13 Punkte zum Verständnis: Das Artist Statement

Intention und Beweggründe für das eigene Schaffen auszuformulieren, sind für den Fotografen eine Herausforderung, aber auch eine gute Übung.

Homage an Man Ray #38

Eine der schwierigsten Übungen für jeden Künstler, ob Maler oder Fotograf oder was auch immer, ist das Artist Statement. In einem mehr oder weniger prägnanten Paragraphen (oder auch länger) zusammenzufassen, was einen bewegt, warum man macht, was man macht, kann zu agonieähnlichen Zuständen führen, und das Ergebnis sich dann trotzdem oft albern anhören.

Vor etlichen Jahren, als ich gerade angefangen hatte, mich ernsthaft mit Fotografie zu beschäftigen, hatte ich Gelegenheit, ein paar Aufnahmen einer lokalen Fotografieprofessorin zu zeigen. Sie betrachtete das mitgebrachte Sammelsurium an Abzügen gnädig, gab mir ein paar gute Ratschläge, klopfte mir verbal aufmunternd auf die Schulter, und fragte mich am Schluß, „So, where are you going with this?“ („Also, wo willst Du denn noch hin damit?“)

Darauf hatte ich damals keine Antwort; ich hatte einfach nur Spaß am Fotografieren gefunden und wollte wissen, ob ich „gut genug“ sei. Es war dennoch der Beginn einer gedanklichen Auseinandersetzung mit genau dieser Frage, denn erstens wollte ich nicht wieder belämmert stammeln, falls ich sie zukünftig gestellt bekomme, und zweitens war mir klar, daß ich irgendwo eine Richtung brauchte, anstatt einfach drauflos zu fotografieren.

Wie sollen es andere verstehen, wenn ich es nicht verstehe?

Nehmen wir einmal an, Du bist als Fotografin über die Sturm-und-Drang-Phase hinaus. Das heißt nicht notwendigerweise, daß Du Leuten erklären kannst, was Du wie warum tust. Als Antwort gibt man dann gerne, man habe die Szene eben so gesehen; sie zu interpretieren sei Sache anderer. Das ist aber genau das Problem: wie soll es jemand anderer verstehen, wenn man es selbst nicht kann? Je ernsthafter man jedoch fotografiert, desto schneller wird man an genau diesen Punkt kommen: auf der eigenen Webseite, PR-Materialien, für Wettbewerbe.

Columbus Photowalk 2014 - (c) Sofie Dittmann

Hier sind ein paar Anhaltspunkte, ein Fragenkatalog, die/der Euch hoffentlich dabei helfen werden/wird, Euer eigenes Artist Statement zu schreiben. Sie reflektieren meine Vorgehensweise – andere gehen es sicherlich anders an.

  1. Welche Motive fotografierst Du am liebsten/meisten? Kommen bestimmte Themen öfter vor?
  2. Sagen wir, die Antwort auf Nr. 1 war Landschaftsfotografie, speziell Wüstenszenen. Welche Fotografen des selben Genres sind ein Vorbild für Dich? Was verbindet ihre Ästhetik? Sind sie beispielweise alle aus der gleichen Ära, arbeiten sie mit der gleichen Ausrüstung usw.?
  3. Speziell bezogen auf einen Teil Deines Schaffens, beispielsweise eine Werkgruppe oder Serie: was hat Dich dazu inspiriert? Wie bist Du beim Fotografieren hier vorgegangen, gibt es noch weitere geplante Arbeiten in diesem Zusammenhang?

Für das Endergebnis solle man im folgenden beachten:

  1. Einfach ist besser. Das Endprodukt sollte für viele Leute verständlich sein, aber nicht übermässig vereinfachend. Vermeide Fachkauderwelsch.
  2. Erkläre, warum Du diese Art von Fotografie verfolgst. Obige Fragen sollten Dir eine Antwort hierfür gegeben haben.
  3. Wenn es für den Leser interessant ist, beschreibe, wie Du arbeitest.
  4. Was bedeutet es für Dich zu fotografieren?
  5. Fasse Dich kurz.
  6. Jede Werkgruppe sollte von einem eigenen Artist Statement begleitet werden.

