„Zwischen den Stühlen“: Hybride Photographie

Vergleich eines Bildes vor und nach EBV - (c) Marcel Dierke

Wer heute analog photographiert, denkt sich meistens etwas dabei. Mit dem Medium sind Wertvorstellungen und Ansichten verbunden, die sich meistens von der Schnelllebigkeit des Digitalen abwenden. Die hybride Photographie steht, wie der Name schon sagt, zwischen den Stühlen. Grund genug, sie einmal näher zu betrachten.

Was ist hybride Photographie?

Das Verfahren der hybriden Photographie beschreibt die Kombination aus analoger Aufnahmetechnik und digitaler Nachbearbeitung. Nach der Belichtung des Filmmaterials und der Entwicklung in der Dunkelkammer werden die entstandenen Negative mittels Scanner digitalisiert und so für die Elektronische Bildverarbeitung (EBV) nutzbar gemacht. So weit, so gut.

Contra: Analoger Purismus

Wie eingangs erwähnt, wird mit der Analogphotographie in den meisten Fällen eine bestimmte Wertvorstellung verbunden. Man möchte zum Beispiel dem Aufnahmeprozess mehr Beachtung schenken, die Gestaltung und die schöpferische Arbeit in die Dunkelkammer verlagern oder, wie in meinem Fall, ein Zeichen gegen die digitale „Maschinengewehrfotografie“ und für einen bewussteren Umgang mit dem Medium „Bild“ setzen.

Das Ergebnis ist eine Photographie im wahrsten Sinne des Wortes, nämlich eine Zeichnung mit Licht. Ein Bild mit Macken und kleinen Fehlern, die man entweder bei der Aufnahme oder bei der Entwicklung gemacht hat. Dieses Bild ist nicht perfekt, wobei „perfekt“ vielleicht auch im Auge des Betrachters liegt. Es ist jedenfalls kein Stock-Photo mit perfekter Schärfe, der besten Belichtung und den schönsten Farben. Dafür aber mit Originalität und Einzigartigkeit.

Ein unbearbeitetes Bild. Mit Fehlern, aber auch mit Charme - (c) Marcel Dierke

Pro: EBV, Zeit und Geld

Dieser analoge „Purismus“ mag dann widersprüchlich erscheinen, wenn man mit dem Scannen schlussendlich doch wieder am Computer landet. Doch hier muss man differenzieren. Natürlich bietet die Digitalisierung mit der anschließenden EBV ein unglaublich großes Potenzial zur Optimierung des Bildes, die sicherlich auch bewusst und intentional genutzt wird. Die Möglichkeiten reichen von der Korrektur kleiner Fehler, um das Bild möglichst naturgetreu darzustellen, bis hin zur Abstraktion und zum „glatt bügeln“ für kommerzielle Zwecke.

Doch es gibt auch andere Gründe, die nichts mit der eigenen Vorstellung von Photographie zu tun haben. Mangelnder Wohnraum ist einer dieser Gründe. Zwar lässt sich mit einiger Arbeit in jedem Bad eine Dunkelkammer einrichten, aber auch das ist mit Arbeit verbunden und setzt das Verständnis des Partners voraus. Auch finanziell ist Scannen von Vorteil, denn nach der Anschaffung eines Scanners beschränken sich die Folgekosten auf ein Minimum. Die professionelle Entwicklung ist nämlich nicht der kostenintensive Faktor, sondern die Erstellung der Abzüge, welche man sich dann sparen kann. Schließlich und endlich spielt auch die Zeit eine Rolle. Das Ansetzen des Entwicklers lohnt sich in vielen Fällen nur mit einer entsprechenden Anzahl an Filmrollen. Wer jedoch nicht regelmäßig photographiert, muss unter Umständen lange auf die Ergebnisse warten.

Dieses Bild wurde nachbearbeitet, um das möglichst beste Ergebnis zu erzielen - (c) Marcel Dierke

Ob man hybride Photographie praktiziert, hängt also von vielen Faktoren ab. Nicht nur von der persönlichen Einstellung, sondern auch von der zur Verfügung stehenden Zeit und den räumlichen wie auch finanziellen Mitteln. Insofern steht sie vielleicht gar nicht zwischen den Stühlen, sondern ist einfach nur Mittel zum Zweck, die eigenen Vorstellungen von Photographie umzusetzen.

Was haltet ihr von der hybriden Arbeitsweise und wie setzt ihr sie ein? Diskutiert mit uns in den Kommentaren!

Über den Autor: Marcel beschäftigt sich seit 7 Jahren vorrangig mit analoger Photographie und verleiht seiner Leidenschaft mit dem Blog „Kleinbildphotographie“ Ausdruck.

