Die fotografische Nachbearbeitung: Sechs Argumente gegen die Askese

Gute Nachbearbeitung ist der schmale Grat zwischen einem fotografischen Erfolg oder Desaster. Aus Unsicherheit, wie die Entscheidung zu treffen sei, dann aber gar nichts zu tun, ist fast noch schlimmer, als ein Bild zu verhunzen. Im letzteren Fall hat man es zumindest versucht, und ist eben gescheitert.

Vorher/nachher

Dieser Artikel knüpft an einen Beitrag von Carsten über die Motivfindung an.

Gleich eingangs möchte ich hier mit einer Entschuldigung ins Gericht gehen, die wir bei Bildeinreichungen immer wieder serviert bekommen: „Ich bearbeite meine Fotos eigentlich nie nach.“ Ich nenne das Nachbearbeitungsaskese, und es bedeutet letztlich nur, den letzten Schritt ohne guten Grund nicht gegangen zu sein. Wir betonen immer wieder, daß Bilder nur ganz selten perfekt aus der Kamera kommen, wenn das auch letztlich der Goldstandard ist. Will sagen, man sollte natürlich mit dem Ziel fotografieren, daß hinterher praktisch nichts mehr getan werden muß.

Allerdings sollten die Fotos dann auch so aussehen.

Nachbearbeitungsasketen lassen Aufnahmen, die eben nicht perfekt sind, unbearbeitet, unter dem Vorwand, man bevorzuge möglichst wenig Veränderung des Bildes. Das tue ich auch, aber ich bearbeite trotzdem immer nach – oder zumindest gehe ich alle Fotos mit genau dem Hintergedanken durch. Wenn nichts mehr getan werden muß, dann ist das eine Entscheidung, und nicht Unterlassen. Was ein Foto, das noch etwas kosmetische Behandlung braucht, aber als „fertig“ präsentiert wird, eigentlich sagt, ist, daß man sich entweder nicht sicher war, WAS an dem Foto noch Schmuseeinheiten brauchte, oder WIE das zu bewerkstelligen war.

Grundsätzlich ist Nachbearbeitung die individuelle Entscheidung der Fotografin, auch, wenn es sich „nur“ um einen Schnappschuß handelt. Manche bevorzugen HDR, andere High Key, und ich persönlich beispielsweise konstrastreiches Schwarzweiß.

Wie und wofür aber soll man sich bitte entscheiden, wenn man sich nicht bereits auf eine bestimmte visuelle Ästhetik eingestimmt hat?

(c) Sofie Dittmann

(c) Sofie Dittmann

Im folgenden ein paar Anregungen, die vielleicht helfen:

  1. Was früher in der Dunkelkammer ging, ist die Basislinie

    Meistens reichen schon ein paar Handgriffe: Helligkeit anpassen, Schatten aufhellen, Farbsättigung anpassen – alles, was das Bild die letzten Meter über die Ziellinie bringt, gehört hierher. Gimp, Picasa und andere Programme sind frei erhältlich; es muß also nicht immer Photoshop sein, und selbst Lightroom (Affiliate-Link) kostet nicht die Welt. Die Begründung, man könne sich Photoshop nicht leisten, greift also grundsätzlich nicht.

  2. Weniger ist meistens mehr

    Wenn Purismus, dann in dem Sinn, daß man wirklich nur das Notwendigste behandelt. Farben zu blaß? Leicht überbelichtet? Alles das ist leicht behoben. Akne kann auch sehr schnell weggezaubert werden – aber bitte nicht so, daß das Gesicht wie eine Maske wirkt (in Nik Color Efex Pro (Affiliate-Link) fällt man in diese Falle sehr leicht). Und wenn schon Zähne aufgehellt werden oder der Gesichtston angepaßt, dann sollte der Betrachter das hinterher nicht sofort sehen – es sollte natürlich wirken, nicht wie eine Anzeige für Zahnpasta oder Gesichtscreme.

  3. Was für Fotos gefallen mir im allgemeinen? Was haben andere mit ähnlichen Bildern gemacht?

    Nachbearbeitung von Bildern heißt nicht, das Rad neu zu erfinden. Andere vor Dir standen schon zuhauf vor genau der gleichen Entscheidung. Du kannst leicht Fotograf/innen im Internet ausfindig machen, deren Stil Dir gefällt – und den Du dann als Leitmotiv wählen kannst, um Deinen eigenen Weg zu finden.

