Grafische Übersteigerung: Ein neues Werk

Bildkomposition kann auch in der Nachbearbeitung stattfinden, wie alle anderen Manipulationen auch. Bisweilen entsteht dabei etwas ganz neues.

Möwen im Wasser, überzeichnet

Möwen im Wasser, überzeichnet

Hans Müller aus Reutlingen schreibt: hab von einer Flussbrücke aus gesehen, wie sich ein Schwarm Möwen um irgend ein fressbares Etwas stritten.
Mit der Kamera habe ich einfach in der Totalen draufgehalten. Was blieb mir anderes übrig? Die Vögel ließen sich nicht arrangieren, und an solche Feinheiten wie z. B. den Goldenen Schnitt haben sie sich auch nicht gehalten. Und nach zwei „Schuss“ war der ganze Spuk vorbei. Vom Ergebnis war ich total enttäuscht. Wohl aufgrund des flauen Lichts (bedeckter Himmel) und des braunen Wassers war alles eine mehr oder weniger kontrastlose Angelegenheit. Ich habe dann -zugegeben- alles, was photoshop innerhalb meiner bescheidenen Fähigkeiten als Autodidakt hergibt eingesetzt und mich für diese Version entschieden. Sehr starke Beschneidung, Wasser eher grün (war eine braune schmutzige Brühe), Tonwert, Kontrast, Schärfe. (SW hab ich probiert, aber verworfen). Ich kann inzwischen nicht mehr objektiv urteilen, rein graphisch gefällt’s mir.

Wenn’s Dir gefällt, ist der Hauptzweck Deiner Fotografie erfüllt. Wenn es andern auch etwas sagt, ist der wichtigste Nebenzweck erfüllt. Vielleicht aber kann man es dennoch weiter verbessern. Auch für Dich?

Du hast „alles, was Photoshop hergibt“, eingesetzt, und ich musste über den Satz schmunzeln: Wie oft haben wir hier schon (nicht ganz zu unrecht) lesen können, dass ein missglücktes Bild durch Nachbearbeitung nicht besser wird? Und daran halte ich fest. Aber: Du hast hier gar nicht „nachbearbeitet“, sondern etwas Neues aus einem enttäuschenden Schnappschuss gemacht, etwas „Grafisches“. Und das ist immer einen Versuch wert, wenn einem etwas an einer Aufnahme liegt.

Auf dieser Farbfotografie sieht man eine Gruppe Möwen auf einem Fliessgewässer um Futter kämpfen. Die horizontal mittig angeordneten Vögel sind alle bis auf einen halb in der Luft. Am unteren Bildrand ist ebenfalls mittig ein weiterer Vogel zu sehen, der sich im Anflug befindet. Die Aufnahme ist offensichtlich überschärft, mit grosser Kontraststeigerung behandelt und weist Farbsäume, Artefakte und Mosaikeffekte auf.

In der grafischen Überzeichnung, die Du in Photoshop und anders erstellt hast, liegt die Kraft dieser Aufnahme. Auf technische Daten müssen wir nicht eingehen, weil sie keine grosse Rolle spielen: Du hast aus einem nicht sonderlich gelungenen Schnappschuss etwas neues gemacht, und das ist ein hervorragender Ansatz, um sich selber vieles beizubringen. Seien es nun die Funktionen von Photoshop oder eben die Beziehungen der Elemente im Motiv zueinander.

Richtig finde ich den Ansatz, nicht das ursprüngliche Bild,. das Du im Kopf hattest, irgendwie noch hinbiegen zu wollen: Das gelingt fast nie, wenn es beim Auslösen nicht schon da war. Aber eine Neukomposition und eine Verfremdung, eine Abstraktion, das ist bisweilen erfolgversprechend.

moewenimwasserelemente

Drei Elemente machen die Beziehungen in dieser „Grafik“ aus.

Was die Komposition angeht, lässt sich ein Goldener Schnitt oder ein Drittelverhältnis oder eine Symmetrie immer auch im Nachhinein mit dem beschnitt erstellen.

Ich sehe in diesem Bild vor allem ein übergewichtiges Dreieck zwischen den drei Wasserkreisen um die zentralen Möwen, und als zweites Element die dunklen, darin auffliegenden und sehr ähnlichen Möwen. Dieses Dreieck schafft eine nach links unten abfallende Spannung, die konzentrischen Kreise setzen sich durch das ganze Bild in kleinen, weiss-hellblauen Wellenkämmen fort und schaffen eine untergründige Struktur.

