Streetfotografie: Geschichten in einem Bild

Kein eindeutiges Motiv, sondern eine Szenerie: Bisweilen sind auf den ersten Blick daneben liegende Bilder die tollsten Storyteller. Dieses hier heisst «Strassenbahn» – und wirkt auch so.

straenbahn

Anika Tauwel aus Köln schreibt zu diesem Bild: Ich habe bisher noch keine sonderlich herausragende Kamera ( Panasonic DMC-TZ8), da ich gerade erst anfange, mich im Fotografieren auszuprobieren. Aus diesem Grund freue ich mich über jede Art von Anregungen.

Die erste Anregung: Verfall nicht dem Ausrüstungs-Sammel-Syndrom (ASS – okay, englisch GAS, nicht viel besser… ) , zumal Du hier grade beweist, dass man keine teure Wahnsinnskamera braucht, um faszinierende Bilder zu machen. Und jetzt der Reihe nach:

strassenbahn drittel strassenbahn regionenDiese Farbfotografie zeigt den Blick aus einem grossen Durchgang unter einem Gebäude in eine Seitenstrasse hinaus. Rechts vom Betrachter ist eine Innenwand mit Glastüren und etwas wie Schaufenstern zu sehen. Auf der gegenüberliegenden Strassenseite ist der Anfang eines Restaurantschildes zu sehen, der Eingang zu einem möglicherweise verlassenen Ladengeschäft, davor ein geparktes Auto und vor diesem der hinterste Teil einer rot-weissen Strassenbahn in voller Fahrt, wie aus der Bewegungsunschärfe zu entnehmen ist.

Das HIstogramm des Ausgangsbildes

Das Histogramm des Ausgangsbildes

Bei der Betrachtung dieser Fotografie bin ich mir zuerst nicht ganz schlüssig, was das Motiv ist.

Interessanterweise stört das aber nicht, sondern es erweckt Neugier, denn langweilig ist die Aufnahme nicht: Naturgemäss fange ich links an, das Bild zu ergründen, und nehme die fahrende Strassenbahnunter die Lupe, die ungefähr im ersten Drittel ist; danach versuche ich festzustellen, ob das Luxusauto hinter der Strassenbahn in ebenfalls in Bewegung ist. Dann schweift mein Blick zum Restaurant-Schild in der irrigen Annahme, mehr Aufschluss über die Szenerie zu erhalten, und schliesslich ergründe ich das innere des Durchgangs, das rechts von mir mit Spiegelungen in der Glastüre Aufmerksamkeit erheischt.

Du spielst hier virtuos mit einer Art Kulissen-Effekt, den heute viele Menschen vor allem aus den virtuellen Welten  kennen dürften, die es in Videogames zu ergründen gilt: Die Szenerie bietet viele einzelne Spannungspunkte, ohne insgesamt besonders spannend zu wirken; sie ist voller Nischen für Menschen, ohne dass ein Mensch sichtbar ist; sie hat Farb- und Lichtkontraste und wirkt dabei weder bunt noch hell.

Korrigierte Version der Strassenbahn

Korrigierte Version der Strassenbahn

Das sagt eigentlich schon alles. Diese in der Beschreibung todlangweilige Fotografie ist in der Betrachtung ein packendes Werk, weil sie  Stadtgeschichten zu flüstern scheint. Die Kontraste, die Widersprüche bis hin zu dem, dass man eigentlich eine solche Szene nicht aus ästhetischen Gründen fotografieren würde, lässt die Betrachterin kaum mehr los. Der Kontrast ist überall: Hell und Dunkel, Rot und Blau, Bewegung und Stillstand, Leere und enge Gasse.

Ich gehe davon aus, dass die bewegte Strassenbahn – die Du entsprechend zum Titel gemacht hast – hier den Effekt auslöst.

Mir scheint, dass Du in der genau richtig dosierten Bewegungsunschärfe eine Art Katalysator für alle übrigen Beobachtungsmöglichkeiten geschaffen hast. Die Strassenbahn erregt meine Aufmerksamkeit, und dass ich das Signet an ihrem hinteren Unterteil nicht genau erkennen kann, passt zu all den übrigen Halbheiten in dieser Sammlung von Geschichten: Ein unbenanntes (blaues) Restaurant, ein (falsch) parkiertes, aber markenloses Luxusauto, ein (leerstehendes) Ladenlokal mit Holzplatte im seitlichen Schaufenster, und dieser Eingang im Durchgang, in dem ich stehe, der bei genauem Hinsehen ein Fahrschule-L aufweist. Die Kurzgeschichten, die sich beim Überfliegen dieses Bildes im Kopf abspielen, sind eine gute Belohnung für die Aufmerksamkeit, die der Fotografie gewidmet wurde. Und irgendwo erinnern sie mich an das, was passiert, wenn ich ein Edward Hopper-Bild betrachte.

