Herausforderung Waldfotografie: Die Kiefern von Ameland

Waldfotografie ist meist mit einer mühsamen Suche nach dem richtigen Standpunkt verbunden.

Nikon  D7100 mit 18-300 mm/ 3.5-5.6 - 1/60 s - ISO 100 - f/7.1 - 72 mm (KB 108 mm) - (c) Esther Bachmann

Nikon  D7100 mit 18-300 mm/ 3.5-5.6 – 1/60 s – ISO 100 – f/7.1 – 72 mm (KB 108 mm) – (c) Esther Bachmann

Unsere Leserin Esther Bachmann aus dem schweizerischen Hüntwangen hat uns das obige Bild unter dem Titel „Ameland Wald” in der Kategorie ‚Natur/Tier‘ zur Besprechung eingereicht.

Zur Waldfotografie schreibt sie:

„Mich fasziniert das Thema, aber fotografisch kann man sich daran die Zähne ausbeißen. Auch Baumportraits finde ich äußerst schwierig umzusetzen. Eine Aufnahme, die mich freut und mir gefällt, ist im letzten Herbst auf Ameland entstanden. Sie würde vermutlich auch schwarz-weiß funktionieren.“ Aufnahmedaten: Nikon D7100, Objektiv Nikkor 18-300 mm/ 3.5-5.6, 72 mm, 1/60 Sek., f 7.1, ISO 100. Bearbeitung: Blende um 0.5 erhöht, leichte Schärfung. Soll das Bild, und wenn ja wie, weiter bearbeitet werden? Danke für Tipps.”

Da wir eine Landschaftsaufnahme besprechen, sollten wir uns kurz mit dem Aufnahmeort auseinandersetzen. Die westfriesische Insel Ameland entstand wie ihre Nachbarn durch die Anhäufung von Meeressand, der sich zu Dünen verfestigte. Mit dem Ende der letzten Eiszeit trennte der steigende Meeresspiegel die Insel vom Festland ab. Diese Entstehungsgeschichte prägt selbstverständlich das Erscheinungsbild der Insel, welches in der Form im gesamten Nordseeraum wiederzufinden ist. Die Vegetation zollt dem flachen, sandigen Boden Tribut, so dass neben Grasflächen vor allem Heide, niedriges Strauchwerk und kleinere Kiefernwälder vorzufinden sind. Werfen wir nun einen Blick auf Esthers Arbeit.

Die Belichtung der Aufnahme kann als ausgewogen bezeichnet werden. Lediglich einige sonnige Stellen im Gras könnten nach meinem Geschmack ein wenig dunkler ausfallen. Nennenswerte Tonwertabbrüche sind jedoch nicht erkennbar, so dass wir unsere Aufmerksamkeit im Wesentlichen auf die kompositorischen Aspekte lenken können.

Histogramm, Grauwertkonvertierung

Histogramm

Die Waldszene ist beschränkt auf zwei wesentliche Inhalte; Bäume (bzw. deren Stämme) und Grasfläche. Hierbei werden der Vorder- und Mittelgrund von Baumstämmen und Gras gefüllt, während der Hintergrund aus einer geschlossenen Kiefernreihe besteht. Letztere sorgt für eine klare Einordnung der Szenerie. Esthers Entscheidung, die Horizontlinie in den goldenen Schnitt zu legen, unterstreicht die ruhige Atmosphäre des Waldes.

In Bezug auf die Baumgruppe (Mittelgrund) wäre eine ähnlich konsequente Komposition überlegenswert gewesen. Die Grasfläche, die sich mit ihren feinen Abstufungen und Schattierungen vom Vorder- zum Hintergrund zieht, verleiht dem Bild Tiefe. Gleiches gilt für die gestaffelte Anordnung der Bäume.

Hier fällt mir jedoch ein klassisches Problem der Waldfotografie ins Auge. Die bereits angesprochenen drei Bäume überlappen sich stark, so dass sich ihre Umrisse auflösen (im folgenden Vergleichsbild violett markiert). Eine deutlichere Staffelung dieser Kiefern würde die Tiefenwirkung des Bildes weiter verstärken. Die gewählte Telebrennweite erscheint nicht geeignet, um eine optimale räumliche Wirkung zu erzielen. Aufgrund der beschriebenen, schlüssigen Gliederung der Aufnahme fällt dieser Aspekt jedoch nicht allzu sehr ins Gewicht, obgleich hier leider Potentiale vergeben wurden.

Bildaufteilung, Goldener Schnitt

Bildaufteilung: Goldener Schnitt (rot)

Die Stärke des Bilds liegt für mich in der guten Charakterisierung der Landschaft. Die bereits eingangs beschriebenen, kennzeichnenden Merkmale werden schlüssig wiedergegeben; der relativ lichte Kiefernwald, der einst durch Meer und Wind geformte, hügelige Boden, das Gras. Wünschenswert wäre eine engere kompositorische Verknüpfung dieser Elemente. Der Blickdurchgang wird stark durch die Anordnung der Bäume dominiert. Am linken Bildrand einsteigend führt dieser über die drei Stämme im Mittelgrund, um abschließend am Horizont zum rechten Bildrand zu wandern. Die charakteristische Grasfläche bleibt dabei erst einmal links liegen und wird letztlich etwas losgelöst vom Rest des Bildes betrachtet.

