Ausweg: Der Blick von unten

In ungewöhnlichen Perspektiven liegt ein spannendes fotografisches Experimentierfeld. Wer ausserdem mit Formen und Flächen arbeitet, braucht in der Tat nicht zu viel auf die Technik zu geben.

ausweg

Paula Christine Lehmann aus Freiburg schreibt zu diesem Bild: Liebe Damen und Herren,
Meine Bilder sind alle mit einer Digitalkamera Nikon cool B500 gemacht und wie gesagt nach Gefühl ohne Bestimmungen, also ich kann leider nicht die technischen Daten aufzählen und hoffe trotzdem, dass eines von 30jährige Beachtung findet….

Ich entnehme Deiner Einführung eine (etwas trotzige) Ansage, dass Dich technische Details nicht interessieren – und dagegen ist nicht viel einzuwenden, schon deswegen nicht, weil Du offensichtlich andere Wege zu einer künstlerischen Fotografie gefunden hast.

In dieser Schwarz-Weiss Fotografie blicken wir von unten entlang den Fassaden dreier etwa viergeschossiger Stadthäuser in den Himmel hinauf. Die Fläche zwischen den Fassaden ist fast durchgehend weiss, mit einem leichten Vignette-Effekt an den linken Rändern. Die drei Gebäude ragen alle jeweils als Dreieck in die Aufnahme hinein; eines deckt dabei den ganzen rechten, das andere den ganzen linken und das dritte nur einen Teil des oberen Bildrandes ab. Ausserdem fällt bei genauem Hinsehen auf, dass die drei Fassaden aus drei Zeitaltern zu stammen scheinen. Links ist eine Fassade klassizistischen Stils mit runden Eck-Erkern, in der Mitte ein ebenfalls etwas älteres, einfaches Haus mit einem Balkon und Stahlgitterbalkon und rechts ein modernes  Zweckgebäude mit einem Dachbalkon, von dem Grünzeug herunterhängt.

Natürlich sind technische Daten nicht immer gleich wichtig und interessant. Angesichts einer preiswerten Bridge-Kamera wie der Nikon Coolpix B500 (Affiliate-Link) aber, die eins von diesen Super-Zooms (40Fach! 900mm KB-äquivalent!) hat, wäre es interessant gewesen, die Exif-Daten ein bisschen genauer unter die Lupe zu nehmen und mal zu sehen, welche Brennweite Du denn hier (oder generell am häufigsten) verwendet hast.

Jedenfalls liegt ein für die vorherrschenden Lichtverhältnisse erstaunlich gut belichtetes Bild vor, indem die Kontraste zwar stark sind (namentlich in den Sonnenbeschienenen Teilen der Fassaden), aber nur sehr wenige Stellen derart unterbelichtet sind, dass sie keine Zeichnung mehr aufweisen.

Banding: Graustufen ohne fliessenden Übergang

Banding: Graustufen ohne fliessenden Übergang

Die durchgehende Schärfe lässt eine mittlere bis grosse Blendenzahl vermuten, und das einzige, was in technischer Hinsicht vielleicht stören könnte, sind die Graustufen-Übergänge im Himmel an den vignettierten Stellen: Hier sorgt die Umwandlung in Graustufen für ein erkennbares Banding. Es kann auch gut sein, dass der Effekt durch ein zu starkes Nachschärfen noch erhöht wurde, und ausserdem zeigt das Bild leider bereits gehörige Artefakte, die bei der Komprimierung von JPG-Dateien entstehen.

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Die Komposition, die Bildaufteilung und das Motiv als ganzes macht das aber längst wieder wett. Ich war zunächst hingerissen von der Wirkung des Negativraums: Die Fläche zwischen den Häusern, die gewissermassen zum Echo der unten liegenden Strasse und des Platzes wird, auf dem wir stehen: das macht aus der Aufnahme eine Art umgedrehtes Labyrinth und erklärt damit auch den von Dir gewählten Titel.

