Fotografie mit Spiegelungen: Eine harte Entscheidung

Fasszinierende Fotografie einer Spiegelung in einer Glasfassade. Wenn man solches exakt rechtwinklig aufnehmen will, kommt einem aber fast unweigerlich die perspektivische Verzerrung in die Quere.

Spiegelungs-Fotografie

Wintersonnen: oder Spiegelung und Lichter. 1/8s, Blende 10, ISO 200, 26,0 mm © Karsten Zolk

Karsten Zolk aus Düren :  Reizvolle Überlagerung der gespiegelten herbstlichen Landschaft mit dem Licht der Kugellampen in dem Cafe, entdeckt bei einem Spaziergang in Bamberg. Am Abend aus der Hand aufgenommen, daher technisch nicht perfekt. Könnte man das Bild verbessern?

Die Kreuzung verschiedener Welten durch Spiegelung ist immer wieder faszinierend – hier gelingt sie Dir auch noch in den Komplementärefarben blau und gelb – und weiteren spannenden Gegensätzen.

Die Farbaufnahme zeigt, vor allem in den Farbtönen blau und gelb, die neobarocke Glasfassade eines Gebäudes, von der ein ganzer und ein halber Rundbogen zu sehen sind. Im innern hängen offenbar gelb/orange Glaskugellampen von der Decke – sie sind, neben einer im Hintergrund knapp erkennbaren, ebenfalls gelb erleuchteten Bar, das einzige, was vom Interieur wirklich sichtbar ist. Wo die Glasscheiben aber nicht den Blick ins Innere freigeben, spiegeln sie in einem etwas helleren Blau als der Stahlfassade eine knorrige Weide, die vor dem Haus zu stehen scheint. Ausserdem mischt sich in die reale Bogenreihe der Fenster die Spiegelung einer zweiten reihe, von der nicht klar zu sagen ist, wo sie sich befindet.

Eine famose Farbfotografie, die mir bei der Durchsicht der Einreichungen für unsere Bildbesprechungen immer wieder aufgefallen ist. Das ist zunächst der Farbkombination mit den Komplementärefarben zu verdanken; das ist ein Blickfang erster Güte. Im zweiten Augenblick versucht die Betrachterin dann, Spiegelung und Gegenstand, drinnen und draussen, kalt und warm, Natur und Zivilisation auseinander zu dividieren und das Bild zu erfassen. Die Gegensätze gehen weit über die Komplementärefarben hinaus, aber wie Dein Titel «Wintersonnen»  schon sagt, behalten sie die Spannung von warm und kalt.

Die Belichtung und die technische Umsetzung ist, soweit ohne Details in den Exif-Daten zu beurteilen, gut gelungen. Eine Achtelsekunde ist schon sehr lange für eine Fotografie aus der Hand, aber Verwackelung konnte ich nicht ausmachen.

Die Komposition ist dem Gebäude und dem sichtbaren Ausschnitt in der Spiegelung geschuldet, und ich kann gut verstehen, dass Du Dich für diesen Ausschnitt entschieden hast.

Dennoch stört mich der angeschnittene Fensterbogen rechts, und er hört nicht auf, mich zu stören, zumal wenn ich die perspektivische Abwinkelung der vertikalen Streben nicht korrigieren kann.

Wesentlich mehr als der angeschnittene Bogen rechts stört allerdings der Blick um die Ecke links. Es ist verständlich, dass Du das Kapitel der Säule nicht anschneiden wolltest. Was mich an der grade noch sichtbaren ersten Fensterreihe links am Gebäude so irritiert, ist ihre Helligkeit: Die hellste Stelle des Bildes und zieht entsprechend den Blick an, aber dort ist nichts – ausser dem Bildrand. Das ist ein Leck in der Komposition. Ich würde es eliminieren.

Fotografie von Spiegelungen in einem blauen Fenster

Reduktion der Komposition auf den einen Fensterbogen.

In meiner Spielerei habe ich das gleiche mit dem angefangenen Fensterbogen rechts probiert. Es entsteht ein fast quadratisches Bild, das sich auf die Lampen und die linke Hälfte der Weide konzentriert, und ich bin ehrlich gesagt mit dem Format auch nicht zufrieden.

Ich habe ausserdem versucht, die perspektivischen Verzerrungen ganz zu eliminieren, was mir  mit den einfacheren Mitteln in Lightroom nicht gelungen ist.

Sie bilden bei einer Struktur mit derart vielen rechtwinkligen Linien, wie sie diese Fassade darstellt, rasch ein Problem, wenn Du versuchst, absolut plan zur Fensterebene zu fotografieren – und das noch dazu aus der Hand. Aber genau das hast Du hier versucht, und es ist Dir leidlich gelungen – aber eben nicht vollständig.

Deswegen und aufgrund der Erkenntnis, dass einer Schnörkel-Oberfläche wie dieser Fassade immer irgendwas angeschnitten werden muss, hätte ich wahrscheinlich versucht, ganz auf diese Rechtwinkligkeit zu verzichten und die Weide in der Spiegelung über einen stumpfen Winkel der Blickrichtung so in das eine Fenster zu kriegen, dass ich an keiner Kante mehr hätte gerade zu den bestehenden Linien bleiben müssen. Das ist eine harte, eine geradezu radikale Entscheidung. Ich treffe sie in der Regel erst, wenn ich nach etlichen versuchen meiner geplanten Komposition davon ausgehen muss, dass sie mir nicht gelungen ist und nicht gänzlich gelingen wird.

Schon die Einrichtung der Komposition vor Ort wird auf einem Stativ zum ewigen Geduldspiel. Wahrscheinlich wäre eine etwas anders gelagerte, aber nicht minder faszinierende Aufnahme entstanden, bei der Du das Leck mit einer Standortverschiebung nach Links hättest vermeiden und den zweiten Fensterbogen vollständig, wenn auch in den Hintergrund auslaufend in die Komposition bekommen hättest.

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