Stillleben am Meer: Das Kleine im Grossen

Für eine Gute Fotografie müssen nicht alle Regeln eingehalten sein – im Gegenteil. Bisweilen ist die Gesamtwirkung verschiedener Faktoren ausschlaggebend. Dieses Landschafts-Stillleben vom Meeresufer entfaltet seine Wirkung, ohne dass (mir) ganz klar ist, warum.

Mann beim Angeln am Meer

Ein Mann angelt. DMC-FT5 von Panasonic, Aufnahme mit Blende 13 bei einer Brennweite von 11mm; 100 ISO bei 1,6s ©

Diese Aufnahme stammt von André Kaiser aus Dortmund:

Entstanden in einem Urlaub vor zwei Jahren in Nazaré, doch jetzt erst aufgetaucht.

Die Farbfotografie zeigt eine weissblaue, in leichter Bewegung wabernde Meeresoberfläche vor altrosa Himmel mit einem Horizont im obersten Drittel. Im Vordergrund der Aufnahme sind rechts zwei Felsnasen zu sehen, die gegen die Bildmitte in eine leichte Brandung hinausragen; im linken Bilddrittel liegt ein gewaltiger Felsklotz wie eine kleine Insel im Meer. ziemlich genau in der Bildmitte ist auf der Felsnase bei genauem Hinsehen ein Mann zu erkennen, der unter dem Betrachter am Wasser steht und offenbar angelt.

Mich zieht diese Aufnahme sofort in ihren Bann, weil die Stimmung diese unbeschreibliche Spanne zwischen den eigentlichen Tageszeiten widergibt: Es ist entweder deutlich vor Sonnenauf- oder klar nach Sonnenuntergang, und die indirekte Beleuchtung schafft eine Weichheit der Konturen und Objekte, die alles freundlich und gefällig macht.

Die Wasseroberfläche, obwohl sichtlich bewegt und rechts auch schäumend, wird durch die Belichtungszeit von mehr als eineinhalb Sekunden genau so weit verwischt, dass der Weichzeichnereffekt das Licht unterstützt; und schliesslich sorgen die altrosa Schlieren am Horizont dafür, dass die gesamte Szenerie wie aus Zuckerwatte geformt wirken kann.

Die Schichtung in Drittelshorizontale ist eine Auflösung des Motivs

Die Schichtung in Drittelshorizontale ist eine Auflösung des Motivs

Erst nachdem man diese Stimmung auf sich hat wirken lassen und die wenig spektakulären und spärlichen Formen in der Aufnahme zu ergründen beginnt, wandert der Blick vom Felsen links zu den Felsnasen rechts, untersucht die Flüsse der Brandung und bleibt schliesslich wie durch Zufall auf der einsamen, aufrechten Gestalt in der Bildmitte ruhen.

Ein «Mann, der angelt» (Bildtitel).

Nun, den bräuchte das Bild nicht unbedingt, aber ihm verdankt es eine zweite Aufmerksamkeitswelle, denn jetzt ist meine Neugier, die sich zuvor auf die Stimmung konzentriert hat, für die Details geweckt, und ich ergründe die Details in den Felsenkanten am unteren Bildrand.

Ich könnte mir vorstellen, dass diese Aufnahme in gehöriger Vergrösserung an einer Wand ihre volle Wirkung entfaltet. Dabei liegt ihre ganze Spannung im Kontrast zwischen der Kleinheit des Details und der kolossalen Grösse der Stimmung, die ebendiese Details nicht braucht: Wie ein Aquarell mit einem einzigen, feinen Akzent, der es zum Leben erweckt. So gesehen, braucht das Bild den Angler, wie eine Symphonie das helle, einfache «Kling» des Triangels.

Abgedunkelt (rechts unten) und leicht entzerrt (Horizont)

Abgedunkelt (rechts unten) und leicht entzerrt (Horizont)

Suche ich nach einfachen gesetzmässigkeiten der Aufnahme, dann ist zu sagen, dass die Belichtungszeit zusammen mit der Empfindlichkeit und den Tonwerten der Stimmung perfekt zudient; die Aufteilung der Horizontalen gleichmässig den Dritteln entspricht (Himmel bis Horizont, Wasser, Felsen), was ich in einer Montage noch etwas überzeichnet habe: Extrem einfache Formen zu den extrem einfachen Farben. Und schliesslich steht der Angler ziemlich genau in der Bildmitte, was eher verziehen werden kann, als wenn etwa der Horizont durch die Bildmitte laufen würde.

