Défilé: Hochzeitsgäste in den Fokus

Offenblende-Fotografie ist gerade bei Anlässen mit Menschen ein hervorragendes Mittel, um ein Details aus der Masse herauszugreifen und in der Schärfe freizustellen. Allerdings muss man sich genau überlegen, was das sein soll.

Palästinensische Hochzeit

Canon EOS 6D 1/60s bei Blende 2.8 mit 70mm Brennweite und ISO 800. © Holger Vieth

Holger Vieth aus Freiburg schreibt zu diesem Bild: Dieses Foto ist auf der Hochzeit einer palästinensischen Freundin von mir entstanden – an Weihnachten in Bethlehem. Es war eine vergleichsweise multikulturelle und liberale Feier, wenngleich viele der Gäste deutlich traditioneller eingestellt waren als das Brautpaar. Ich meine, dass dieser Kontrast auch in dem Foto sichtbar ist.

 

Natürlich ist an einer Hochzeit die Braut das Wichtigste. Aber sie ist nicht immer das interessanteste – in diesem Bild wird das deutlicher als irgendwo.

Diese Farbfotografie im Querformat eine tanzende, in Weiss gehüllte Braut in einem gedämpft beleuchtenden Raum vor nahöstlich anmutender Gästeschar. Die in warmen Tönen gehaltene Fotografie ist mit offener Blende entstanden und zeigt die Braut im linken Vordergrund gestochen scharf, die Gäste im Hintergrund in gut erkennbaren Posen sind bereits in der Untiefe der Schärfe verwischt. Die Braut steht mit dem Rücken zu uns und zur Bildmitte und hebt die linke Hand mit auffällig blau lackierten Fingernägeln gegen links. In der Beuge Ihres Arms ist das Blitzlicht einer dem Fotografen gegenüber fotografierenden Frau in Sternsicht zu sehen; rechts hinter der Braut sticht ebenfalls eine Frau mit Kopftuch aus den Gästen heraus, die mit einem iPhone filmt oder fotografiert.

palaestdrittel palaestgolden

Es ist nicht einfach, an solchen Anlässen und in solchen Lichtverhältnissen zu fotografieren, und am schönsten werden die Bilder, wenn man es ohne Blitz, mit gemässigtem ISO und dafür mit der grössten Blende tun kann, die man hat. Du hast hier eine schöne Szenerie gesehen und abgelichtet und dabei technisch offenkundig alles ziemlich richtig gemacht. Die Schärfe auf der Braut ist knackig, die Belichtung stimmt und setzt die Braut in Szene (Affiliate-Link) und die Besucher in den Hintergrund, und das Blitzlicht der Fotografin Dir gegenüber ist glücklicherweise nicht hell genug, um das Bild zu überstrahlen.

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Was die Komposition angeht, ist das Blitzlicht sogar ein Glücksfall, denn es setzt einen räumlichen Akzent auf der linken Bildseite, der die Spannung zum freien Raum hinter der Braut erhöht.

Auch inhaltlich setzt es einen der Akzente: Die Aufnahme hat viel zu bieten, weil sie freudige Gesichter zeigt, eine famose Stimmung überträgt und durch die kleinen Hinweise auf die kulturelle Mischung – Smartphones und traditionelle Kleidung, Kravatte, Blitzlicht – zum genauen Hinsehen einlädt.

Ich habe eigentlich nur einen, aber einen sehr grundlegenden Änderungswunsch.

Ich hätte das Bild genau umgekehrt gemacht.

Will heissen: Die Braut, die Du in der Beschreibung übrigens auch nicht explizit erwähnst, ist nicht das eigentliche Motiv dieser Aufnahme – die Gäste sind es. Also gehören Sie in den Schärfenbereich, die Braut dagegen, die wir noch dazu nur von hinten sehen, darf unscharf sein: Sie gäbe dann einen klaren Hinweis auf den Grund für das Vergnügen der Gäste, die wir aber anders als jetzt im vollen Schärfenbereich begutachten könnten.

Es ist nicht selten so, dass sich bei solchen Fotos in Menschenmengen rasch das Motiv umkehrt und just das passiert, was hier passiert ist: Dass der Hintergrund zum Motiv und der Vordergrund zum Statisten wird. Ich fotografiere deswegen sehr gerne mit dem Tele, auch mit dem 200er, bei offener Blende in solchen Situationen. Und ich versuche immer wieder, nach der ersten Aufnahme auf den Hintergrund scharf zu stellen und das gleiche Bild mit umgekehrter Schärfentiefe nochmals zu machen.

Hier hätte dabei einfach alles gestimmt: Die Lichtsituation, indem die Zuschauer hinter der Braut in einem nicht ganz so hellen, aber guten Lichtbereich stehen, die Blickrichtung, die Action.

Was ich an diesem Bild ausserdem noch gemacht hätte, ist, die Hand am rechten Bildrand wegzuklonen – oder gleich das Bild so zu beschneiden, dass die Frau im weissen Kopftuch ganz hinten den rechten Abschluss macht. Ich habe ausserdem die Tiefen ganz leicht angehoben – nur um zu zeigen, dass da noch viel mehr in dem Bild stecken würde. Übrigens: Es gefällt auch so, weil es emotional ist und Wärme ausstrahlt.

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