Einsamer Sänger: Die fehlende Bildhälfte

Bildbeschnitt, gekonnt angewandt, trägt maßgeblich zur Bildaussage bei. Genauso kann ein radikaler oder ungewöhnlicher Beschnitt aus einem Foto etwas Besonderes machen. Oder es sieht amputiert aus.

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Unser Leser Hans Müller aus Reutlingen hat uns das obige Bild unter dem Titel „Sänger” in der Kategorie ‚Schnappschuss‘ zur Besprechung eingereicht.

Canon PowerShot SX 20 IS 1/200 f/4,0 Iso 800 Brennweite 5,0 (Anm.: 28 mm KBÄ)… Die Aufnahme entstand spätabends in einer U-Bahnstation. Ich bin der Meinung, dass das Bild durch seine ‚Leere‘ wirkt, und mu0te deshalb einige Zeit warten, bis keine Passanten unterwegs waren. Sie hätten -glaube ich- die seltsam traurige Stimmung, die über der Situation lag, gestört. Eben wegen dieser Stimmung habe ich auch in Schwarz-Weiß umgewandelt. Weitere Bearbeitung erfolgte über Tonwertkorrektur und Tiefen/Lichter.

Streetfotos entstehen aus dem Augenblick heraus, und man nimmt deshalb bestimmte Mängel in Kauf, wie beispielsweise einen verrutschten Horizont. Auch hier ist dieser nicht ganz gerade, was ich aber so lassen würde. Ansprechen möchte ich vielmehr den Bildausschnitt, mit dem ich lange gehadert habe.

Doch zuerst zum Technischen. Die EXIF-Daten sind in etwa das, was ich für eine Aufnahme unter diesen Lichtverhältnissen erwartet hätte, und richtigerweise hast Du das Bild, das mit Sicherheit gerauscht hat, in Schwarzweiß umgewandelt. Ich hätte die Entscheidung genauso getroffen.

Was ich nicht nachvollziehen kann, ist der Bildausschnitt, und ich hoffe, daß im folgenden eine Diskussion diesbezüglich entsteht.

Der Musiker ist leicht aus Goldenem Schnitt (rosa) und Drittelregel (grün) heraus verschoben:

Vergleichsfoto

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Das macht hier nichts, denn wegen der spartanischen Komposition, die durch Negativen Raum bestimmt wird, ist er Statist und Fluchtpunkt zugleich (rot):

Vergleichsfoto

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Was für mich sofort problematisch war, ist, daß sich der Musiker in der linken Bildhälfte befindet, und dem Bildrand auf dieser Seite zugewandt, und daß aber die Aufnahme gleichzeitig links wirkt, als hättest Du willkürlich etwas abgeschnitten.

Vergleichsfoto

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Spontan will mein Auge entweder links mehr Raum, oder er hätte nach rechts zeigen sollen. Das Foto einfach spiegelverkehrt zu drehen, reicht aber meiner Meinung nach auch nicht.

Vergleichsfoto

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Das ist sicherlich der Tatsache geschuldet, daß in westlichen Kulturen von links nach rechts gelesen wird, und vielleicht war es zu vorhersagbar, ihn nach rechts zeigend anzuordnen. Jedenfalls habe ich mir die Mühe gemacht, und das Bild links erweitert, um zu erkunden, wie es sich dann visuell verändert. Ohne alle Bearbeitungsartefakte zu vertuschen, sähe die Aufnahme dann so aus:

Vergleichsfoto

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Sofort hat das Foto mehr Gleichgewicht, und man kann von hier aus etwa ein quadratisches Format oder ein Panorama in Erwägung ziehen:

Vergleichsfoto

Vergleichsfoto

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Wie seht Ihr das? Ist das Ungleichgewicht hier irgendwo der Clou, der das Foto „macht“, oder stört es und man hätte den Ausschnitt anders wählen sollen? Ich bin mir immer noch nicht ganz sicher, tendiere aber persönlich zum quadratischen Beschnitt. Der Negative Raum, und die Leere, auf die Du es ja Deiner Aussage nach abgesehen hattest, werden so verstärkt; das Foto wirkt nicht mehr amputiert.

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4 Kommentare
  1. Tilman sagte:

    Für mich ist das Ungleichgewicht nicht der Clou. Deine Bearbeitung, Sofie (wow übrigens), zeigt das toll auf. Der quadratische Zuschnitt ist sehr gut und gibt für mich am besten den Tunnelblick wieder.

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  2. dierk
    dierk sagte:

    mir ist das Bild auch zu links-lastig. Er fällt etwas aus dem Bild heraus. Ich wäre dicht an die Wand heran gegangen, vielleicht sogar das Schild an der Wand im Vordergrund und hätte den leeren Raum auf der linken Seite mehr gezeigt. Das würde den einsamen Spieler noch mehr heraus heben.

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