Seefarnchen: Format und Winkel bedenken

Die Fotografie kleiner Objekte wirft immer auch die Frage nach dem Format und dem Blickwinkel auf: Ist Räumlichkeit ein Ziel, oder soll das Bild grafisch flach wirken? Hier wären zwei Überlegungen angebracht.

Makroaufnahme eines Farnblattes

Seefarnchen

Patrick Schaudel aus Karlsruhe schreibt zu diesem Bild: Ein eher zufälliges Motiv bei einem besuch im lokalen Stadtgarten. Fasziniert hat hier die „perfekte“ Rundung.

Amüsiert hat mich an dieser Fotografie zunächst vor allem der Titel: Schön assoziiert, sehr eingängig formuliert. Wir sehen sofort etwas sehr Lebendiges: Wie ein Seepferdchen etwas Pflanzenhaftes hat, mutet diese Pflanze tierähnlich an.

Leider haben wir keine Exif-Daten des Fotos und wissen deshalb nicht über die technischen Details Bescheid.

Wir sehen in dieser Farbfotografie ein sich ausrollendes Blatt eines (kleinen) Farns vor vollkommen unscharfem, grünem Hintergrund freigestellt. Eine starke Vignette bildet hinter dem Farnpferdchen einen Akzent. Belichtung, Fokussierung etc scheinen den Umständen angepasst korrekt zu sein; dass die untere Hälfte des Blattes etwas dunkel wirkt steht dem nahe am weissen Glanz liegenden Spitzlicht auf der oberen Seite entgegen. Vielleicht hätte man hier mit einem weissen Blatt Papier als Reflektor (Affiliate-Link) im unteren Bereich etwas Sonnenlicht duplizieren können.

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Was allerdings Stoff für Diskussionen liefert, ist die Komposition der Aufnahme. Zuerst stellt sich mir die Frage, warum man ein eher vertikal ausgerichtetes Objekt im Querformat fotografiert. Das kann sinnvoll sein, wenn damit ein Kontrast geschaffen oder ein Hintergrund-Objekt einbezogen werden soll. Hier scheint mir aber nichts davon der Fall zu sein, und so drückt das Querformat eher auf die fragile Pflanze ein.

Mein Verdacht ist, dass Du Dich einfach gewohnheitsmässig nicht vom Querformat der Spiegelreflex lösen konntest, so wie viele Smartphone-Videografen hochkant filmen und völlig vergessen, dass das Video damit zu Hause auf dem Gross-TV grade mal einen Viertel des Bildschirms ausfüllt (was nicht das einzige, aber ein wesentliches Argument gegen Hochkantvideo ist. Technische Abhilfe gibt’s zumindest als App.)

Seefarnchenhoch-1

Hochformat, leicht nach links gekippt, Vignette angepasst.

Eine zweite Frage, die ich mir hier gestellt hätte, bezieht sich auf den Blickwinkel. Wie viele Dinge in der Natur sind Farnblätter geometrisch als Fraktale perfekt geformte Gebilde: Die feinen Blättchen, die hier ausgerollt werden, spreizen sich in leichtem Winkel auf genau zwei Seiten vom Hauptstengel weg . Du hast Dich dafür entschieden, genau im 90-Grad-Winkel zu dieser Ebene zu fotografieren, wohl deshalb, weil damit die perfekte Rundung des sich ausrollenden Blattes vermeintlich am besten abgezeichnet wird. Das halte ich für ein Missverständnis: Perfekte Rundungen erkennen wir auch dann, wenn wir nicht exakt rechtwinklig drauf blicken.

Anders gesagt: Mit dem radikalen Winkel hast Du das Blatt zu einem zweidimensionalen Objekt gemacht, wodurch die Rundung oben zwar vielleicht stärker hervorsticht, der Rest des Seefarnchens aber an Dimension verliert.

Käme als nächstes Argument die Schärfentiefe ins Spiel, die ja für Tiefe im Bild sorgt und die dritte Dimension simuliert. Die sorgt wiederum für einen plastischen Effekt, hier ganz speziell durch die totale Freistellung vor dem restlos unscharfen Hintergrund. Allerdings bin ich der Meinung, dass sie hier den harten Winkel nicht völlig zu kompensieren vermag und Du die Blende mit Vorteil leicht geschlossen hättest: So wären nicht bereits die ersten vom Hauptstengel wegragenden Blattteile unscharf, und der Hintergrund erhielte etwas Struktur.

Zusammenfassend: Bei solchen Aufnahmen würde ich zuerst die  Formatfrage stellen, mehrere Winkel für die Ansicht ausprobieren und vielleicht auch  durch mehrere Blendenstufen hindurch experimentieren. Konkret hier vielleicht etwas mehr Schärfentiefe, sicher ein Hochformat und eine leichte Verschiebung des Kamerastandorts nach rechts vorne anwenden.

Jedenfalls: Sehr anmutig, das Seefarnchen!

4 Kommentare
  1. Dietrich Kunze
    Dietrich Kunze sagte:

    Ich möchte nur zum Thema „Format“ was sagen:
    für meinen Geschmack hat das Querformat bei diesem Bild auch ein Argument für sich – die starke
    Vignettierung vor allem links und rechts lässt das Farnblättchen filigran und leuchtend aus
    der Dunkelheit auftauchen und betont es dadurch enorm, was ich sehr ansprechend finde.
    Der Fotograf hat es im Stadtpark entdeckt – in dieser Präsentation könnte es auch im Urwald sein.
    Ansonsten sehr einleuchtende Besprechung.

    Antworten

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  1. […] SP-2 vor (digitaleyes.de) – So benutze ich Verlaufsfiler (Ben Jaworskyj via Youtube) – Format und Winkel bedenken (Bildbesprechung auf fokussiert.com) – Fototip Tier- und Naturbilder (National Geographic) […]

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