Low Key Porträt-Fotografie: In Gedanken

Bei fotografischen Porträts ist der Aufnahmestandpunkt wichtig, wenn die Person vorteilhaft dargestellt werden soll.

aufnahmedaten: canon d5III, 53mm (24-70mm objektiv), 1/30 sec., f/2.8, iso 400, stativ und extrem geduldige dame vor der kamera ;-) - (c) Susan Horn

aufnahmedaten: canon d5III, 53mm (24-70mm objektiv), 1/30 sec., f/2.8, iso 400, stativ und extrem geduldige dame vor der kamera ;-) – © Susan Horn

Susan Horn aus Rüti schreibt zu diesem Bild:

diese aufnahme entstand als erster gehversuch im portraitieren. zu verfügung stand mir nur eine lichtquelle die ich rechts der person positionierte und mit einem diffusor weicher werden liess. von links versuchte ich mit einem reflektor die schattenbereiche des gesichts aufzuhellen. als hintergrund wählte ich einen schwarzen stoff.

um die qualität nicht leiden zu lassen beliess ich bewusst die iso bei 400.

Ich fotografiere gerne Porträts (Affiliate-Link), es ist mit mein Liebliengsgenre. Nicht nur, weil Menschen so vielfältig sind, sondern weil man hinterher auch Feedback bekommt von dem oder der Porträtierten. Es macht Spass, Erinnerungen für andere zu schaffen.

Die zahlreichen Faktoren, auf die es zu achten gilt, machen Porträts aber auch zu einer Herausforderung. Man muss üben, viel üben, und es ist immer gut, jemanden in der Familie oder im Freundes- oder Bekanntenkreis zu haben, der sich als Versuchskaninchen – will sagen, Modell – zur Verfügung stellt. Den ersten Schritt hast Du also bereits getan.

Zu sehen ist in dieser Schwarz-Weiss-Fotografie eine Frau mittleren Alters, sitzend; den Kopf hat sie auf den rechten Arm aufgestützt, der wiederum auf einer Armlehne ruht. Der linke Arm liegt locker auf ihrem Schoß. Sie sieht nicht in die Kamera. Gehalten ist das ganze in Low Key.

Das erste, was mir hier auffiel, war der extreme Low Key. Du hast die Fotografie nicht nur abgedunkelt, Du hast sie ziemlich abgedunkelt. Trotzdem sieht man, dass Du mit einer singulären Lichtquelle gearbeitet hast. Dadurch liegt der von selbiger abgewandte Teil ihres Gesichts im Schatten, aber ihr linker Arm und das, was von ihrem Bein auf der Seite zu sehen ist, sind gut beleuchtet.

Und das bringt mich mehr oder weniger zu den beiden Hauptgesichtspunkten: Beleuchtung und Aufnahmestandpunkt.

Ich habe mir erstens einmal den Spaß gemacht, das Foto extrem aufzuhellen, einfach um zu sehen, worauf sie genau sitzt und so weiter. Das sieht dann so aus:

Vergleichsfoto

Vergleichsfoto

So kommen auch die Dinge zutage, die durch den Low Key teilweise kaschiert werden. Erstens einmal, dass die Lichtquelle zwar vielleicht weicher gemacht worden sein muss, sie sich aber dennoch recht nah an Deinem Modell befunden hat. Dadurch entstanden die relativ extremen Schatten, und auch die hellen Flecken in ihrem Gesicht. Das muss Dir auch aufgefallen sein, weshalb Du Dich für den Low Key entschieden hast – zumindest vermute ich das mal. Der Low Key hat aber beides nicht behoben, er hat lediglich das ganze recht extrem abgedunkelt, während die Flecken in ihrem Gesicht immer noch sichtbar sind.

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Dein Aufnahmestandpunkt war zudem recht niedrig. Was das bewirkt, sieht man bei einem Porträt wie diesem sehr deutlich, denn ihr übergeschlagenes Bein sieht im Bezug zum Rest ihres Körpers riesig aus. Der Low Key hat auch das nicht beheben können. Und zu guter Letzt noch dieses: ich weiß zwar, dass ihre linke Hand locker auf ihrem rechten Bein ruht, aber das riesige linke Bein verdeckt sie und lässt die Pose dadurch, nun ja, etwas merkwürdig wirken.

Problemzonen

Problemzonen

Harsche Beleuchtung ist in Porträts dann ein Problem, wenn ein klassisches, „normales“, Ich-bin-beim-Fotografen-gewesen-Bild gewünscht war, also die Sorte, die sich überall hübsch in Rahmen auf dem Regal im Wohnzimmer oder an der Wand befinden. Ich hätte aus dieser Beleuchtung unter Umständen sogar eine Art Film Noir daraus gemacht. Da Du Dich jedoch für Low Key entschieden hast, aus welchen Gründen auch immer, arbeiten wir mit diesem Effekt weiter.

