Buchrezension «Bettina Rheims»: 40 Jahre (provokative) Fotografie

Bettina Rheims verehrt oder haßt man, es gibt nichts dazwischen. Von den einen als Befreierin weiblicher Sexualität verehrt, wird sie von anderen als Ausbeuterin derselben verteufelt. Diese Zusammenstellung ihrer Werke, fast vier Jahrzehnte umfassend, läßt auch den uninitiierten Betrachter seine eigene Meinung bilden.

(c) Bettina Rheims/Taschen

Das Buchcover © Bettina Rheims/Taschen

Level: Alle
Genre: Fotobuch
Benutzbarkeit*: 8
Preislevel**: €€€
Eine Best-of-Retrospektive der Fotografin Bettina Rheims, von ihr selbst ausgewählt.
* 1 – eher nicht, 5 – geht so, 10 – super
** € (sehr billig) bis €€€€€ (überteuert)

«Die Männer beteuern immer, sie lieben die innere Schönheit einer Frau – komischerweise gucken sie aber ganz woanders hin.» (Marlene Dietrich)

Bettina Rheims“ blickt auf fast 40 Jahre ihres Schaffens zurück, und auf eine genauso lange Liste von Meinungen über ihre Bilder, die weit auseinandergehen. Sie hat in dieser Zeit viele bekannte und unbekannte Menschen, davon mehr Frauen als Männer, fotografiert, und die Werkschau (Affiliate-Link) enthält ihre persönliche Auswahl dessen, was sie als das beste ihrer Karriere ansieht. Hier und da unterbrochen von kurzen Texten in drei Sprachen (englisch, französisch, deutsch), die entweder begleitend die Bilder selbst oder Rheims‘ Werk im allgemeinen kommentieren, geben die über 500 Fotos einen vertieften Einblick in die Seele einer Künstlerin, die seit den späten Siebziger Jahren der Gesellschaft wenn nicht den Spiegel, so doch das Fernglas des Voyeurs vorhält.

Das Titelfoto für diesen Fotoband ist denn auch aus der Serie „Just Like a Woman“ von 2008 und zeigt das Model Lara Stone, scheinbar entrückt, das Gesicht von der Kamera abgewandt, ihre Hände in der Nähe ihres Geschlechts. Ein Teil der Serie ist ebenfalls in diesem Buch enthalten; alle Modelle wurden mehr oder weniger nackt auf billig und alltäglich wirkenden bedruckten Laken fotografiert, und man sieht an ihnen noch die Druckstellen, die ihre BHs, Mützen und andere Kleidungsstücke hinterlassen haben. Sie wirken teilweise wie Kratzer.

Madonna lying on the floor of a red room, September 1994, New York - © Bettina Rheims

Madonna lying on the floor of a red room,
September 1994, New York – © Bettina Rheims

Die „Condition Humaine“

Wer jetzt in dieser Sammlung nur erotische Aufnahmen erwartet, wird erstaunt sein, mitten im Band auch ein Projekt über Blinde, sowie eines über ausgestopfte Tiere zu finden. Rheims ist vielseitig interessiert, wenn es ihr auch in ihrem Schaffen hauptsächlich um die „Condition Humaine“, das heißt, Menschsein in seiner unverfälschten Form geht. Sexualität wird von ihr inszeniert, interpretiert, aber sie ist der Kern unseres animalistischen Selbst.

Praktisch von Anfang an hat Rheims bewußt provoziert – sie geht den feinen Grat zwischen erotischer und pornographischer Fotografie größtenteils gekonnt (in „Tokyo Room“ oder „Morceaux Choisis“ wird man da allerdings auf die Probe gestellt), obwohl ihre Kritiker ihr genau das immer vorgeworfen haben: sie produziere irgendwo nur pornographische Klischees (franz.), Frauen würden in ihren Fotos degradiert, es seien inszenierte Vergewaltigungen.

Rheims ist eben nicht jemand, der sich selbstgefällig hinter heuchlerischen Gesellschaftsnormen versteckt und mit diesen verschämt bricht, falls es ihr einmal paßt. Sie hat sich schon vor Jahren darüber hinweggesetzt, und wo andere nach außen hin den Biedermann spielen, um sich dann hinter verschlossenen Türen wirklicher Pornographie hinzugeben, kokettiert Rheims damit zwar offen, überschreitet aber nie wirklich die Grenzen, die sie schon seit Jahren so beharrlich – und erfolgreich – ausgeweitet hat.

Darin lehnt sie sich an zwei andere Fotografen an, die sie als ihre Hauptinspiration bezeichnet: ihren Mentor Helmut Newton und Diane Arbus, die man beide aus dem einen oder anderen Grund für pervers hielt, weil sie den Betrachter offen mit seinen innersten Gelüsten und Ängsten konfrontierten.