  4. Wieviel Zeit verbringe ich mit diesem Foto? Versuche ich, die Aufnahme durch Nachbearbeitung zu „retten“?

    Ein gutes Indiz, daß mit einem Bild etwas fundamental nicht stimmt, ist, wieviel Zeit man mit der Nachbearbeitung verbringt. Was alles muß weggestempelt werden? Ist der Grund, daß ich mich für Schwarzweiß entscheide, letztlich der, daß das Bild leicht verwackelt ist? Ist das Motiv super langweilig, und verwandele ich es deshalb in HDR (und merkt man das hinterher überhaupt)? Du kannst selbstverständlich so viel Zeit mit der Aufnahme verbringen, wie Du möchtest. Mein Leitfaden ist jedoch dieser: Spezialeffekte machen ein gutes Foto nicht besser, ein schlechtes nicht zu einem guten Foto. Wenn das Bild OHNE das Herumdoktern nicht bestehen kann, ist bereits beim Fotografieren etwas schiefgelaufen.

  5. Aber bitte dann richtig

    Du findest Color Key super? HDR ist Dein Ding? Ich habe, wie viele andere auch, fast alle diese Sachen irgendwann einmal ausprobiert. Nur so lernt man, seinen eigenen Stil zu entwickeln, UND außerdem, mit Software wie Photoshop (Affiliate-Link) oder Photomatix (Affiliate-Link) umzugehen.Wenn also HDR beispielsweise total Deine Ästhetik trifft, bitte die Methode auch wirklich lernen und voll zuendeführen. Nichts ist schlimmer, als die berühmten Aureolen und Grauschleier, und es gibt bei Gott genug Tutorien, unter anderem hier auf fokussiert.

    Außerdem ist nichts qualvoller für den Betrachter, als ein Bild mit einem Spezialeffekt, der entweder die Komposition/die Aufnahme im ganzen zunichte macht oder der absolut nicht zum Motiv paßt. Man denke hier an solche Beispiele wie ein Hochzeitsfoto, das ich vor Jahren stolz gezeigt bekam: Schwarzweißporträt mit Color Key – die Brautleute wollten ihre Sphinx-Katzen mit im Foto, und die waren in kitschigem Rosa gehalten; noch dazu war es unsauber ausgeführt. Ja, sie haben allen Ernstes Geld dafür bezahlt.

  6. Beispiel für Vorüberlegungen und Ausführung

    Dieses Foto wurde bereits mit dem Hintergedanken gemacht, daß es im Endergebnis ein Schwarzweißfoto werden sollte. So, wie es hier erscheint, kam es aus der Kamera:

    (c) Sofie Dittmann

    (c) Sofie Dittmann

    EXIF: voller Manuell-Modus, 70 mm, f/3.2, 0.3 s, ISO 100, Canon 5 D II auf Stativ

    Ich hätte es natürlich auch als Farbfoto belassen können, aber dann hätte ich einen anderen Weg einschlagen müssen:

    (c) Sofie Dittmann

    (c) Sofie Dittmann

    Hier wurden nur die Helligkeit und die Farbsättigung leicht angehoben, sonst nichts. Schlußendlich habe ich jedoch das Foto mit einem Preset in Silver Efex Pro in Schwarzweiß verwandelt und quadratisch beschnitten. Das Endergebnis:

    (c) Sofie Dittmann

    (c) Sofie Dittmann

    Die Komposition ist jetzt verdichtet, es sind noch genügend Details links vorhanden. Alle anderen in der Serie habe ich genau so nachbearbeitet, aber die Vorüberlegungen bei diesem angestellt.

Wenn nach allen diesen Anregungen und Überlegungen die Antwort immer noch sein sollte, NICHTS mit dem Bild zu machen, dann kann man den Satz „Ich bearbeite meine Fotos grundsätzlich nicht nach.“ zumindest in „Ich habe in (Lieblingsfotosoftware hier) das Bild analysiert und bin zu dem Schluß gekommen, daß alle Veränderungen das Ergebnis negativ beeinflussen würden.“ umwandeln.

Wenigstens schreit es nicht nach Nachbearbeitungsaskese.

4 Kommentare
  1. Chilled Cat
    Chilled Cat sagte:

    Da stimme ich voll zu.

    Warum sollte in völliger Dunkelheit auf einem Siliziumchip in der Kamera wohnende Software darüber entscheiden, wie meine Bilder aussehen wenn sie fertig sind?