Insbesondere sollte man

  1. vermeiden, dem Leser = Betrachter zu sagen, was er oder sie in der jeweiligen Arbeit zu sehen hat oder sehen sollte. Jeder geht auf Kunst von seiner eigenen Warte aus zu, und andere sehen in Deinen Bildern unter Umständen Dinge, die Du nicht in Erwägung gezogen hast.
  2. präzise sein. „Ich habe versucht…“ oder „ich möchte…“ zeigt dem Leser, daß Du Dir selbst nicht sicher bist, und damit das Werk oder Projekt nicht fertig und unausgegoren.
  3. keine Biografie schreiben. Ein Artist Statement beschreibt in erster Linie Deine Arbeit, nicht Dich selbst.
  4. Korrektur lesen – und vor allem, Korrektur lesen lassen. Dazwischen würde ich die Sache ruhen lassen, denn wenn man ein Dokument zu lange anstarrt, ist es wie mit dem Wald und den Bäumen.

Metal Ink #1 - (c) Sofie Dittmann

Ich hoffe, das hilft. Hier noch mein Artist Statement zu einem Projekt, das ich „MetalInk“ nenne (erst das englische Original, dann die deutsche Variante):

„MetalInk“ was inspired by the complex simplicity of ink drawings, something my artist father excelled at. He was trained in the school of German Expressionism, and photographically I am also intrigued by the time period of the early 20th century. These metal pieces (actually originally part of a mattress) reminded me of some of Man Ray’s “rayographs”, only inverted.

Die Inspiration für „MetalInk“ kam von der komplexen Einfachheit von Tuschezeichnungen; etwas, das mein Vater, der Kunstmaler war, exzellent beherrschte. Er war durch die Schule des Deutschen Expressionismus geprägt, und fotografisch bin ich ebenfalls vom frühen 20. Jahrhundert fasziniert. Diese Metallstücke (ursprünglich ein Teil einer Matratze) erinnerten mich an einige von Man Rays „Rayographs“, nur invertiert.

Es ist nicht das beste, was ich je geschrieben habe, aber besser als, „Ich hatte einfach Lust darauf, rostiges Metal zu fotografieren.“

Wie hättet Ihr es gemacht? Fällt es Euch einfach, über Eure eigene Arbeit zu sprechen? Habt Ihr Beispiele von eigenen Artist Statements?

7 Kommentare
    • Chilled Cat
      Chilled Cat sagte:

      Vielen Dank für den Hinweis! Jetzt wo du es sagst, sehe ich es auch.
      Beim Editieren hat WordPress die Leerzeile noch dreimal verschluckt… Technik, die begeistert.

    • Sofie Dittmann
      Sofie Dittmann sagte:

      Hey, man bekommt halt, wofür man bezahlt. WP finde ich insgesamt ziemlich klasse.

    • Chilled Cat
      Chilled Cat sagte:

      Klar, um mit wenig Aufwand um den eigentlichen Inhalt herum einen Blog zu betreiben ist WordPress richtig gut. Das ganze Datenbankgelärch, das sich bei WP im Hintergrund versteckt, wollte ich auf keinen Fall von Hand verwalten.

      Da ist eine Leerzeile locker auszuhalten, die dreimal hintereinander beim Aktualisieren gefresssen wird.

  1. Chilled Cat
    Chilled Cat sagte:

    Jetzt hast du mich aus der Ruhelage herausgeschubst. Das Thema hat mir keine Ruhe gelassen und ich habe mich gleich hingesetzt und ein Statement geschrieben.

    Um deine Frage zu beantworten: Obwohl ich bestimmt kein Wortkünstler bin, ist es mir nicht wirklich schwer gefallen, ein Artist Statement zu schreiben. Liegt vielleicht daran, daß der Text kurz sein soll.

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