Fotografieren nach Zahlen: Wenn man zu sehr an den Regeln klebt

13 Kommentare
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    Jürgen sagte:

    Ein spannender Beitrag. Einer, der mich zum Nachdenken und Erinnern anregt.
    Im Nachhinein muss ich sagen, haben mich persönlich die Regeln eher aufgehalten und behindert. Ich habe mich lange an ihnen orientiert. Genau, wie der Titel suggeriert (Malen nach Zahlen), habe auch ich fotografiert. Das schöne und bequeme daran war, dass durchaus ansehnliche Bilder dabei entstanden sind. Aber auch viele, die hinter der Oberfläche nichts zu bieten hatten. Die spätestens nach zwei Tagen Betrachtung schal wurden. Ein wenig, wie Süßigkeiten.

    Mein Fehler war, ich habe mich nicht an meiner Intention, an meinen Interessen orientiert, sondern am Aufbau, auch an der Bearbeitung.

    Ich bin aus dieser Situation herausgekommen, indem ich bewusst die Komposition ignoriert habe, und meine Zeit damit verbracht habe zu erspüren, ob in mir etwas berührt wird oder nicht. Mit der Zeit hat sich dann auch die Komposition wieder eingeschlichen, aber ich gehe trotzdem heute lieber meinen Bauchweg, als einen Regelweg. Ich breche sie nicht, sondern manchmal kommen sie dazu, und manchmal bleiben sie einfach weg.

    Ja, ich hole mir auch viel Kritik ein, nachdem Motto: die Komposition gefällt mir nicht. Aber durch die Suche nach dem „Berührungspunkt“ bin ich da etwas sicherer und auch säureresistenter geworden.

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    Reinhard sagte:

    Bruce Barnbaum schreibt aber auch über Mythen in seinem Buch. Eine davon ist die Drittelregel. Die da lautet: Der Mittelpunkt des Bildintresses sollte ein Drittel von der Seite des Fotos platziert werden.

    Diese Drittelregel leitet sich aus einer fehlerhaften Studie eines STATISTIKPROFESSORS der 1850er Jahre ab. Er wollte heraus finden was großartige Gemälde so großartig macht. Es folgte eine Beratung mit mehreren Kunstkritikern und -historikern. Diese wählten die vermeintlich schönsten 250 Gemälde aus. Ein Statistiker ohne echten künstlerischen Hintergrund arbeitet mit Leuten aus der Kunstwelt, die wiederum keine Ahnung von Statistik haben. Es dürfte schon zu Beginn einen Riss in der Komunikation gegeben haben.
    Eine Fragestellung lautete wo das Zentrum der Aufmerksamkeit idealerweise liegen sollte. Der Professor wusste, dass bei einer Aufteilung des Bildes in vier Quadranten das Zentrum des Intresses im statistischen Mittel in der Mitte des Bildes zum Tragen käme. Also drehte er das jeweilige Bild so, das sich das Zentrum der Aufmerksamkeit immer im unteren rechten Quadranten befand. Anschließend wendete er seine statistische Analyse an und war überzeugt, das damit zu Tage geförderte Resultat sei korrekt. War es aber nicht.
    Denken Sie sich nur einmal eine Linie, die von der unteren rechten Ecke bis zur Bildmitte führt. Die identifizierten Zentren der Aufmerksamkeit würden sich logischerweise gleich häufig über und unter dieser Linie verteilen. Diese Linie würde also exakt den Mittelwert darstellen. Da aber nun viele der Bilder ihr Aufmerksamkeitszentrum in der Mitte, wenig bis gar keine aber in den äußeren Ecken haben, liegt der Schwerpunkt entlang dieser Linie in Richtung Bildmitte.
    Kein Wunder also, dass dieser Statistiker den Mittelwert entlang dieser Linie auf zwei Dritteln dieser Strecke als Schwerpunkt errichtet hat. Die Art der Analyse hat dieses Ergebnis impliziert. Mit anderen Worten: Das Ergebnis war durch die Methode vorherbestimmt! Ohne den Trick mit der Drehung des Quadranten hätte sich als Mittelwert das Aufmerksamkeitszentrum exakt in der Bildmitte wiedergefunden.
    Selbstverständlich entsprechen zwei Drittel dieser Linie aus der Ecke zur Bildmitteexakt einem Drittel in der Höhe und einem Drittel von der Seite. Das ist wissenschaftlich schlichtweg unbrauchbar, da es von Anfang an auf einer dummen Fragestellung basierte. Erstaunlicherweise führte diese Fragestellung und die fehlerhafte Studie zu dieser unbegründeten Kompositionsregel.
    Es kommt eben doch vor, dass ein Objekt genau in der Mitte plaziert wird, weil damit Stabilität, Stärke, Balance, Symmetrie oder vieles andere ausgedrückt werden soll. Manchmal ist es aber auch gewünscht, das Zentrum der Aufmerksamkeit (falls es eines gibt) nahe der Kante oder Bildecke zu lege, um dadurch ein absichtliches Ungleichgewicht zu erzeugen oder ein wichtigeres Bildelement auf der anderen Seite auszugleichen.

    Die Kunst der Fotografie von Bruce Barnbaum hat mir zumindest ein wenig mehr die Augen geöffnet… Das Drittel des Buches, das sich nur mit Labortechnik befasst kann man ja getrost überspringen… wenn man kein alter Analoger ist…
    Es bleibt immer noch genügend nach, um diese zementierten „Regeln“ hinterher in Frage zu stellen…
    Ich glaube, hätte ich das Buch vor 20 Jahren gelesen, würde ich heute auch ganz anders fotografieren.