Claire Stansfield crying in the Formosa Café, February 1994, Los Angeles - © Bettina Rheims

Claire Stansfield crying in the Formosa Café,
February 1994, Los Angeles – © Bettina Rheims

Ein Tango zwischen Kamera und Modell

Der Autor Serge Bramly, ihr früherer Partner und Vater ihres Sohnes, mit dem Rheims etliche Werke geschaffen hat und auch heute noch eng zusammenarbeitet, beschreibt ihre Art zu arbeiten als Tangotanzen mit ihrem Modell, und das trifft es meines Erachtens ganz ausgezeichnet. In allen Fotos, selbst denen, die spontan oder voyeuristisch wirken sollen, merkt man, daß es einen guten Rapport zwischen Fotografin und Modell gab, egal, ob es sich um berühmte Schauspieler, Musiker, professionelle Models oder Laien handelte. Viele von ihnen, darunter Charlotte Rampling, hat sie über Jahre hinweg fotografiert, war mit ihnen teilweise auch befreundet.

Nachdem sie sich so lange mit (hauptsächlich) weiblicher Sexualität beschäftigt hatte – man denke hier beispielsweise an „Chambre close“, (Affiliate-Link) für das sie zwischen 1991 und 1993 spontan Frauen auf der Straße ansprach, um diese dann in suggestiven Posen in billigen Pariser Hotelzimmern zu aufzunehmen – und in Projekten wie „Rose, c’est Paris“ (2009) (Affiliate-Link) jene dann in einer Mischung von fotografisch umgesetzten Erinnerungen, Träumen, Fantasien und Albträumen transzendierte, war es nur konsequent, daß sie sich auch mit der Infragestellung von Geschlecht als Begriff an sich auseinandersetzte, was sie unter anderem 2011 in einer Serie tat, die sie „Gender Studies“ (Affiliate-Link) nannte. Die Modelle sind allesamt Transgender, teilweise mit, teilweise ohne erkennbarem Make-up, aber immer mit Tuchstücken oder übergroßen Unterhemden etc. abgebildet, die an Lendentücher erinnern, wie sie etwa ihr „Jesus“ in dem Filmposter für „Ave Maria“ getragen hatte.

Edward V. III, June 2011, Paris - © Bettina Rheims

Edward V. III, June 2011, Paris – © Bettina Rheims

Eine „kleine“ Auswahl, trotzdem komplett

Sich aus den tausenden von Bildern eine „Handvoll“ auszusuchen, kann für Rheims nicht einfach gewesen sein (sie füllt damit immerhin fast 600 Seiten). Der Fotoband wird abgerundet durch Familienfotos, Kindheitserinnerungen und teilweise noch nie gezeigte Aufnahmen aus ihrem Privatfundus. Eine Auswahl ihrer Polaroids ist ebenso vorhanden, wie Magazincover, Hinter-den-Kulissen-Aufnahmen von Werbekampagnen, das bekannte Porträt von Jacques Chirac oder Notizbücher zu ihrem INRI-Projekt, (Affiliate-Link) das bei seiner Erscheinung einen vom Front National und konservativen Bischöfen inszenierten Skandal verursachte.

Fans der Fotografin halten mit „Bettina Rheims“ eine Retrospektive in den Händen, die ihre bekanntesten und nicht bekannten Aufnahmen in einem Buch vereint. Interessierte, die mit ihrem Werk nicht gleichermaßen vertraut sind, bekommen einen guten Überblick, was Bettina Rheims als Künstlerin ausmacht: unverhohlen, provokant, scharfsinnig.

Georgie Bee wearing her own amazing shoes, June 2013, London - © Bettina Rheims

Georgie Bee wearing her own amazing shoes, June 2013, London – © Bettina Rheims

Buchtitel: Bettina Rheims

Autor: Patrick Remy/Bettina Rheims

Verlag: Taschen

Erscheinungsjahr: 2016

ISBN: 978-3-8365-5543-2

Listenpreis: Hardcover, gebunden (59,99) (Affiliate-Link)

Genre: Fotobuch

Seitenanzahl: 598

Level: Alle

Über die Autorin: Bettina Rheims, Jahrgang 1952, fotografiert seit den späten Siebziger Jahren, und hat sich seitdem mit provokativen Werken über (weibliche) Sexualität international einen Namen gemacht. Von Helmut Newton seinerzeit unter die Fittiche genommen, hat Rheims auch für viele namhafte Magazine und Werbeagenturen gearbeitet und war in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen vertreten.


Über Buchrezensionen bei fokussiert: Wir geben ausschließlich unsere persönliche Beurteilung des rezensierten Buches wieder, für die wir von den jeweiligen Verlagen nicht bezahlt werden. Rezensionsexemplare der Bücher erhalten wir unabhängig davon, ob wir eine positive oder negative Besprechung verfassen.

Falls Sie interessiert daran sind, Ihr Buch von uns besprechen zu lassen, würden wir uns freuen, von Ihnen zu hören.

4 Kommentare
  1. Christian Fehse sagte:

    Die Bilder von ihr sind toll – um es mal platt zu sagen. Wo dabei genau die Provokation liegt, weiß ich nicht. Aber es fühlt sich ja immer irgendwer, irgendwie zu irgendwas provoziert, wenn mehr oder weniger nackte Menschen in nicht klar erkennbarer Heile-Welt-Szene zu sehen ist. Dann sei es so. *gg*

    Der Marlene hatte damals noch mal jemand sagen sollen: ja tun sie die Männer – aber sie lieben auch die äußere Schönheit der Frauen. Genauso wie die Größe manchmal irgendwie dann doch eine Rolle spielt.

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