Konzeptbild: „Your Tattered Throne“

Color Key kann funktionieren, wenn er gut gemacht ist UND zum Foto paßt.

PENTAX K-3 - f/2.8 - 1/1250 s - 35 mm - ISO 100 - Zeitautomatik - (c) Jens Ochlich

PENTAX K-3 – f/2.8 – 1/1250 s – 35 mm – ISO 100 – Zeitautomatik – (c) Jens Ochlich

Jens Ochlich aus Oceanside, CA USA schreibt zu diesem Bild:

Ich habe dieses Foto vor genau einem Jahr an dem Ufer der Salton Sea in Kalifornien gemacht. Die Salton Sea war einst die „Riviera Der Wüste“, mit regelmäßigen Besuchen von Hollywood Größen aus dem nur zwei Stunden entfernten LA. Da der See aber ursprünglich nur durch einen Dammbruch entstanden ist und kein selbst erhaltender, natürlicher See ist, fingen Mitte der Siebziger Jahre die Probleme an, die evtl. zu einem fast kompletten Verlassen des Sees führten. Man kann dort verlassene Gebäude (und viele Wohnwagen), sowie Relikte der sechziger u. siebziger Jahre, die im freien langsam in der Wüstensonne zerfallen.

Dieser Stuhl wurde von jemandem direkt am Seeufer platziert, was für mich der eigentliche künstlerische Akt ist. Ich habe nur das Foto davon gemacht. Für mich ein perfektes Sinnbild des Verfalls und des Vergessen der Salton Sea. Ein stummer Zeuge der einst besseren Zeiten, die schon seit langem in der erbarmungslosen Sonne bleichen und verwittern und dabei die Patina des langsamen Verfalls besitzt.

Erst einmal Glückwunsch zu einem, wie ich meine, fast rundherum gelungenen Foto. Eingereicht hast Du ein Bild, das einen einzigen Stuhl zeigt, ehemals lila gepolstert, jetzt, wie der von Dir gewählte Titel treffend unterstreicht („tattered“ = zerfetzt oder zerfleddert), nur noch ein Schatten seiner selbst. Verfallende Gebäude und Gegenstände bieten willkommene fotografische Motive, und ich finde es auch immer spannend, solche Dinge zu erkunden. Um die Salton Sea bietet sich wohl, wie ich gesehen habe, so einiges an.

Man fragt sich unwillkürlich, wie der Stuhl dort hinkam, warum er dort steht, wem er gehört hat. Das Foto erzählt eine Geschichte. Gleichzeitig kann man den Stuhl als Gleichnis für verlorenes Glück, verlorenen Ruhm, verlorenen Reichtum sehen, weswegen Du Dich auch auf einen „Thron“ beziehst. Insofern ist es ein Konzeptfoto.

Analysiert man die Komposition, stellt man fest, daß Du sowohl den Goldenen Schnitt als auch die Drittelregel fast perfekt eingehalten hast:

Vergleichsfoto

Vergleichsfoto

Das könnte im vorliegenden Fall langweilig sein, aber das Foto bietet dem Betrachter genug, um es interessant zu machen: da ist erst einmal die düstere Stimmung, Himmel und Wasser grau-in-grau, und das Detail, das sowohl im Stuhl als auch im Strand, auf dem er steht, vorhanden ist. Das Bild hätte in purem Schwarzweiß genauso gut funktioniert, aber Du hast Dich dazu entschlossen, es in ACDSee teilweise zu entsättigen und daraus praktisch eine Color Key Aufnahme gemacht. Einer dieser Fälle, wo Color Key nicht nur gut gemacht ist, sondern auch paßt.

Das einzige, was ich an diesem Foto anders gemacht hätte, ist der Raum, den Du um den Stuhl gelassen hast. Mir ist unten zu wenig Luft zum Atmen; das Stuhlbein klebt praktisch am Bildrand:

Vergleichsfoto

Vergleichsfoto

Ein winziger Schritt nach hinten hätte genügt, um das zu beheben. Da Du schreibst, Du habest nur dieses eine Foto von dem Stuhl gemacht, ist das wohl nicht mehr zu beheben.

Und das bringt mich auch zu meinem letzten Punkt: die Salton Sea ist voller verlassener Gebäude und anderem Schrott, der rund um das Gewässer, oder was von ihm noch übrig ist, verteilt ist. Man kann das natürlich bildnerisch so umsetzen, daß man eine Art Katalog des Verfalls aufnimmt. Oder Du könntest Dir überlegen, das Thema als fotografisches Essay zu verarbeiten, vielleicht sogar jemanden als Modell rekrutieren (ein abgehalfterter Movie Star kehrt an den Ort einstiger Glorie zurück oder so etwas), und den See noch einmal aufsuchen.

Jedenfalls fände ich es interessant, noch mehr zu dem Thema zu sehen.

4 Kommentare
  1. Jens Ochlich sagte:

    Hallo Sofie,

    vielen Dank für die super Bildkritik! Ich gebe Dir komplett Recht, dass das Foto nach unten mehr Raum bräuchte. Ich war so aufgeregt, als ich auf diese surreale Szene stoß, dass ich das Foto in einem Winkel von ca. 20 Grad schoss : ( der Begradigung fiel dann leider der Vordergrund zum Opfer.
    Ich habe daraus gelernt und nehme mir seitdem mehr Zeit, gerade wenn ich weiß, dass ich ein gutes Foto vor mir habe.

    Vielen Dank nochmal und macht weiter mit euren super Bildkritiken!

    Jens

    Antworten
  2. Peter Sennhauser sagte:

    Oh – Salton Sea! Ich hab’s in sieben Jahren in San Francisco nie dorthin geschafft, dabei gibt es einen grossartigen Dokumentarfilm über das Leben an dem See – skurrilstes Amerika. Der Film ist KOMPLETT auf Youtube zu sehen und absolut sehenswert, nicht nur, aber auch, weil der Sprecher John Waters ist:
    https://www.youtube.com/watch?v=8TjGAWxL23c

    Das Bild ist der Hammer, BTW, und könnte aus dem Film stammen (ähnliche Szenen in den ersten fünf Minuten, unterlegt mit Hawaii-Gitarre und diversen grotesken Statements von Anwohnern…) oder das Plakat machen für den Film.

    Antworten

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