Erhöhte Foto-Standards: Das «zu-professionell»-Problem

Professionell anmutende Produktfotos sind heute selbst auf eBay eine normale Sache. Paradoxerweise hält die Glaubwürdigkeit nicht mit dem Qualitätsanspruch Schritt: Wer „zu gute“ Fotos anfertigt, wirkt nicht mehr authentisch. Könnte das auch in der Kunst zum Problem werden?

Produktfotografie eines Bildschirms

Diese Fotografie war einigen Käufern suspekt

Ich habe mir im Keller ein kleines Fotostudie gebaut: Ein paar Schrauben in der Decke halten zwei Holzstangen, an denen je eine Rolle grauen und weissen Hintergrunds hängt.  Eine einfache Softbox und ein Reflektor-Schirm machen zusammen mit zwei entfesselten Nikon-Blitzen die Beleuchtung aus. In diesem Setting lassen sich Porträtfotos, aber auch Produktfotografien anfertigen, die offensichtlich recht professionell aussehen. Zu professionell, wie ich bald einmal merken musste:

Kellerstudio für Produktfotografie

…dabei kann ich beweisen, dass es in meinem Keller entstanden ist. © Peter Sennhauser

Als ich einige Dinge aus unserem Haushalt auf eBay verkaufen wollte, legte ich einen Produktfoto-Nachmittag ein und fotografierte all die Objekte bestmöglich. Dann schrieb ich die Produktfakten und stellte die Fotos dazu. Am Tag danach kamen die ersten Kundenfragen. Auffallend: Zwei Interessenten wollten unabhängig voneinander und für verschiedene Objekte „Fotos des echten Gegenstands“ sehen. Sie gingen davon aus, dass meine Bilder aus Prospekten oder Handbüchern des Herstellers stammten.

Produktfotografie eines Ergometes

Ergometer zu verkaufen! Selbst das auf dem Sattel liegende Kabel wirkt noch nicht amateurhaft genug. © Peter Sennhauser

Andersrum: Endlich haben wir die Ausrüstung und die Möglichkeit, richtig gute, knackscharfe Bilder der Dinge zu machen, die wir verkaufen – und verlieren damit Glaubwürdigkeit gegenüber den andern, die unscharfe, verwaschene und zu dunkle „Fotografien“ ihres Zeugs publizieren. Ich habe also angefangen, immer auch gleich ein Bild des Settings mitzuposten. Das sauber erarbeitete Produktfoto soll die Leute dazu bringen, meine Anzeige anzusehen; sobald sie das tun, stellt aber der unaufgeräumte Keller mit den beiden Blitzlampen meine Glaubwürdigkeit als Privatverkäufer wieder her.

Ergometer im Keller-Fotostudio

Der Ergometer in der Fotografie-Phase im Kellerstudio.

Ich frage mich jetzt, ob dieses Problem auch anderswo besteht: Können junge Hobby-Hochzeitsfotografen vielleicht ein Problem bekommen, weil sie das gleich anmutende, professionelle Zeug abliefern wie die einstigen Profis? Müssen „Leserreporter“ ihre Bilder verwackeln, damit die Zeitungsredaktion glaubt, dass das ein Live-Schnappschuss war und nicht die konzertierte Aktion einer raffiniert angelegten PR-Kampagne? In der Landschaftsfotografie haftete der perfekten Postkarte schon immer etwas Anrüchiges an, aber jetzt wird das zusätzlich zur Nagelprobe: Ist das Bild nicht zu perfekt für eine Urlaubsfotografie?

Besteht ein begründetes Spannungsfeld zwischen Authenzität und professionellem Qualitätsanspruch? Ist es nicht auch so, dass das allzu Perfekte schon immer suspekt war, dass die berühmtesten Künstler kleine Imperfektionen oder Marotten geradezu als Markenzeichen mitgetragen haben?

Es stellt sich in dieser Frage auch die Huhn-Ei-Problematik: Längst ist nicht mehr klar, ob so viele Bilder und Videos in Frage gestellt werden, weil zu viel schlecht gefälschtes Zeug in Umlauf gebracht wurde. Oder vielmehr deshalb, weil inzwischen so viel richtig gutes Material die Runde macht, dass wir daran zweifeln wollen, dass dieser Hobbyfotograf zu solch einer hervorragenden Aufnahme im Stande ist.

