Kompositions-Porträt:
Grundregeln beachten

Es schadet nichts, sich früh in der Fotografie mit neuen Techniken und Experimenten zu beschäftigen. Schade ist es, wenn verletzte Grundregeln das Resultat schwächen.

Nikon D750 im Studio mit einer Softbox, f/14, die darübergelegten Wolken wurden etwa in der gleichen Woche aufgenommen.

Wolkige Gedanken: Nikon D750 im Studio mit einer Softbox, 1/125s, f/14, 48mm bei ISO 100 – die darüber gelegten Wolken wurden etwa in der gleichen Woche aufgenommen.

Kamran von Kleist schreibt zu diesem Bild: Erst einmal vielen Dank für die Mühe, mit denen die Bilder hier ‚auseinandergenommen‘ werden, was gerade für Anfänger, wie mich, mehr als hilfreich ist.

Die Intention dieser Aufnahme war es, das Sinnieren über die Zukunft darzustellen, aber nicht eine schwermütige, von der Vergangenheit belastete, sondern im Gegenteil eine hoffentlich positive, die auf das Erreichte aufbauen kann.

Beeindruckend: Du bezeichnest Dich als Anfänger, aber Du lieferst ein Bild ab, das in mehrfacher Hinsicht fortgeschritten ist.

Wir sehen das Gesicht einer Jungen Frau in dieser Farbfotografie. Sie blickt nach rechts oben und hat das Gesicht in der linken Hand im leicht angewinkelten Arm gewissermassen am Bildrand abgestützt. In der oberen Hälfte wirkt die Aufnahme wie ein Low Key-Bild, der Hintergrund ist fast durchwegs schwarz; in der unteren Hälfte erkennen wir, dass die Farbschleier, die schon im Gesicht der Frau zu sehen sind, eine zweite Belichtung, ein über das Porträt gelegtes Bild von Schleierwolken an einem blauen Himmel sind.

Aus technischer Sicht handelt es sich hier um ein Komposit, eine Zusammenführung zweier Fotografien, die beide nach gängigen Standards sauber belichtet erscheinen. Das Porträt der jungen Frau hat einen klar gesetzten Fokus und scheint absichtlich an der unteren Seite belichtet, es hat tatsächlich den Charakter eines Low-Key-Bildes.

wolkigdreieck  wolkigdrittel  wolkiggolden

Die Komposition passt in alle gängigen Verhältnisregeln, am schönsten ist die Dreiecksaufteilung (erstes Bild), in dem die Blickrichtung und die Mittelachse des Gesichts sowie die Schulter perfekt eingepasst sind.

Die Wolken könnten mit einem Verlaufsfilter (Affiliate-Link) aufgenommen worden sein.

Die Belichtung der jungen Frau ist  mit der weichen Lichtführung gut gelungen, Der leicht aufwärts gerichtete Blick macht sie geheimnisvoll, und die Spitzlichter in den Augen verhelfen dem Gesicht für das Leben, das es braucht. Hier ist nicht nur nichts auszusetzen, das ist eine beeindruckende Arbeit.

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Leider allerdings verletzt die Haltung des Modells oder der Bildausschnitt eine der wesentlichsten Regeln der Menschenfotografie: Ihr gut in der Haltung integrierter Arm, der die Pose überhaupt ausmacht, ist abgeschnitten, nur zur Hälfte sichtbar, verstümmelt. Wir haben die Diskussion über Regeln, und wie sinnvoll sie in der Fotografie sind, immer wieder gehabt in den letzten neun Jahren.  Ich teile die Ansicht, dass Kunst sich nicht an Regeln halten muss oder sogar darf. Aber es gibt einige Grundraster der Ästhetik, des menschlichen Empfindens, die nur ganz bewusst verletzte werden können, wenn es zum Ausdruck gehört. Und sonst wirken Verstösse dagegen einfach störend.

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Hier ist das die abgeschnittene Hand: Wenn ihre Verstümmelung nicht ganz direkt etwas zur Bildaussage beitragen sollte – und es ist nicht zu sehen, was das sein könnte – dann muss sie vermieden werden. So aber lenkt der halbe Finger im Gesicht der Frau unheimlich ab, zieht den Betrachter von ihrem Blick weg zu dieser Seite des Gesichts, wo eigentlich nichts ist.

Ein zweites, deutlich kleineres Problem ist die helle Stelle hinter der linken Schulter des Modells. Wenn Du diese Pose im Studio komponierst und dabei schon eine Low-KEy-Aufnahme im Sinn hast, achte darauf, dass die Hintergründe nicht dem Modell irgendwelche Flügelstümmel aus dem Rücken wachsen lassen…

Das dritte Problem ergibt sich aus der Helligkeit des Wolkenbildes in der unteren Hälfte: Der Unterarm des Modells hat keine Begrenzung mehr, er wird zur dicken Keule.

Die Idee mit den Wolken finde ich bedenkenswert, Komposit-Bilder sind nun zwar nicht so meins, weil sie rasch überladen und kitschig wirken, aber hier kann man den Blick der Frau und die Wolken zu einem Schluss führen. Verwirrend ist dabei allenfalls, dass sie nach oben blickt, die Wolkenstruktur aber nur unten erkennbar wird. In Blickrichtung ist – nichts.

Alles in allem: Spannende Arbeit, die zur Diskussion Anlass gibt, die aber auch einen Schritt überspringt auf dem Weg zur nächsten Experimental-Ebene. Warum nicht zuerst mit solchen Lichtverhältnissen und dem Modell an der Porträttechnik feilen und einfach tolle Aufnahmen machen, ohne bereits eine zweite Bedeutung reinzukomponieren? Und dann mit den Resultaten einen guten Porträtfotografen um eine tiefgreifende Kritik bitten, die ich schon aus mangelnder eigener Erfahrung nicht geben kann, die Du aber nach meiner Beurteilung der hier zugrundeliegenden Arbeit verdienen würdest.

2 Antworten
  1. Kamran says:

    Vielen Dank für die vor allem unerwartete positive Kritik.
    Den entscheidenden Fehler, die ich damals begannen habe, die Hand abzuschneiden, bereue ich inzwischen auch, aber man muss ja dazulernen.
    Vor allem danke für den Hinweis mit den Wolken links unten. Das ist eine der Kleinigkeiten, die leicht zu beheben sind, auf die man aber hingewiesen werden muss.
    Daher finde ich diese Reihe mit den Besprechungen einer der wertvollsten überhaupt. Denn nur zu zeigen, was andere richtig machen ist eine Sache, aber aus Fehlern kann man oft viel mehr lernen. Müssen ja nicht immer die eigenen sein. :)

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  1. […] ich regelmäßig auf fokussiert.com vorbei, die sich damit beschäftigt Bilder zu analysieren. Eine Kompositions-Portraitaufnahme wurde in dieser Woche genutzt um auf die Grundregeln der Kunst einzugehen. Sehr lesenswert. […]

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