Die Fibonaci-Spirale löst das Bild in mögliche goldene Schnitte auf - hier aber ohne erkennbare Folge.

Die Fibonacci-Spirale löst das Bild in mögliche goldene Schnitte auf – hier aber ohne erkennbare Folge.

Trotzdem stört mich diese Mittigkeit. Ich habe neben der Drittelung des Bildes noch die Fibonacci-Spirale drübergelgt und nach einer Wiederholung von goldenen Schnitten gesucht, aber abgesehen von der guten Platzierung des Felsbrockens links keine gefunden: Dieser Bildaufbau birgt wenig Spannung, aber das entspricht der ebenso entspannten Stimmung. Vielleicht hätte ich vor Ort noch versucht, mit einer Verschiebung des Standortes nach rechts den Angler in die linke Seite des Bildes zu kriegen.

Was ich ausserdem an der Bearbeitung verbessern würde, ist eine leichte Dämpfung der etwas helleren Felsen in der rechten Bildecke, wo ansonsten ein Leck entsteht. Und schliesslich habe ich die leichte Tonnenverzerrung des Horizontes umgekehrt in eine minimale Kissenverzerrung, so dass sich der Horizont eher von der Mitte nach links und rechts unten wölbt als im Gefolge des Weitwinkels von den Seiten nach innen.

3 Kommentare
  1. fherb sagte:

    Äh… Ich hab mir das auf m kleinen Smartfone nur angesehen und muss nun nach weiteren Blicken noch mal nachfragen: Was ist jetzt das Original? Wo die Felsen links und rechts on einer Höhe sind (untere Drittellinie) oder wo der linke Felsen bis in die Mitte reicht? Ich hatte mich eben auf das dritte Bild konzentriert und es mit dem Zweiten verglichen. Wenn das Zweite manipuliert ist und das erste und dritte Bild in der Lage des linken Felsens das Original sind, dann ist das ok. Im zweiten Bild, wo linker und rechter Felsen gleich weit rein ragen, verpufft diese Spannung.

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    • Peter Sennhauser sagte:

      Danke für deine Weiterführungen, Frank, ich pflichte Dir bei: Der Kontrast des Wassers mit den schroffen Felsen ist neben der Anordnung der Formen der spannungschaffende Faktor. Und ja: Das Original ist das mit dem links ausbrechenden Insel-Felsen, die Schichtung der Bildteile vernichtet jegliche Spannung, ich habe sie lediglich zu Anschauungszwecken erstellt.

  2. fherb sagte:

    Hallo,

    Die von Dir „montierte“ Variante finde ich optimal. Wobei der Fotograf ganz bestimmt nicht die Möglichkeit hatte, die Perspektive schon bei der Aufnahme einzunehmen, denn meist sind Klettertouren auf Steilküsten nicht ganz ungefährlich oder eben unmöglich. Ob man es sich nun gestattet, zu montieren oder zu den Leuten zählt, die keinerlei perspektivische Korrekturen nach der Aufnahme zulassen wollen, ist eine andere Frage. Ich gehöre zu denen, die nicht dokumentieren sondern gestalten wollen. Insofern gefällt mir Deine Korrektur sehr.

    Ich glaube jedoch, dass Du bei der Suche nach dem Grund für diese Faszination vom Falschen ausgehst, wenn Du allein die geometrische Anordnung betrachtest. Für mich ergibt sich die Spannung daraus, dass der Übergang vom Meer zum Himmel in der horizontalen liegt (geometrisch), dort zugleich aber ein optischer Konzentrationspunkt auf die gefühlte Struktur „weich, seidig, beruhigend“ liegt. Während dessen greift diese weiche, beruhigende Linie von unten eine harte, schroffe (scharfe) Zange aus den Felsen links und rechts an. Und in der unteren Mitte beginnt eine dritte Struktur, die gesamte Szenerie in der Vertikalen zu zweiteilen. Also oben Ruhe, unten Angriff. Und dann steht da noch knapp neben dem mittigen Keil ein Mensch in aller Ruhe.

    Ich denke, dass dieser beißende Eingriff des unteren Bildteils auf die oberen 2/3 des Bildes die Grundspannung ausmachen. Hervorgerufen durch die Struktur und den Kontrast der Oberflächen. Und die Frage, die das Bild noch spannender macht ist, welcher tieferen Bedeutung dem kleine Mensch zu kommt. Zumahl er dort wie eine Säule steht. Dass er „nur“ angelt, sieht man ja nicht.

    Viele Grüße
    Frank

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