Was bei dieser Anlage allerdings sofort auffällt, ist die untere, mittlere Möwe. Sie spielt zum einen keine Rolle in der Beziehung der Objekte. Und sie ist zum andern zu dicht am unteren Bildrand.

moewenimwassergs

Der Goldene Schnitt

Mein Vorschlag für einen weiteren Beschnitt dieser grafisch anmutenden Fotografie, mit der ich an Deiner Stelle noch weiter experimentieren würde, sieht deswegen so aus:

moewenimwasserbeschnitt

Weiterer Beschnitt: Die Zentralmöwe muss dran glauben.

Das ist nur eine sehr schnelle Lösung, möglicherweise sind weitere Verschiebungen des Ausschnitts nötig, und stärkere Verfremdungen könnten den grafischen Aspekt noch verstärken. Und wenn Du andere Elemente im Motiv gewichten würdest, ergeben sich neue grafische Aspekte.

4 Kommentare
  1. Hans Müller sagte:

    Ich war leider verhindert und bin erst jetzt dazu gekommen, die Besprechung zu lesen.
    Zunächst herzlichen Dank für diese sorgfältige und lehrreiche Besprechung.
    Folgendes möchte ich dazu sagen:
    Ich mag es schon immer, Bilder hinsichtlich ihrer grafischen Wirkung zu machen und habe sehr viele, die nur Muster und Strukturen (natürliche und ‚künstliche‘) aufweisen,
    Das gefällt mir halt.

    Ich bin weder Profi, der handwerklich perfekte Bilder zum Druck einreichen muss, noch habe ich den Ehrgeiz, mit perfekten Aufnahmen z. B. bei Wettbewerben zu bestehen. Meine Grenzen kenne ich schon.
    Mit anderen Worten: Die eine oder andere handwerkliche Unsauberkeit nehme ich halt in Kauf, und ein Pünktchen am Himmel, sei es ein Staubkorn auf dem Sensor oder ein kilometerweit entfernter Vogel, ist mir eigentlich egal, sorry.

    Vielleicht bin ich deshalb hier in der falschen Liga, aber so ist es.

    Das Original lade ich gerne hoch. Wohin? Hierher?
    Ich würde mich über sicher ‚bessere‘ Varianten freuen.
    Liebe Grüße
    Hans Müller

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    • Peter Sennhauser sagte:

      Du bist hier keineswegs in der falschen Liga: Unsere Hinweise muss niemand als Verpflichtung annehmen, und wir weisen einfach auf das hin, was uns auffällt und vielleicht nicht für Dich, aber für einen anderen Leser oder eine Leserin eine Bedeutung hat. Wir besprechen deswegen hier auch nicht einfach nur das, was wir für „das beste“ halten, sondern die Fotografien, die wir für exemplarisch halten. Manchmal auch exemplarisch für einen Fehler, und bisweilen exemplarisch für einen grossen Fortschritt.

  2. dierk
    dierk sagte:

    Es mag sicher Motive geben, bei denen sich solche extremen Verfremdungen eignen, z.B. Blumen/Blüten. Dieses Motiv gehört für mich aber nicht dazu.
    Wenn du nur zwei Aufnahmen machen konntest und die beide enttäuschend waren, warum dann an diesen Bildern weitermachen?

    Durch solche Bearbeitungen hat man normalerweise dann auch die Chance, aus einem unscharfen Bild etwas Schärfe zu bekommen, hier ist aber nichts scharf.

    Vor vielen Jahren habe ich auch die Filter von LuciesArt mit Begeisterung benutzt, es nutzt sich aber schnell ab und wird zur Effekthascherei. Inzwischen bin ich wohl eher auf dem Weg zu „back to the roots“.

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  3. Tilman sagte:

    Entschuldige, Hans… aber ich sehe in dem Photo nichts neues, sondern eine übertriebene Manipulation… so wie ich sie auch oft mache… und mich hinterher über das Resultat ärgere… Wäre mal interessant, das Original hochzuladen, dann könnten wir alle mal einen Versuch der Verunstaltung wagen… LOL

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