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5 Kommentare
  1. Christian Fehse sagte:

    Also ich finde es ja ziemlich toll, wenn ich fotografiere, daß ich mir auch was dabei denke. Mit Verlaub, der Artikel ist etwas polarisiert geschrieben. Natürlich kann man als „analoger Purist“ perfekte Fotos machen und wie mit dem Maschinengewehr feuern (die Canon EOS 1v und die Nikon F5 können um die 10 Bilder pro Sekunde). Das brauchen wir heute aber alles fast nicht mehr. Die Anwendungsfälle, wo man das braucht, kann man mit digitaler Technik leichter, schneller, möglicherweise billiger – und vielleicht sogar besser – abdecken. Andersrum gilt das natürlich auch: kein Mensch muß schnelllebige digitale Bilder machen. Man zeichnet ganz genauso mit Licht und kann tolle Papierbilder erzeugen.

    Ergo für mich. Es gibt kein Pro oder Contra. Für keine „Seite“. Für mich sind durch die digitale Fotografie einfach mindestens zwei wahnsinnig tolle neue Medien zum Bilder machen hinzugekommen. Ich mache zur Zeit fast ausschließlich hybid, weil das den Look ermöglicht, den ich immer haben wollte. Aber gleichzeitig gibt mir die rein digitale Technik zum Beispiel die Möglichkeit Menschen bis mindestens ISO 6400 bei Funzellicht aus der Hand zu fotografieren und das ohne große Klimmzüge etwa bei der Entwicklung. Wie cool ist das denn?

    Ich werde deswegen nen Teufel tun und mich für irgendeine Seite entscheiden. Die Bilder müssen eh einzigartig sein, der Aufnahmeprozeß muß den Bildern angemessen sein und man muß die Medien so oder so einigermaßen zu benutzen wissen.

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    • Gregor Boos sagte:

      Ich sehe das genau so, ich mache alles drei:
      Rein analog, hybrid und rein digital, Hauptsache, es ergibt ein Bild.
      Schwarzweiss gefällt mir besser rein analog als hybrid oder digital, das liegt allerdings nur an der Beschränkung auf 8 Bit Graustufen im JPG (was man zum Zeigen oder im Internet verwendet), rein analog geht da deutlich mehr an Tonwertabstufungen. Ansonsten müsste man digital mit 48 Bit TIFF-Dateien arbeiten, was sehr schnell zu sehr vollen Festplatten führt.
      Bei Farbe bieten die digitalen Formate ausreichend Information.
      Allerdings zeige ich meine Bilder lieber als Print, da man dafür keinen Rechner braucht. Gute Digitalfotos werden daher bei mir auch immer zu einem physischen Bild.
      Mir missfällt bei der Argumentation pro analog immer das Argument der „bewussteren Bildgestaltung“ oder der „Entschleunigung“ gegenüber der „digitalen Maschinengewehrfotografie“.
      Bewusste Bildgestaltung liegt nicht am Aufzeichnungsmedium, sondern am Fotografen.
      Und wer sich dazu zwingen will, nicht so häufig auf den Auslöser zu drücken, tue dies entweder bewusst oder benutze kleine Speicherkarten…

  2. Chilled Cat
    Chilled Cat sagte:

    Die paar analogen Bilder, die ich dieses Jahr gemacht habe, rechtfertigen für mich nicht die Unterhaltung einer eigenen Dunkelkammer. Noch nicht mal einen eigenen Scanner.

    Daher schicke ich die Filme zum Entwickeln und Scannen und bearbeite sie dann digital weiter. Klar wäre gelegentlich eine Dunkelkammer ganz nett, aber so oft wie ich dazu Zeit hätte, müßte ich mich mehr mit der Entsorgung von altem Entwickler beschäftigen als mit dem Entwickeln selbst.

    Für die Puristen habe ich noch ein passendes Zitat von George Bernard Shaw:

    „Tradition ist eine Laterne, der Dumme hält sich an ihr fest, dem Klugen leuchtet sie den Weg.“

    Antworten
    • Christian Fehse sagte:

      Treffen sich mehrere Malerinnen und Maler in einem Forum – also die treffen sich offline, wahrscheinlich in einer Wohung von einem von denen (so genau kenne ich die Malerszene nicht). Sagt der eine: „Für die Puristen, die heute noch mit der Spachteltechnik malen, habe ich noch ein passendes Zitat von George Bernard Shaw:

      „Tradition ist eine Laterne, der Dumme hält sich an ihr fest, dem Klugen leuchtet sie den Weg.“

      Gucken sich die anderen an, schmunzeln und denken: was will er denn? Dann sagt einer prost und alle trinken von ihrem super süffigen Rotwein…

  3. Norman sagte:

    Hi!

    Intressantes Thema. Mir fehlt die Definition des „analogen Purismus“. Fotografien wurden schon immer nachbearbeitet. Nur war das Wissen nicht nur ein Klick entfernt; Und jederzeit frei und kostenlos verfügbar.

    Viele Grüsse!
    Norman Gilles

    Antworten

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