Zur Technik: Leider ist das Bild in der Auflösung recht gering, ich hoffe, Du hast es nicht so stark beschneiden müssen – Deine Kamera kriegt ja absolut ausreichende 12 Megapixel hin. Dass es ein bisschen rauscht, obwohl Du mit 80 Iso bei Blende 6,3 fotografiert hast, macht gar nichts. 1/25 Sekunde aus der Hand zu fotografieren ist auch bei Bildstabilisator eine Leistung – oder hast Du ein Stativ genutzt? Das wäre für Streetfotografie untypisch, aber hey: Auch in der Stadtlandschaftsfotografie lohnt es sich bisweilen, die Freiheit zu nutzen, die ein Stativ bietet. Die Brennweite liegt mit 30mm KB-Äquivalent im leichten Weitwinkel-Bereich, was sich auch an den leicht stürzenden Linien der Architektur zeigt.

Ich habe das Bild in Lightroom zuerst ganz leicht entzerrt, so dass die Vertikalen wirklich parallel verlaufen. Dann habe ich die Tonwerte mit Aufhellungen in den hellen Bereichen gespreizt, so dass das Histogramm jetzt so aussieht.

klarheitundco

Das neue gespreizte Histogramm

Das neue gespreizte Histogramm

Dann habe ich die «Klarheit» angehoben und die Dynamik (Farbverstärkung) und die Sättigung – meistens nutze ich diese drei Regler in absteigender Intensität. Schliesslich habe ich das Bild ganz leicht vignettiert, um den Röhrenblick wieder zu erreichen.

Das Resultat ist etwas knackiger als Dein Ursprungsbild; ich kann mir vorstellen, dass der eine oder die andere jetzt feststellen wird, dass die flaue Originalversion insgesamt dem Ausdruck des Bildes stärker gerecht wird. Das ist etwas, was zu diskutieren wäre.

Noch eine Bemerkung zum Weissabgleich: Diese Aufnahme hat einen deutlichen Blaustich, das Licht ist demnach eiskalt und unterstützt die verlorene Stimmung. Wenn man die Hauswand weiss definiert und den Abgleich vornimmt, wird die Aufnahme sofort wesentlich wärmer, entfernt sich aber dadurch in meinen Augen vom Appeal, den sie vorher hatte.

Schwarz-Weiss hingegen würde ich das Bild nicht umwandeln, dafür sind die Farbkontraste zu spannend.

Weissabgleich auf das Hauswand-Weiss umgeschaltet: Die Szenerie wird wärmer.

Weissabgleich auf das Hauswand-Weiss umgeschaltet: Die Szenerie wird wärmer.

In Schwarz-Weiss mit Blaufilter gefällt die Aufnahme noch immer.

In Schwarz-Weiss mit Blaufilter gefällt die Aufnahme noch immer.

 

8 Kommentare
  1. fherb sagte:

    Sicher hab ich auch meine Probleme damit, dem Bildinhalt greifbaren, schwergewichtigen Inhalt zuzuordnen. Aber Bilder haben viele Bedeutungen, je nach Kontext. Man könnte es einerseits als Fotokameratestbild verorten als auch im Kontext einer Stadtgeschichte. — Aus diesem Kontext-Grund, der hier in diesem Fall für mein Dafürhalten sehr erheblich über den „Wert“ des Bildes entscheidet, bin ich Bildbesprechungen ohne den Kontext zu anderen Bildern einer möglichen Serie oder einer Geschichte zu definieren, sehr zurückhaltend.

    Nicht zurückhaltend bin ich jedoch bei der handwerklichen oder technischen Qualität. In meiner Betrachtungsgröße kann ich kein störendes Rauschen erkennen. Was mir aber aufgefallen ist – und wesewegen ich überhaupt im Text und Kommentarbereich nach unten gescrollt und gelesen habe: Das Bild hat eine für mich faszinierende Samtheit: Es fühlt sich samtweich an! Hervorgerufen durch die tadellose Belichtung und den Kontrastverhältnissen. Man kann faktisch das Gebäude und die Bahn und das Auto mit den Augen berühren. Und gerade deshalb kann ich der kontrastreichen Nachbearbeitungsvariante nichts Vergleichbares abgewinnen. – Auch die nachträgliche Vignette zur Konzentration auf den Verkehr erscheint mir nicht plausibel: Wenn es sich im Kontext um eine Stadttoure handelt, die mir die Gefühle beim Durchlaufen dieser Stadt widerspiegeln soll, dann gehört das Gebäude im Kontext zu 50% dazu. Und nicht nur als Rahmen zu einer „Straßenbahnansicht“. – Im Gegenteil: Man kann nicht mal erkennnen in welche Richtung sie fährt. Nur, dass sie fährt. Die Richtung ist für das Stadtgefühl auch völlig unerheblich… Solange man sie nicht zum Hauptakteur der Scene macht.