Das ist bedauerlich, da ja gerade das Zusammenspiel der einzelnen Elemente das Wesen der Landschaft prägt. Im Grunde ist in diesem Bild bereits eine alternative Blickführung angelegt, welche jedoch weiter ausgebaut werden müsste, um zur Geltung zu kommen (Bild, blau). Diese beginnt ebenfalls mit dem Baumstamm im linken Vordergrund. Anschließend könnte der Blick entlang der markanten Hügelform nach rechts geführt werden, um dann der Grasfläche diagonal durch das Bild in Richtung Horizont zu folgen. Der Betrachter wird sich dann S-förmig durch die Aufnahme arbeiten.

Warum funktioniert das in dem vorliegenden Bild noch nicht? Die Ursache liegt in der Gewichtung der Bäume im linken Bilddrittel. Es fehlt ein Gegenpol auf der rechten Seite, der die Aufmerksamkeit in diese Richtung lenkt. Hierzu wäre eine weitere Kiefer am rechten Bildrand denkbar. Leider lassen sich Bäume nur selten von derartigen Erwägungen beeindrucken und zeigen sich entsprechend unkooperativ. Es gilt daher, die richtige Stelle im Wald zu finden.

Blickführung

Blickführung

Eine kleine Schwäche in der technischen Umsetzung möchte ich nicht verschweigen. Esther erwähnte eingangs, dass sie bereits eine leichte Schärfung vorgenommen hat. Leider liegt der linke, vordere Kiefernstamm trotzdem deutlich außerhalb des Schärfebereichs. Hier könnte die Anwendung des Hochpassfilters eine gewisse Abhilfe schaffen. Grundsätzlich sollte man dieses Problem natürlich direkt bei der Aufnahme vermeiden.

Die Daten verraten mir, dass dies auch bei diesem Bild möglich gewesen wäre. Zum einen wäre bei Erhöhung der Empfindlichkeit auf ISO 200 oder 400 der Einsatz einer kleineren Blende möglich gewesen. Gleichzeitig hätte hierdurch die Belichtungszeit, welche sich mit 1/60 sec. am absoluten Limit befand, verkürzt werden können. Zum anderen kam mit 72 mm eine mittlere Telebrennweite zum Einsatz, die für diese Situation nicht optimal erscheint, da sich mit steigender Brennweite (bei konstanten sonstigen Parametern) die hyperfokale Distanz verlängert. Das bedeutet, der Schärfebereich verringert sich.

Esther hätte zum Beispiel mit einer Normalbrennweite von 35 mm (entspricht ca. 53 mm am Kleinbild) und Blende 8 einen Schärfebereich von knapp 4 m bis unendlich nutzen können. Mit den gewählten Einstellungen lag der Nahpunkt hingegen erst bei ca. 18 m. Grundsätzlich empfehle ich bei Landschaftsaufnahmen dieser Art den Einsatz eines moderaten Weitwinkels (ca. 35 mm Kleinbild bzw. ca. 23 mm DX, APS-C). Dieser fördert auch die Tiefenwirkung des Bildes, da die Kamera näher an den Vordergrund heranrückt.

Unschärfe Vordergrund

Unschärfe im Vordergrund

Esther stellte die Frage, ob dieses Bild auch in einer monochromen Ausarbeitung wirken würde. Das Bild lebt prinzipiell von den Strukturen der dargestellten Elemente und weniger von deren Farben. Diese beschränken sich auf gedeckte Braun-, Gelb- und Grüntöne. Grundsätzlich kann dieses Bild auch in einer Schwarz-Weiß-Konvertierung die wesentlichen Inhalte schlüssig transportieren. Allerdings stellt sich für mich die Frage, ob das Bild hierdurch zugewinnen würde.

Das Anliegen der Aufnahme besteht zweifelsohne in der Charakterisierung der Landschaft. Eine Abstrahierung – nichts Anderes liegt vor, wenn wir die Farben auf Grautöne reduzieren – erscheint in diesem Fall nur sinnvoll, wenn dadurch besondere Merkmale herausgearbeitet werden. Dies ist für mich hier nicht erkennbar, im Gegenteil wird die Art der Bodenvegetation durch ihre Färbung verdeutlicht. Aus diesem Grund würde ich bei diesem Bild von einer monochromen Darstellung Abstand nehmen.

Fazit

Esther gelang es in ihrer Aufnahme, den Charakter der Landschaft schlüssig einzufangen. Kompositorisch fällt leider die überlappende Baumgruppe negativ ins Gewicht. Eine etwas engere Verknüpfung zwischen Wald und Grasfläche hätte das Bild abgerundet. Hier ist viel Geduld bei der Suche nach dem optimalen Aufnahmestandpunkt gefragt.

2 Kommentare
  1. Esther Bachmann sagte:

    Vielen Dank Christian Bartusch für deine ausführliche Besprechung meines „Amelandwaldes“. Deine Anregungen helfen mir weiter. In diesem Jahr möchte ich Wald- und Baumfotografie intensiver pflegen, ich habe nun endlich etwas mehr Zeit für solche Fotoprojekte.

    Die Aufnahme liegt schon einige Zeit zurück. Ich erinnere mich, dass ich die Problemzone der drei Stämme in Kauf nahm, ein anderer Standort hätte das Lichtspiel auf der Wiese nicht mehr so schön gezeigt. Mehr Zeit für die Suche nach einem geeigneteren Standpunkt wäre nötig gewesen. Da wir als kleine Gruppe unterwegs waren, wollte ich den Anschluss nicht verpassen und auch die Geduld der Anderen (Nichtfotografen) nicht überstrapazieren.
    Beste Grüsse, Esther

    Antworten
    • Christian Bartusch sagte:

      Hallo Esther, es freut mich, wenn Dir die Besprechung weitergeholfen hat. Für Dein neues Projekt wünsche ich Dir ‚Gut Licht‘ und tolerante, geduldige Begleiter.

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