Regenbild mit Lichtstimmung: Kuhles Leben

Lichtstimmung mit Kuh und Regen. Emotion braucht nicht viel mehr, um in einem Bild gefangen zu werden.

zwei Kühe im Hochland, eine untergehende Sonne, leichter Nieselregen: Was will man mehr? © Robin Dirks

Zwei Kühe im Hochland, eine untergehende Sonne, leichter Nieselregen: Was will man mehr? © Robin Dirks Canon 1000D, Brennweite 33mm (Kit-Objektiv 18-55mm), 1/100s; F/7.1; Iso 100.

Robin Dirks schreibt zu diesem Bild: Der Abstieg einer anstrengenden Gipfelbesteigung (in Nordecuador) war fast geschafft, wir waren völlig platt und etwas enttäuscht, dass der Gipfel wolkenverhangen gewesen war und uns den Blick auf die Landschaft verwehrt hatte, als sich plötzlich eine beeindruckende Lichtstimmung ergab: die untergehende Sonne tauchte die Landschaft in goldenes Licht und leichter Nieselregen zeichnete die Berge weich und einen Regenbogen an den Himmel. Besonders beeindruckt hat mich die Weite, in der vereinzelte Kühe auf dem Magerrasen grasten („páramo“ heißt der Landschafttyp). Nicht nur ich fühlte mich plötzlich ganz wohlig, sondern auch den Kühen schiens gut zu gehen…

Bei der Nachbearbeitung habe ich Kontrast und Farbsättigung etwas erhöht und die Highlights (Sonne hinten links!) etwas abgemildert, sodass die Umrisse der Berge im Hintergrund zumindest schemenhaft zu erkennen sind.

Ich lese nun seit circa 2 Jahren begeistert die Beiträge von fokussiert.com und möchte an dieser Stelle ein großes Lob aussprechen – ich meine vor allem durch die Kritiken viel Bildgestalterisches gelernt und meinen Blick geschult zu haben und merke wie meine Bilder über die Jahre merklich besser werden! Ich würde mich wirklich freuen zu hören, was ihr zu meinem Beitrag zu sagen habt und was ich hätte besser machen können.

 

Zuerst: Vielen Dank für das Lob,  für das mir persönlich kein Verdienst zusteht, denn ich schreibe erst grade wieder seit einem halben Jahr für fokussiert.com. Ich freue mich aber, dass das Blog nach fast zehn Jahren noch immer so gute Noten kriegt.

Zu Deinem Bild von zwei Kühen am Berg: Es ist ein Farbfoto, das ich mir nach dem ersten Blick genauer angeschaut habe, weil ich dachte, «das kann irgendwie nicht alles sein.» Ist es aber, und es genügt auch. Ich komme gleich darauf zurück.

Schauen wir zunächst, was auf dem Bild zu sehen ist: Eine abendliche Lichtstimmung mit starkem Gegenlicht zeigt eine steppige Hügel- oder Vorgebirgslandschaft in dunkelgrünen und braunen bis goldenen Farbtönen. Im Vordergrund ist ein Grat einer Magerwiese zu erkennen, die mit kniehohen Büschen einer Grasart bewachsen zu sein scheint. Einige Meter vom Fotografenstandort entfernt steht eine kleine, knochige Kuh mit kurzen Hörnern und schaut direkt Richtung Kamera. hinter ihr rollt der Hügel in einem kleinen Tal sanft nach rechts weg, auf dem nächsten Grat dahinter ist eine zweite Kuh, nur noch als Silhouette auszumachen, die aber auch Richtung Kamera zu blicken scheint. Noch weiter im Hintergrund öffnet sich eine Hochebene zwischen zwei Hügelgipfeln, links vom rechten Hügel geht offenbar die Sonne in breitem Glanz unter, das Gegenlicht brennt aber den Himmel aus.

Linien im Kuhbild von Ecuador

Die einfachen Linien und Dreiecke in der Landschaft nehmen die beiden Kühe mit.

Das Bild hat mich gepackt, weil es dieser Lichtstimmung, diesem gleissenden Abend eine Bedeutung gibt. Die träge Zufriedenheit der beiden Kühe ist mehr aus dieser Lichtstimmung als aus dem Ausdruck der Tiere abzulesen: Wie könnten sie in dieser Umgebung anders sein als zufrieden und friedlich? Der neugierige, leicht verwunderte Blick des vorderen Rindviehs und seine seitliche Beleuchtung aus dem Sonnenuntergang haben den Hauch eines romantischen Gemäldes; das zweite, in einer seltsamen Unschärfe liegende Tier (sieht aus wie Bewegungsunschärfe, was wenig Sinn macht) setzt einen Kontrapunkt und nimmt dem Vordergrundsubjekt das Gewicht. So wird das Bild nicht zu ernsthaft, was ihm schaden könnte.

