Fassadenspiegel: Mehr offen lassen

Spiegelnde Fassaden sind namentlich in klassischer Nachbarschaft ein beliebtes Fotomotiv und eine Kunstart der Architektur. In der Fotografie lassen sie mehr mit sich machen, als einfach nur abzudrücken.

Glasfassade mit gespiegelter Klassik

Nikon D3100 1/80s bei Blende 9 mit 28mm Brennweite und ISO 200 © Markus Geier

Markus Geier aus Ober-Olm: In der Glasfront des quaderförmigen Komplexes spiegeln sich die Fronten der gegenüber liegenden Gebäude derart, dass der Eindruck einer Komposition aus Alt und Neu entsteht.

Stürzende Linien sind in der Architekturfotografie (nicht immer) ein Problem. Hier hätte sich aber weite mehr als die Verzerrung durch die verkippte Kamera überarbeiten lassen.

In diesem Schnappschuss in Farbe ist in der linken Hälfte eine Glasfassade eines modernen Baus mit durchgehenden Spiegel-Paneelen zu sehen, in denen sich die gegenüberliegende, auf Seiten des Betrachters befindliche, Fassade eines klassizistischen und eines moderneren Baus spiegelt. In die rechte Bildhälfte hinein verläuft die sich perspektivisch nach unten verjüngende seitliche Fassade des Glashauses vor einem fast weiss ausgebrannten Himmel; hinter dem Gebäude ragt ungefähr in der Mitte des Querformats ein Hochhaus auf. der untere Bildrand wird von der Spitze eines Metallzauns gesäumt, der linke Bildrand zeigt einen winzigen Rest der steinernen Fassade, die sich gegenüber im Glashaus spiegelt. Die Vertikalen sind in der Ganzen Aufnahme nur am ganz rechten Rand im Lot, die Objektivverzerrung und die Verkippung lassen sie quer durch das Bild immer weiter nach rechts kippen.

Sobald wir etwas fotografieren, das aus menschlicher Hand stammt, ändern sich alle Regeln der fotografischen Komposition – denn dann kommen absolute Geraden und rechte Winkel ins Spiel, und die verraten viel über die Fotografin, ihren Standort und ihre Absicht.

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Zuoberst auf der Liste der Dinge, die meist unerwünscht sind, stehen die stürzenden Linien.  In Analoger Zeit liessen sich die nur mit einer Fachkamera, einem PC-Objektiv oder einem (preiswerteren) Tilt-Shift-Adapter (Affiliate-Link) zum Zeitpunkt der Aufnahme korrigieren: Man schiebt damit sozusagen die Film- oder Sensor-Ebene in eine Parallele zur Fassade des Gebäudes, an dem man hochblickt. Heute ist das nicht mehr unabdingbar, weil sich sogar perspektivische Verzerrungen in der digitalen Dunkelkammer korrigieren lassen. Die Funktion heisst „Objektivkorrektur“ sowohl in Lightroom als auch in Photoshop. Mit ihr kann man vertikale und horizontale Perspektivwechsel imitieren und Kissen- und Tonnenverzerrungen korrigieren. Dabei werden Bildpixel in die gestreckten Stellen hinzu- und aus den gestauchten Stellen herausgerechnet, und das ursprüngliche Framing des Bildes wird verzogen – man verliert also meistens an den Bildkanten etwas vom Bild.

In deiner Aufnahme hier ist zwar die Spiegelung das eigentliche Motiv, die ganze Komposition bezieht aber weit mehr von der Fassade ein, was nicht unbedingt nötig ist, ablenkt oder das offensichtliche bestätigt. Dazu kommt, dass die perspektivischen Verzerrungen hier horizontaler und vertikaler Natur sind, das heisst, die Sensorebene stand nicht nur leicht nach oben geneigt zur Ebene der Fassade, sondern auch leicht nach links gekippt, und das lässt den Eindruck eines im Vorbeigehen aus der Hüfte geschossenen und nicht sehr sorgfältig komponierten Bildes entstehen.

Manchmal ist man versucht, eine vertikale Linie im Bild an einem der beiden Sucher-Ränder auszurichten und gerade zu stellen, und Du hast das hier anscheinend rechts gemacht. Die Folge ist aber, dass dafür links umso mehr alles kippt – die Vertikalen nach rechts, und die Horizontalen (siehe die Querstreben am Zaun) nach rechts unten.