Ich würde auf jeden Fall das Gesicht links etwas aufhellen und die glänzenden Stellen auf der anderen Seite etwas ausbügeln. Das sähe dann etwa so aus:

Vergleichsfoto

Vergleichsfoto

Man kann jetzt noch etwas mehr daran drehen, aber so ist es für mich erst einmal OK.

Ich habe auch damit experimentiert, das Bein abzudunkeln. Das kann man diskutieren. Ich persönlich würde jedoch einen Beschnitt anregen, entweder im Format 1 : 1 (rot) oder 8 : 10 (blau):

Vergleichsfoto

Vergleichsfoto

Ich selbst würde den Beschnitt 8 : 10 nehmen. Das Bein ist so besser gewichtet, und es nimmt nicht so viel vom Foto weg. Das Endergebnis sieht so aus:

Vergleichsfoto

Vergleichsfoto

Ich finde, mit diesem Beschnitt fällt die seltsame Positionierung der Hand auch nicht mehr so auf. Was meint Ihr?

2 Kommentare
  1. kirsten sagte:

    beim beschnitt stimme ich sofie absolut zu, und obwohl ein grosser quadrat-fan bin, hier das 8:10 format. technisch ist das bild sicherlich verbesserungsfähig, aber was ich hier vor allem empfunden habe: ein bild, bei dem mich der mensch interessiert hat. und das hängt nicht nur mit der abgebildeten person zusammen, sondern meiner ansicht nach auch immer mit dem fotografen. deshalb möchte ich das als ermutigung hierlassen – susan, weitermachen :-)

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  2. Marcus Leusch sagte:

    Es ist nicht einfach, ein gutes Portrait unter Studiobedingungen anzufertigen. Eine einzige Beleuchtungsquelle kann hier durchaus zur Herausforderung werden. Was mir auffällt:

    Das Modell sitzt für eine solche Low-key-Aufnahme viel zu dicht am Hintergrund, der mir noch zu deutlich sichtbar ist. Das Modell sollte also etwa anderthalb bis zwei Meter vom Hintergrund abgesetzt werden. Oder: Durch entsprechende Abschatter (dunkler Karton) vor dem Blitzkopf vermeidet man, dass Licht auf den Hintergrund fällt. Ideallösung wäre ein Blitzkopf + Softbox mit „Grid“ (Wabengitter), das ein sehr genau gerichtetes Licht ermöglicht, ohne den Hintergrund zu beleuchten.

    Das Licht steht hier etwa auf drei Uhr. Damit erzeigt man mitunter nicht sehr schmeichelhafte Schattenverläufe (auch wenn hier ein Diffusor verwendet wurde) und eine Zweiteilung des Gesichts in einen hellen und dunklen Bereich (splitlight). Das mag zwar für gewisse Effekte angebracht erscheinen, wirkt aber bei älteren Personen nicht unbedingt positiv. Besser wäre aus meiner Sicht eine Beleuchtung im 45 Grad-Winkel von vorn, von leicht schräg oben (ebenfalls 45 Grad). Da würde ich nochmal herumexperimentieren.

    Mir erscheint das Licht etwas zu wenig „Kraft“ zu besitzen. Low-Key muss ja nicht heißen, kaum Licht einzusetzen. Wichtig ist vielmehr, die richtige Verteilung (!) von Licht und Schatten. Letztlich sollte die Person aber doch gut erkennbar bleiben, auch wenn hier die denkende Haltung der abgebildeten Frau zur düsteren, die Person umhüllenden Lichtstimmung passen mag.

    Zur Pose: Die Hand im Gesicht ist mir persönlich zu dominant und verdeckt das Eigentliche, worauf es beim Portrait doch ankommt, zu sehr. Das Gesicht hat Ausdruckskraft und Charakter genug, um zu wirken. Und ja: Wie Sofie schon bemerkte, das Bein wirkt etwas aufdringlich. Die dahinter befindliche Hand gibt Rätsel auf.

    

Trotzdem denke ich, die Richtung stimmt für die „ersten Gehversuche“. Ich selbst habe das auch erst einmal zigfach geübt, bevor ich mich in der Lichtführung einigermaßen sicher fühlen durfte. Sehr gut für den Einstieg finde ich auch, erst einmal mit einer einzigen Beleuchtungsquelle zu arbeiten. …

    

Beste Grüße

    Marcus

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