    Antworten
  2. dierk
    dierk sagte:

    Es gilt doch eigentlich nur das Endergebnis!
    „der Weg ist das Ziel“ ist nur der Spaß bei der Schöpfung. „Purismus“ kann nur für das Ergebnis gelten.

    Einmal vom Dia abgesehen (bei dem aber immer noch die Reihenfolge der gezeigten Bilder eine Art „Nachbearbeitung“ ist), ist jedes Foto, ob Negativ oder RAW, reines Rohmaterial. Daraus wird erst ein Bild, wenn es durch den RAW Konverter umgewandelt wurde (ob in der Kamera zu JPG oder auf dem Rechner). Diese Umwandlung kann man irgend welchen vorprogrammierten default Einstellungen überlassen oder man passt es sinnvollerweise seinen Vorstellungen an, die man bei der Aufnahme hatte.

    Welches Motiv entspricht schon genau dem Seitenverhältnis des Films oder Sensors? Also gehört zu dem fertigen Bild auch ein wohl überlegter Beschnitt (crop). Wenn Fotografen früher sogar die Seiten der 6×6 Negative mit abbildeten, um zu zeigen, wie genau sie das Bild vor der Aufnahme komponiert haben, ist das für mich eher eine Ego-Sache.

    Zu Analog-Zeiten war für die Bearbeitung ebenso oder noch viel mehr Eingriff erforderlich. Man sehe sich nur von Ansel Adams die Beschreibungen seiner Dunkelkammerarbeit an. Und der hatte noch kein Multigrade, mit dem man unterschiedliche Papiergradationen in einem Bild haben konnte. Und dann konnte man das Bild noch mit Chemie oder Tee etwas tönen.

    HDR – high dynamic range
    soll die begrenzte Dynamik des Sensors ausgleichen und hat nichts mit den Farborgien zu tun, die unter dem Begriff oft zu finden sind. Es ist bei sehr hohen Kontrasten wie z.B. Innenaufnahmen der einzige Weg, um innen und außen auf das Bild zu bekommen (z.B. Kirchenfenster).

    Vor vielen Jahren habe ich begeistert das Programm von LucisArt benutzt und bekam Effekte, von denen ich in der Duka nur träumen konnte. Aus heutiger Sicht waren die meisten Bilder überzogen. Das gleiche gilt sicher für viele andere Programme wie Nik und Co.

    Da ich wie Sofie am Liebsten S/W mache, geht es dadurch auch nicht ohne Bearbeitung.

    VG
    dierk

    Antworten
  3. Jens sagte:

    Ich glaube es handelt sich bei der Bearbeitung um eine Phantomdiskussion. Es klingt immer so, als wäre die Bearbeitung erst mit dem digitalen Zeitalter gekommen. Vielmehr haben aber gute Fotografen zu analogen Zeiten auch in der Dunkelkammer die Bildern z.T. dramatisch verändern können.
    Auch JPG-Fotografen bearbeiten quasi jedes Bild, nur dass sie die Bearbeitung der Kamera überlassen. Und wer seine RAWs in ein Programm lädt bearbeitet sie auch, da jeder RAW-Konverter die Bilder anders interpretiert.
    Ein unbearbeitetes Bild gibt auch nicht die Realität wieder und schon gar nicht immer, die Stimmung, die man selbst gerade wahrgenommen hat. Insofern dient die Nachbearbeitung dazu, einen Rohzustand zu verfeinern, um das Ergebnis zu erzielen, welches man bei der Aufnahme im Kopf hatte bzw. kreativ erreichen möchte.

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  4. Christian Fehse sagte:

    Ich glaube das Thema „Nachbearbeitung“ ist mit der digitalen Fotografie endgültig zu einer Art Ideologie geworden. Predigital machten die eine Dias und die anderen Negative. Punkt fertig. Nun ist die Welt zwischen den Gestaltenden und den Authentischen/Unverfälschten geteilt (auch und gerade bei uns in der Hybrid-Szene).
    Ich bin bekennender Bearbeiter und kann mich mit dem, was Sofie schreibt, voll identifizieren. Dabei finde ich den Punkt 4. sehr wichtig. Ich bin oft viel zu nachlässig bei der Aufnahme (früher, heute, auf Film oder digital). Ohne ein gutes Bild ist alles nichts – oder sehr viel schwieriger als nötig. Aber ich hab ja noch 30 Jahre Zeit. Vielleicht lerne ich es bis dahin. *gg*

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