High-Key-Architekturfoto: Der Schwung der Treppe

Eine untypische, aber äusserst wirkungsvolle Architekturaufnahme: Eine ungewöhnliche Perspektive, mässige Kontraste und eine High-Key-Belichtung isolieren die Form dieses Treppenhauses und abstrahieren seine Dynamik.

Treppenhaus Berggrün Museum Berlin, © Anne Sura

Treppenhaus Berggrün Museum Berlin, © Anne Sura, Fuji X-E1, Objektiv 35/1.4, ISO: 500, Blende f/2, Verschlußzeit: 1/40

Anne Sura aus Berlin schreibt zu diesem Bild:

Mein Foto ist im Berggrün Museum Berlin entstanden, Stativ war nicht erlaubt, so dass ich mit relativ weit geöffneter Blende gearbeitet habe, ISO wollte ich nicht so hoch ansetzen. Auf Grund des Abstandes hielt ich das noch für vertretbar, auch wenn der vordere Treppenhausbogen so etwas weich ausfällt. Fasziniert hat mich die Leichtigkeit , das Schweben dieser geschwungenen Konstruktion und die verschiedenen weiß/beige Töne. Ich habe mich gegen eine s/w Umwandlung entschieden.

Der Vorteil einer Kleinbildansicht von Fotografien ist der, dass ungewöhnliche Formen, Stile und Farben sofort auffallen. Ich sage das deshalb, weil mir Annes Bild aus unseren Einreichungen für die Bildkritik ins Auge gestochen ist. Die Vergrösserung zeigte dann: Ein Architekturfoto. Wirklich? Die Farbaufnahme zeigt einen Teil einer nach innen offenen Rundtreppe, die über der Position des Betrachters in einen Stockwerksabsatz übergeht. Der Hintergrund der Fotografie besteht aus fast vollständig weissen Wänden, das Motiv besteht aus dem crèmefarbenen Sockel der Treppenunterseite, der grauen Treppe und einem schwarzen Stahlgeländer mit Holzhandlauf.

Treppe blickfuehrung

Blickführung entlang der Linien

Du schreibst, dass die Wahl der weit offenen Blende (Blendenzahl 2 gibt’s ja nun nicht mit jedem Objektiv) gewissermassen aufgezwungen worden ist, weil Du die ISO tief halten wolltest und kein Stativ brauchen durftest. Und ich komme – obwohl ein eifriger Verfechter des Stativs – zum Schluss, dass das zum Resultat nicht wenig beigetragen hat.

Der flache Raum

Denn es hat Dich insgesamt zu einer High-Key-Fotografie geführt, in welcher deine Absicht voll zum Tragen kommt: Der leichte Schwung des Treppenhauses wird vollständig isoliert und von nichts anderem im Bild konkurrenziert. Die leichte Unschärfe des Randes des Treppenabsatzes oberhalb des Betrachter-Standpunkts sorgt dabei für ein minimales Mass an Räumlichkeit, das dem Auge beim ersten oberflächlichen Betrachten noch fehlt. Erst auf den zweiten Blick erfassen wir den Raum und vermögen die abstrakte Linienführung in der dritten Dimension aufzulösen.

Insgesamt entsteht durch die grosse, fast weisse Fläche der Eindruck der Freistellung des Treppenteils. Der leichte Bogen von links oben nach rechts in die Bildmitte lenkt den Blick (in der westlichen Kultur schauen wir nunmal gerne von links nach rechts) und von dort zurück.

Leichtes Clipping in der unteren Hälfte des Treppenhauses

Leichtes Clipping in der unteren Hälfte des Treppenhauses

Das Histogramm tendiert klar nach rechts: Viele helle, sehr wenige dunkle Pixel im Bild

Wenn wir das Histogramm ansehen, stellen wir fest, dass es deutlich zu den hellen Tonwerten neigt und praktisch keinen Schwarzwert aufweist. Das heisst nicht, dass das Bild überbelichtet ist – sondern einfach, dass sehr viele helle Flächen in der Komposition vorhanden sind.

Allerdings ist ein leichtes Clipping der weissen Stellen im unteren Teil des Treppenhauses festzustellen (hier rot überlagert – Regionen im Bild, in denen keine Zeichnung mehr vorhanden ist). Das zeigt auch, dass die Lichtverhältnisse nicht ganz so optimal gewesen sein dürften, wie das den Anschein macht: Um die obere Wand des Stiegenhauses in weiss erscheinen zu lassen, hast Du die untere Wand etwas überbelichten müssen.