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    • Sofie Dittmann
      Sofie Dittmann sagte:

      Leider muß ich Dir – und Barnbaum – da widersprechen. Ich weiß nicht, wo das mit dem Professor herkommt – der Typ in dem Artikel, den ich auch zitiert habe, behauptet das ebenfalls, und nach allem, was ich sehen konnte, ist das faktisch falsch. Du mußt es nur googlen. Ich denke außerdem nicht, daß Kunsthochschulen über Jahrhunderte hinweg hier gepredigt haben, die Erde sei eine Scheibe. Daß man irgendwann mal einen mathematischen Nachweis erbracht hat, daß der Goldene Schnitt existiert, und zwar nicht nur in der Malerei, heißt ja nicht, daß DU Dich danach richten mußt. Das wäre, wie wenn ich mich darüber beschwerte, über Lateinische Ausgangsschrift nie hinausgekommen zu sein (wenn dem so wäre) – das ist allein meine Entscheidung. Ich bin mir auch ziemlich sicher, daß meine Bekannte in ihrem Leben nie ein Fotografielehrbuch in der Hand hatte, sondern sich aus dem Internet irgendetwas zusammengeschustert hat.

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    Steffen sagte:

    Das kommt immer auf den Einzelfall drauf an. Kompositionsregeln wie der Goldene Schnitt können hilfreich sein, wenn sie die Bildaussage unterstreichen. Andererseits sehen Bilder oft zu „gedrechselt“ aus, wenn die Regeln zwanghaft angewendet werden. Und manche Fotos kommen gar ohne Komposition aus, wenn die Bildaussage oder das Motiv stark genug sind.
    Ich habe einmal eine Porträtserie vor neutralem Hintergrund gemacht, etwa im Stil von Richard Avedons „In the American West“ – natürlich nicht so gut wie der Altmeister. Wenn man mal davon absieht, dass ich darauf geachtet habe die Köpfe nicht abzuschneiden, kommen diese Bilder komplett ohne Kompositionsregeln aus.
    Und die Regel mit dem Licht vor 8 und nach 16 Uhr ist halt ein falsch verstandener Tipp für Landschafts- und Urlaubsfotografen, der im Sommerurlaub im Süden durchaus seine Berechtigung hat. Hat aber mehr mit Beleuchtung und eigentlich nichts mit Komposition zu tun.

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  4. Chilled Cat
    Chilled Cat sagte:

    Wer hat denn die Regel aufgestellt, dass Landschaften zu einer bestimmten Uhrzeit fotografiert werden müssen? Das ist für mich keine Regel, sondern Unsinn.

    Ich halte es für wesentlich, den Sinn hinter den Regeln zu verstehen, anstatt Regeln stur wie ein Kochrezept anwenden zu wollen.

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    • Sofie Dittmann
      Sofie Dittmann sagte:

      Nicht müssen, *sollten*. Einer dieser Fotografietipps, die mittlerweile zur Regel geworden sind (und im Fall meiner Bekannten in Stein gemeißelt). Und wir sind uns doch total einig (schreibe ich ja auch in dem Artikel), diese Regeln sind eine Stütze, keine Krücke.

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    Carsten Schröder sagte:

    „Wer als Anfänger die Gestaltungsregeln der Fotografie ignoriert, hat keinen Verstand. Wer sich aber fotolebenslang dran klammert, hat keine Phantasie.“
    Detlev Motz

    Diese Meinung teile ich uneingeschränkt.

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  6. Chilled Cat
    Chilled Cat sagte:

    Sind die Regeln dann kaputt, wenn sie gebrochen wurden?
    Mit dem Begriff Regelbruch habe ich so meine Schwierigkeiten.

    Ich kann mir nicht vorstellen, wie jemand die Regel brechen könnte, dass das Licht zur goldenen Stunde sich anders verhält als zur blauen Stunde. Oder dass Mittags die Schatten kürzer sind als Abends. Ebenso wie die Regeln, dass die Bildmitte der Punkt mit der geringsten Spannung im Bild ist und dass der harmonische Schnitt harmonisch wirkt.

    Es gibt in der Fotografie durchaus Regeln, die wenn sie richtig formuliert sind, gar nicht gebrochen werden können. Das ist wie mit der Schwerkraft, es hat wenig Sinn auf der Erde darauf zu warten, bis der Apfel mal vom Baum nach oben fällt. Wenn mehr Licht auf den Sensor oder Film fällt, dann wird das Bild heller. Punkt.

    Die Regel „grundsätzlich nur bei Sonnenschein, vor 8 und nach 16 Uhr“ finde ich herrlich. Das ist ein gutes Beispiel für eine Regel, die nicht bis zu Ende gedacht wurde.

    Ich finde, wenn eine Regel erst gebrochen werden muss, um ein gutes Bild zu erzielen, dann taugt die Regel nichts. Oder sie wurde falsch verstanden.

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    • Sofie Dittmann
      Sofie Dittmann sagte:

      Nö, aber was Du brechen kannst, ist etwa, Landschaften nur zu dieser Zeit zu fotografieren. Und sind die Regeln dann „kaputt“? Die deutsche Sprache hat nun einmal diese Blüten…

      Ich pflichte Dir vollständig bei: wenn die Regel die wäre, daß die Regel gebrochen werden muß, um ein gutes Foto zu machen, sollte sie nicht existieren. Im Fall meiner Bekannten ist nichts mehr zu retten, und sie weiß es nicht einmal.

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  1. […] man sich mehr oder weniger gezwungen, dem stattzugeben – doch auch dieses ist eine dieser Regeln, die man zu brechen wissen sollte, denn wie hier noch aufzuzeigen ist, stimmt sie nicht […]

  2. […] da wir es eben erst von Regeln und den Brüchen mit ihnen hatten: Du hast hier das Motiv gnadenlos ins Bildzentrum genommen, mit offener Blende, bei einer […]

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