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  2. Hendrik sagte:

    Ich tue mich mit diesem Bild recht schwer, sowohl im Original als auch in den beiden Überarbeitungen. Die Idee eine Perspektive aus dem Dunkel der Unterführung heraus zu wählen, finde ich sehr sinnvoll, denn durch den hellen Bereich am Ende wird man automatisch dort hin geführt und es wird ein Rahmen um die Szene gelegt. Letzlich liegt mein Problem vor allem in der Wahl des Motivs, bzw. dem Verzicht auf ein Motiv.
    Mir fehlt in diesem Bild etwas, an dem mein Blick hängen bleibt und es zeigt sich leider keine Handlung in der Aufnahme. Die Straßenbahn zieht wegen ihrer Farbe zwar den Blick auf sich, bietet aber keinen Grund zu verweilen. Das Heck des Autos stört daneben sogar eher, insbesondere auch wegen der beiden Pfeiler davor. Das angeschnittene Schild und das recht trostlos wirkende Fenster darunter laden auch nicht zur Suche nach mehr Inhalt ein. Die Elemente darüber (Rest des Schilds rechts und Kabel darüber) helfen auch nicht aus dem Dilemma.
    Da mir Edward Hopper kein Begriff war, habe ich mir eineige seiner Bilder angesehen und versucht parallelen zu finden. Auch hier war ich – zugegebener Maßen in einer sehr kleinen Stichprobe – nicht erfolgreich, denn in allen Bilder gab es für meine Begriffe ein klares Motiv.

    Etwas mehr Spannung hätte man in den Bild villeicht erzielt, wenn man die Spiegelung in der Tür rechts klarer in die Komposition eingebunden hätte. So erscheint es mir leider eher wie ein Schnapschuss, der mir keine Geschichte erzählt. Das sollte dich keines Falls entmutigen, denn wie die Kommentare ja deutlich zeigen, gehen die Meinungen zu manchem Bild auseinander. Nicht jeder hat halt denselben Geschmack. :-)

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  3. Sabine Münch sagte:

    Hallo zusammen,
    ich mag das Foto auch und zwar am liebsten in der flauen Version. Wenn der Inhalt passt, liebe ich dieses Kontrastarme mit den matten Farben. Man sieht ja fast überall nur noch das Gegenteil und leider gewöhnt sich mein Blick immer wieder daran. Umso schöner, Fotos wie dieses zu sehen.
    Danke auch für die tolle Rezension.
    Grüße, Sabine

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  4. Tilman sagte:

    Hallo,

    ein gutes Bild, Anika, und eine tolle Besprechung, Peter! Vielen Dank!

    Der Aspekt, dass ein todlangweiliges :-) Foto durch die Anordnung viele einzelne Spannungspunkte interessant wird, war mir neu. Aber den kann ich bei diesem Bild nachvollziehen und voll zustimmen. Habe etwas gelernt :-)

    Ein paar Anmerkungen:

    – warum rauscht ein Bild bei niedrigem Iso ? Ich dachte es wäre anders herum ;

    – „dass die flaue Originalversion insgesamt dem Ausdruck des Bildes stärker gerecht wird“… genau der Meinung bin ich. Die Vignettierung gefällt mir, sie wirkt nicht unnatürlich, zumal das Foto aus einem Gang heraus gemacht wurde. Aber der Kontrast ist viel zu hart geworden : guck Dir mal die Wand an, knall weiß, fast übersättigt…

    – das Luxusauto stört mich. Es passt für mich nicht so ganz in diese trostlose Stimmung.

    MfG, Tilman

    Ich lade gerne die Bilder herunter, um sie dann zu bearbeiten, zu vergleichen, als Vollbild zu sehen… Das ist irgendwie ziemlich schwierig geworden. Wie geht das jetzt?

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    • Peter Sennhauser sagte:

      hmpf. Das mit dem Rauschen ist ein Denkfaulheitsfehler, ich hab mir erlaubt, den Satz zu ändern: Eigentlich rauscht es, obwohl nur ISO 80 genutzt wurden, und das ist wirklich eigenartig, hat aber wohl mit der Auflösung zu tun.

      Vielleicht habe ich zu viel Kontrast eingebaut, das ist wie gesagt ein guter Diskussionspunkt. Ich fürchte bei solchen Aufnahmen immer ein bisschen, dass sie mit einem Grundgefühl wie „flau, schlecht belichtet“ abgetan werden könnten, obwohl sie doch so gut gelungen sind, und nehme dann das Argument der Unterbelichtung und Kontrastarmut aus der Gleichung.

      Ja, Bilder speichern geht wegen der Lightbox derzeit nur über einen Zwischenschritt (ich brauch das ja auch immer wieder): Rechtsklick und „Linkadresse kopieren“, neuen Tab öffnen und den URL aus der Zwischenablage aufrufen. Ich mach das so mit Chrome und Firefox auf Mac OSX.

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  1. […] Acquisition Syndrome (zu deutsch ungefähr: Ausrüstungs-Sammel-Sydrom) schon mal irgendwo gehört oder gelesen haben. Viele werden aber bereits an der „Krankheit“ leiden oder zumindest schon mal gelitten […]

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