Die Belichtung scheint zunächst untertrieben, die Tonwertverteilung zeigt aber, dass ausser den Ausbrennungen direkt in der untergehenden Sonne eigentlich alles stimmt: Es sind die letzten Minuten vor Sonnenuntergang, und man ahnt, dass es danach sehr rasch dunkel werden wird. Die Landschaft, in der diese beiden Tiere den Eindringling mustern, scheint seltsam nach links zu kippen. Dass die nahe Kuh eindeutig im Lot steht, erklärt die Horizontlinien aber sodann zu Berg- oder Hügelkämmen.

Die Details in dieser nur von Lichtflächen und sehr wenigen Linien plus den genau im Drittel stehenden Kühen bestehenden Komposition sind die Grasbüschel. Sie legen durch die ganze Landschaft hindurch – als feine Glanzlichter im Vordergrund, als struppige  Büschel-Inseln im Hintergrund – eine Textur in die Hügel.

Wenn man ganz genau hinsieht, entdeckt man etwas Zweites. Vor dem Bild liegt ein Vorhang von hauchdünnen weissen Linien, die fast im 45 Grad-Winkel von links oben nach rechts unten verlaufen. Jede dieser Haarlinien ist rund ein fünftel der Bildhöhe lang. Zunächst hielt ich sie für aus den Büscheln entspringende, lange dünne Grashalme.

Nieselregen in der Vergrösserung der Kuhbilder

Ich sehe in diesen feinen Linien den Nieselregen des Abends. Bei 1/100 Sekunde Belichtungszeit dürfte das hinhauen.

Aber du sprichst von Nieselregen, und nach einigem Hin und Her bin ich zur Überzeugung gelangt, dass es genau das ist: Regentropfen, dünne Bindfäden, die das Licht der untergehenden Sonne in dieser pelzigen Landschaft millionenfach zerstreuen. Und man kann, wenn man sie erst einmal entdeckt hat, den dichten Vorhang des warmen Regens in der Tiefe des Bilds fast fühlen. Eine Beweisführung ist schwierig, die Strichlein scheinen bei zweitem Hinsehen doch wieder Pflanzen zu sein, aber ich mache sie in zu grosser Länge auch über dem Hintergrund aus, und die Tatsache, dass sie links vorne besonders gut zu sehen sind, deckt sich mit der Situation des Lichteinfalls. Klarheit könnte vielleicht die Originalausflösung des Bildes bringen, aber ich bin nicht einmal sicher, ob ich Klarheit will. Der knapp sichtbare Regen gibt der Aufnahme in meinen Augen nämlich einen zusätzlichen Ausdruck.

Kuh in Ecuador

Generelle Aufhellung, mehr Kontrast: Bei diesem Bild ein Stimmungstöter.

Ich freue mich auf die Diskussion zu diesem Bild, denn ich bin mir ziemlich sicher, dass sich diese Betrachtung nicht allen erschliesst und mancher finden wird, das Bild sei motivfrei oder hätte ganz anders komponiert werden müssen. Ich habe damit in Lightroom noch eine Weile herumgespielt und komme zum Schluss, dass hier nichts gemacht werden muss: Diese Fotografie ist Emotion pur, entweder man spürt einen abendlichen Abstieg im Nieselregen und findet ihn interessant, oder eben nicht. Dein kalauerischer Bildtitel macht jedenfalls klar, dass die Kuh hier nicht so sehr Motiv denn Anker in einem Licht-Werk der Sonne und des Nieselregens ist. Und das ist gut so, auch wenn die Fotografie nicht ohne diese wunderbar beleuchtete, wunderbar neugierige und wunderbar träge Protagonistin im Vordergrund auskommen dürfte.

Zum Schluss: Ich bin auch mal einer Kuh im Abendlicht begegnet, und es entstand ein ähnlich gelagertes Bild, bei dem das Tier aber voll Motiv und die feinen Linien eindeutig Gräser waren.

Bison auf Antelope Island bei Salt Lake City. © Peter Sennhauser 2009

Bison auf Antelope Island bei Salt Lake City. © Peter Sennhauser 2009

8 Kommentare
  1. Tilman sagte:

    Die Stimmung ist klasse. Für mich ist auch die Kuh im Hintergrund der eigentliche Hingucker. Aber die ist einfach nur unscharf. Das liegt vermutlich an der fehlenden Auflösung (das Bild hat gerade mal 313kb). Schade!

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  2. fherb sagte:

    Das Bild erscheint mir mit einer magischen Spannung, die daraus entsteht, dass es diese 2. Kuh im Hintergrund gibt. Nur durch sie bekommt das Bild eine inhaltliche Dynamik, die man sonst von Aufnahmen von Menschen kennt: Das Interesse des Betrachters, welche personellen Zusammenhänge bestehen. Was mich hier überrascht: Das das auch bei Kühen funktioniert! Wir sind also tatsächlich empathisch veranlagt. Nicht nur beim Kuschelkätzchen auf dem Sofa, sondern auch bei einfachen Kühen. Dem trägt die Stimmung viel bei. Sosehr auch die aufgehellte Variante mit ihrer höheren Präsenz reizt: Die Spannung zwischen den Kühen wird die originale Stimmung sehr viel mehr gerecht.