Wobei „hervorragend“ ja immer die technische Perfektion und zu selten die künstlerische Komponente und den Ausdruck meint. Aber das ist ein weiteres Thema.

4 Kommentare
  1. Chilled Cat
    Chilled Cat sagte:

    Inzwischen zählt jeder als Fotoprofi, dessen Kamera nicht zusammen mit dem Telefon im gleichen Gehäuse wohnt.

    Peter, dein Ebay-Problem kommt jedoch nicht von der „zu guten“ Bildqualität, sondern daher, dass der neutrale Hintergrund nicht mehr zeigt, wo das Bild aufgenommen wurde. Was ja auch der Sinn von einem neutralen Hintergrund ist.
    Ein Ebay-Käufer will auf dem Bild jedoch sehen, dass sich genau der fotografierte Gegenstand bei dir im Besitz befindet. Das leitet er davon ab, dass ein Stück von deinem Wohnzimmerteppich auf dem Bild zu sehen ist. Obwohl er deinen Teppich ja auch nicht kennt.
    Am Ende ist es wohl einfach so, dass der Ebay-Käufer ein Bild mit neutralem Fotohintergrund nicht erwartet und deshalb verdächtigt, dass er beschummelt werden soll.

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    • Peter Sennhauser sagte:

      Das ist eine vernünftige Antwort und eine gebührende Vereinfachung des Sachverhalts. Vielleicht muss sich erwähnen, dass ich aber auch Detailaufnahmen d es Objekts mitliefere, die bisweilen auch Kratzer dokumentieren etc. Und trotzdem empfinden Interessenten das als suspekt.
      Die Definition des Profi geht auch für mich immer noch über den Umstand,. ob jemand mit der Kamera seinen Lebensunterhalt verdient oder nicht. Insofern gibt es natürlich auch sehr, sehr schlechte Profis und extrem gute Amateure…

  2. Sofie Dittmann
    Sofie Dittmann sagte:

    Nachdem meine Porträtkunden jahrelang die gedruckten Fotos, die sie orderten, wieder eingescannt haben, bin ich irgendwann mal dazu übergegangen, ihnen einfach hinterher eine CD in die Hand zu drücken. Gegen einen entsprechenden Aufpreis, versteht sich, aber drucken können sie ihre Bilder ja selbst. Wenn man das allerdings bei Walmart macht, bekommt man Streß, denn denen sahen die Fotos „zu professionell“ aus (neeee, echt?!?!), trotzdem die Person, die sie bestellt hatte, ja vor ihnen stand und ihnen einen Wisch von mir präsentierte. Es mußte was auf einem speziellen Formular unterschrieben werden. Ist ja irgendwo schön, daß sie mein Kopierrecht schützen wollen…

    Wie auch immer, das digital-zu-perfekte Bildergebnis im allgemeinen hat bei mir mittlerweile auch dazu geführt, daß ich, soweit ich mir den Film leisten kann, ohne daß meine andere Hälfte ausrastet, mich eher mit Sofortbildfilm beschäftige.

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  3. Jens sagte:

    Ich denke, man muss hier einfach den Begriff professionell klar definieren. Professionelle Bilder sind ja nicht per se den Berufsfotografen vorbehalten. Jeder, der sein Hobby Fotografie gewissenhaft betreibt und sich so mit der Zeit weiterentwickelt, wird früher oder später auch Bilder haben, die denen eines „Professionellen“-Fotografen in Nichts nachstehen. Der Unterschied liegt für mich eher darin, dass ein professioneller Fotograf die Fotografie als seine Profession und seinen Lebenunterhalt sieht und folglich andere Zwänge (Geldverdienen) aber auch Möglichkeiten (zu jeder Zeit fotografieren) hat. Das Ergebnis muss nicht zwangsläufig abweichen.
    Bei „normalen“ Bildern (Landschaft / Architektur etc) habe ich hier auch noch nie ein Problem gehabt. Dass du diese Erfahrung mit den Produktaufnahmen gemacht hast, ist m.E. dem Umstand geschuldet, dass die Arbeit im Studio den meisten Menschen doch fremd ist und sie daher nicht wissen, wieviel bzw. wie wenig Aufwand es ist, hier Bilder zu produzieren, die denen eines Katalogs sehr nahe kommen.

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