Die Aufteilung der Flächen liegt fast genau, zum Glück aber eben nicht genau in den vier Dreiecken, die das Bild aufteilen, es entsteht eine grossartige Spannung aus nicht ganz erfüllter Symmetrie und eindeutigen Schwerpunkten. Wenn man die Fibonacci-Spirale anlegt erkennt man auch, dass eine Blickrichtung von links unten über die obere Mitte nach rechts unten exakt den spannendsten Bilddetails entlang verläuft: Hier finden sich wie zufällig eine ganze Reihe von harmonisch anmutenden Einteilungen.

Fibonacci-Spirale

Fibonacci-Spirale

Diagonalen-Aufteilung

Diagonalen-Aufteilung

Angesichts dieser Qualitäten ist die Technik der Aufnahme in der Tat vernachlässigbar. Ich finde es trotzdem schade, wenn in solchen Aufnahmen unnötige Effekte vom Inhalt ablenken oder einen grossen Druck erschweren oder sogar verunmöglichen. Hier würde ich deshalb versuchen, an den Originaldaten mit etwas weniger starken Eingriffen das Schwarz-Weiss-Bild so zu reproduzieren, dass vor allem die Streifenbildung in den beiden Teilen des Himmels nicht mehr so stark auftritt.

Ansonsten: Grossartiger Blick, tolle Komposition, gute Fotografie.  Ob sie 30 Jahre lang Beachtung findet, weiss ich nicht, aber ich finde den Anspruch auch nicht unbedingt wesentlich.

4 Kommentare
  1. Paula Lehmann sagte:

    ….und 30- jährige Beachtung ist völliger Quatsch! Ich wollte schreiben, dass es mich freut, wenn mein Foto Beachtung findet. Nicht mehr und nicht weniger :) Das war ein zu spät gemerkter und abgeschickter Schreibfehler ;-)
    Von selbst entstandener über die Handytastatur…..

    Antworten
  2. Paula Lehmann sagte:

    Lieber Herr Sennhäuser,

    Herzlichen Dank für Ihre Ansichten, Wahrnehmungen, Hinweise, konstruktive Kritik.
    Ich freue mich sehr darüber!
    Über die („trotzige“) Vermutung musste ich sehr schmunzeln.
    Fakt ist, dass ich sehr offen für Kritik bin und dankbar über Ihr ausführliches Feedback!
    Ich habe es erstmal überflogen, werde es aber in Ruhe durchgehen.
    Fakt ist auch und das ist wohl etwas missverständlich transportiert von mir, ich hatte vor 15 Jahren eine Canon T60, die ich leider in der lybischen Wüste versandet habe. Damals hatte ich auch technisch den vollen DurchBlick, aktuell bin ich auch an technischen Details äußerst interessiert, nur mir fehlen diesbezüglich lokale Kontakte, wo ich mich da entwickeln kann und die Fotografie lieben.
    Doch Ihr Kommentar, dass ich einen eigenen Stil der Fotografie für mich gefunden habe trifft es absolut.
    Nichts desto trotz bin ich, wie gesagt ebenso interessiert an Technik.Toll, dass Die so offen und ehrlich werten!Wow!
    Grüsse!

    Antworten
    • Peter Sennhauser sagte:

      Hallo Paula
      Danke für die Blumen. Und das Schmunzeln. Und einfach so weitermachen. Über die Technik kann man sich mit Büchern und im Internet schlau machen. Über Motive und Wirkung am besten im Austausch mit anderen Fotografinnen und Fotografen – hier und in der realen Welt.

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  1. […] den Rängen zwei bis fünf finden sich im September sehr verschiedene Aufnahmen. Paula Christine Lehmanns „Ausweg“ ist ein anderer Blickwinkel auf unsere Strassen – von unten nach oben, und hat das Publikum ebenfalls sehr fasziniert. Noch nicht zu sehen in […]

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