Das geht hier aber gut, denn die Wand hat nichts zu bieten, was zum Bildeindruck beiträgt. Bis auf die eine, nur leicht erkennbare Linie unter den Parallelen der Treppe: Sie ergänzt die Horizontalen wie ein leises Echo. Alles in allem besteht des Bild aus einer starken links-rechts-Bewegung nicht ganz paralleler, geschwungerner Linien, die in einem harten Kontrast zu den Vertikalen des Geländers und dem abrupten  Ende des Treppenbogens stehen:

Nur Horizontale und Vertikale

Nur Horizontale und Vertikale

 

Damit ist auch schon klar, dass diese Aufnahme keine Architekturfotografie im klassischsten Sinne ist: Sie will nicht in erster Linie dokumentieren, sondern sie greift ein gestalterisches Element des Baus auf und isoliert es: Das ist Dir hier sowohl in der Komposition als auch in der technischen Umsetzung hervorragend gelungen. Dabei sind in der Komposition sehr viele Dreiecke auszumachen, die aber allesamt irgendwo eine runde Seite haben; der Übergang der Treppe in den Absatz liegt deutlich rechts vom goldenen Schnitt: Diese leichten Brüche mit der optimalen Bildeinteilung beleben die Aufnahme zusätzlich.

Mit einem Rot- oder Orangefilter gerät die Umwandlung in S/W noch stärker zur High-Key-Aufnahme

Mit einem Rot- oder Orangefilter gerät die Umwandlung in S/W noch stärker zur High-Key-Aufnahme

Was die Umwandlung in Schwarz-Weiss angeht: Das hätte man durchaus auch versuchen können, wobei die High-Key-Belichtung und das ohnehin sehr reduzierte Farbspektrum in der Aufnahme eigentlich eine solche zusätzliche Reduktion nicht mehr nötig erscheinen lässt. Ich habe sie hier zu Anschauungszwecken einmal mit einem Orange-Filter vorgenommen, was den Kontrast weiter reduziert, und einmal mit der Lightroom-Einstellung «Starker Kontrast“, was ein entsprechend wuchtigeres Result zeitigt.

Hochkontrast-Umwandlung in S/W in Photoshop Lightroom.

Hochkontrast-Umwandlung in S/W in Photoshop Lightroom.

Als individuelle Aufnahme hat dieses Architekturfoto ein abstraktes Flair: Es schmeichelt unserer Empfindung für Linien und Formen und gibt nicht gleich im ersten Augenblick der Betrachtung preis, wie es zu dieser Schwungform gekommen ist – der Blickwinkel ist zu ungewöhnlich.

Noch spannender würde das Bild, wenn es Teil einer ganzen Serie, eines Projekts wäre, den Bau als ganzes architektonisch in solche Details aufzulösen. Oder allenfalls die unterschiedlichen Leichtigkeiten von Treppenhäusern in verschiedenen Bauten einzufangen. Du hättest damit einen eigenen Zugang zur Architekturfotografie und ein spannendes Motiv für ein Projekt.

Aber schon so ist Dir eine Aufnahme gelungen, die nicht nur in der Kleinbildvorschau heraussticht.

1 Antwort
  1. Anne sagte:

    Hallo fokussiert.com – Team,
    vielen Dank für die ausführliche Bildbesprechung.
    Ich bin mal zufällig auf eure – damals noch alte – Seite gestoßen und finde eure Bildanalysen immer sehr hilfreich.
    Euer Blick gibt viele Anregungen und ist eben mehr als die sonst üblichen Bildkommentare. Also vielen Dank erst mal dafür!
    Zunächst freu ich mich, dass ihr mein Bild gewählt habt und euch die Zeit genommen habt, mal genauer hinzuschauen.
    Ja, meine Intension war kein“reines“ Architekturfoto – schien mir aber als Rubrik noch am stimmigsten.
    Schön, dass die von mir beabsichtigte Stimmung von Leichtigkeit und Schwung auch für euch so rüberkam.
    Und ja, das Experimentieren mit ungewöhnlichen Sichtweisen ist für mich immer eine Herausforderung, die nicht immer gelingt aber äußerst spannend ist.
    Mit dem Abstand an Zeit werde ich vielleicht doch versuchen ein s/w zu erstellen, mal sehen wie der Vergleich ausfällt.
    Vielen Dank auch für die Anregung eines Projektes, die Idee den Bau in architektonische Details aufzulösen finde ich klasse und das
    trifft auch meine Absichten zu bestimmten Themen zu fotografieren, das werde ich in nächster Zeit in Angriff nehmen.
    Ich freu mich übrigens, dass ihr einen Neuanfang mit eurer Seite gestartet habt, das Layout gefällt mir sehr gut, auch Sofie’s Videobesprechung find ich durchaus eine Alternative zum Text, zumal für „Lesefreaks“ die Textversion ja noch da ist.
    Ich wünsch euch viel Zuspruch für eure Seite.
    Anne.

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