinlich einen anderen Ausschnitt (Hochformat/ Quadrat) gesucht, der die Reihe der Grabsteine zur Linken in eine Blickachse zu dem unwegsamen Gehweg gesetzt hätte. Der Baum im Mittelpunkt des Bildes erscheint mir mit seinem abgeknickten „Arm“ wie ein Türhüter in dieses verschlossene Reich. Auch diesen hätte ich in meine Interpretation einbezogen.
      Der Grabsteinsockel im Vordergrund markiert für mich nicht etwa einen (die Ästhetik beleidigenden) Stolperstein, sondern erinnert mich an das Vergängliche schlechthin, wie ich meine – welcher Name hatte auf diesem Sockel wohl seinen letzten Platz gefunden? …
      Mir kommen hier also viele Assoziationen, die sich auch in ein sprechendes ästhetisches Muster fügen ließen. Ja, auch eine gewisse Ordnung sollte letztlich sein! Schließlich gehört hierzu aber auch etwas Empathie, die dem Fotografierenden und dem „Objekt der Begierde“ entgegen käme, indem sie seine eigene Intention zu verstehen suchte. 


      Und da gäbe es noch viele Fragen: Warum ist dieser Ort der absoluten Entschleunigung so wertvoll für eine fotografische Erkundung? Was vermittelt uns die vorliegende Aufnahme davon? Könnte man an dieser Stelle auch einmal eine Serie solcher Bilder präsentieren (falls vorhanden), die uns durch dieses Thema führen könnte?? … 



      P.S.: Der „Lichtfleck“ im Bildzentrum (Baum) lässt sich übrigens mit etwas Bildbearbeitung (Lightroom/Photoshop) aus meiner Sicht relativ leicht beseitigen … – Ich hab das mal für mich probehalber und recht zufriedenstellend durchgespielt … 



      Mit Grüßen die Runde
      Marcus

    • Sofie Dittmann
      Sofie Dittmann sagte:

      @Marcus

      Wie ich hier schon oft ausgeführt habe, konzentriere ich mich in meinen Bildbesprechungen auf ein paar Punkte, die mir wichtig erscheinen. Ich denke nicht, daß ich hier etwas aus dem Weg gehe – ich bin eher an dem Wimmelbildaspekt nicht vorbeigekommen. Und wenn das passiert, krankt das Bild für mich so sehr (wäre genauso, wenn die technischen Aspekte alles andere in den Schatten stellen), daß der Inhalt eben „untergeht“.

  3. Chilled Cat
    Chilled Cat sagte:

    Das Bild hat für mich schon seinen Reiz, aber als Betrachter stolpere ich über den Stein vorne in der Mitte, der stört für mich die Ordnung im Bild.

    Die Reihen der Grabsteine rechts und links führen mich ins Bild hinein in Richtung Fluchtpunkt hinter dem Baum. Wenn mein Auge hineinwandern will, dann bleibt es am Stein irgendwie hängen.

    Vielleicht wäre es schon besser, wenn dieser Stein durch Verlegen des Aufnahmestandpunkts nach rechts nicht so mittig im Bild liegen würde.

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