    Was mich interessieren würde: Wir kennen die Drittelregel oder den Goldenen Schnitt. Aber nach welchen Regeln ordnet man „Beziehungen“ an. In dem Fall also die beiden Kühe. Ich finde sie gut platziert, kann aber nicht sagen warum.

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    • fherb sagte:

      Habe gerade nochmal nachgedacht, was die Platzierung zwischen zwei Personen oder Kühen im Bild ausmacht.

      Stellen wir uns ein Zimmer mit Fenster vor. Im Vordergrund links sitzt eine Frau, hinten rechts steht ein Mann. Diagonale Beziehung. Wir würden wohl annehmen, dass beide Personen entweder eine Diskrepanz haben oder zumindest irgend eine auseinander treibende Spannung besteht.

      Nehmen wir das klassische Hochzeitsfoto, bei dem beide Personen sich zwar berühren, aber nebeneinander stehen. Sie verkörpern zwar eine enge Beziehung präsentieren sich aber individuell nebeneinander.

      Stellen wir uns ein beliebiges Bild, auch ein Hochzeitsfoto, vor, bei dem die Personen hintereinander (in der Perspektive vertikal versetzt) stehen. Hier dominiert, zumindest für mich, die Beziehung vor dem Darstellungscharakter. Auch bei einem der klassichen (sepia-) Paarbild, bei dem der Mann hinter der sitzenden Frau seht, erscheint mir beziehungstechnisch stärker als zwei Menschen nebeneinander.

      Zusammengefasst die Extreme:

      Diagonal – Gegensätze/Differenzen/Probleme.

      Horizontal – Individualisierung/Minderung von Zusammenhänge.

      Vertikale Anordnung: tiefe Beziehung (bei den Kühen sogar über größere Distanz in der Tiefe)

      Und die ideale Beziehung steht wohl vertikal im goldenen Schnitt. Oder hintere Person im (horizontalen) Goldenen Schnitt und die vordere zugehörige Kuh im (horizontalen) Drittel. ;-)

      Würde mich freuen, wenn jemand hier über seine Erfahrung mit der Anordnung von Beziehungen berichten kann.

    • Peter Sennhauser sagte:

      Nachdem ich grade irgendwo wieder den Hinweis auf die Positionierung von Personen mit Blick nach rechts als «mit dem Betrachter hinschauend» und nach links als «gegen den Betrachter schauend» gelesen habe, der in der westlichen Welt aufgrund unserer Lese/Schreibrichtung Bedeutung hat, finde ich Deine Beobachtung ausserordentlich spannend. Vertikal oder Hintereinander = Unterstützend, horizontal = gleichmachend und Diagonal = Konflikt/Spannung: Das wäre genauer zu untersuchen. Beispiel, Theorien dazu?

    • fherb sagte:

      Also das mit links und rechts habe ich auch schon gelesen. Für eine einzelne Person gibts, glaube ich genügend Literatur. Aber die Links-Blick / Rechts-Blick-Regel, die man da findet, würde ich nicht immer unterschreiben. Ich denke, so akademisch einfach ist selbst das nicht. Bei einer einzelnen Person ist nicht nur die Blickrichtung wichtig (wenn überhaupt elementar), sondern viel mehr, „wo hin“ sie sieht, bzw. wen sie „an sieht“. Bzw. von wem sie weg sieht. Egal ob von links oder rechts kann sie an uns vorbei sehen, oder schüchtern vor uns nach unten sehen, oder überheblich über uns hinweg. Oder wie ist es, wenn die Augen zu sind oder sie durch uns hindurch sieht (quasi parallele Pupillenstellung bei „Ferneinstellung“ der Augen)?

      Es ist wohl alles etwas, ich will nicht komplizierter sagen, einfach komplexer, vielschichtiger.

      Und trotzdem muss es ein Regelwerk geben. Denn es ist letztlich das, was in uns die richtigen Empathien erzeugt.

  3. Carsten Schröder sagte:

    Bildaufteilung, Motiv, Licht, alles Perfekt. Ein Bild, dass stimmungsvoll eingefangen wurde. Gerade auch, dass die Kuh nicht aufgehellt wurde, macht das Bild zu einem Bild, auf das man länger schaut.
    Die zweite Kuh im Hintergrund fordert den Betrachter zum „Kopfkino“ auf und lässt ihn eine kleine Geschichte zusammenspinnen…

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  1. […] Schnee wäre er höchstens halb so fesselnd. das ist gewissermassen die Umkehrung dessen, was die Kühe diesem Fotografen beschert […]

  2. […] der nur als Streifen seine Aufgabe erfüllt: Die Flachheit der Landschaft zu demonstrieren (die Umkehrung ist ebenfalls möglich) und eine gewisse Distanz zu den beiden Individuen herzustellen. Die sind sehr effektiv auf diesen […]

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