Das ist als Stilmittel einsetzbar, wenn Du es ganz eindeutig bewusst und damit auch sehr stark wirken lässt. In dieser Aufnahme aber wirkt es namentlich wegen des Stücks Fassadenkante links, das aus dem unteren Nichts nach rechts oben ins Bild „hineinwächst“, eher unbeholfen aussehen. Dieses Stück Steinfassade trägt ebensowenig zum Bild bei wie der ganze rechte Fünftel, in welchem das frontal so schön spiegelnde Gebäude nach hinten in die Tiefe verläuft. Wenn das für Raumgefühl sorgen soll, hättest Du es besser inszenieren und nicht vor der in der Ferne liegenden Ecke unten abschneiden dürfen.

fSpiegelden Glasfassade, frontal fotografiert

Veyierbild: Es ist – eine Fassade, die sich spiegelt in – einer Fassade. Zaun und Baum sind der Beweis.

Aber eigentlich ist hier ohnehin sofort klar, dass wir eine Fassade anschauen, wir brauchen den Kontext deshalb nicht – weder den Verlauf nach hinten, noch den Himmel, noch das hinter dem Komplex aufragende andere Gebäude. Ich denke, die Aufnahme wird spannender, wenn wir ein paar Fragen offen lassen und mit der Perspektivenkorrektur so tun, als wärst Du genau frontal vor der Fassade gestanden – und dann alles aus dem Rahmen fallen lassen, was nicht Fassade und Spiegelung ist.

Bis auf den Baum und den oberen Teil des Zauns, der in diesem Vexierbild auch dem letzten Betrachter einen Hinweis geben, was er sich da ansieht,und darauf die Aussage „alte Fassade in neuer Fassade“ ergibt.

6 Kommentare
  1. Markus sagte:

    Hallo Peter,
    danke für deine ausführliche Bildbewertung. Mit einigen kritisierten Punkten kann ich gut leben und werde auch versuchen, diese künftig zu berücksichtigen.
    Trotzdem ist dieses Foto für mich kein „unüberlegt aus der Hüfte geschossener Schnappschuss“, sondern ich habe mir schon was dabei gedacht. :-)
    So war es mir wichtig, das „Spiegelgebäude“ auch als dreidimensionales Gebilde zu sehen. Dass unten rechts die Ecke fehlt, hat damit zu tun, dass ich hier weder Fußgänger noch Autos mit abgebildet haben wollte. Der Fokus sollte ganz klar auf den Gebäuden liegen. Durch den Blickwinkel taucht im Hintergrund ein drittes, wieder ganz anderes Gebäude auf, was die Architekturvielfalt m.E. hier unterstreicht.
    Die Fassadenkante, die „unbeholfen“ von links ins Bild wächst, habe ich ganz bewusst mit einbezogen. Erstens sollte damit die Tiefe und der Abstand der Gebäude verdeutlicht werden, zweitens wird durch das Zeigen der Ecke des realen Gebäudes und des Spiegelbilds eine Verbindung hergestellt. Vielleicht kann man das aber noch besser lösen?
    Ich versuche immer, bei meinen Fotos so wenig wie möglich nachzubearbeiten und nutze deshalb nur Picasa 3.9 zum Beschneiden, Ausrichten und für Farbeffekte. Auch hier hatte ich lediglich das Foto etwas ausgerichtet: Die rechten vertikalen Gebäudekanten stehen alle im Lot. Alles andere unterliegt dem Gesetz der Zentralperspektive. Dadurch entstanden hier zu viele schräge Linien, was mir auch nicht so gut gefällt. Ich muss zugeben, wenn ich mehr Zeit gehabt hätte, wäre eventuell durch unterschiedliche Standorte ein besseres Ergebnis erzielt worden.
    Sehr beeindruckend finde ich, was du aus meinem Foto mit der Objektivkorrektur gezaubert hast. Super!

    Antworten
    • Peter Sennhauser sagte:

      Hallo Markus – und danke fürs Feedback!
      Ich habe mir schon gedacht, dass ich etwas zu salopp war in der Formulierung – und ich Dir nicht den Hüftschuss hätte unterstellen dürfen. Es war ja in der Tat anzunehmen, dass es Dir um die Räumlichkeit des Gebäudes ging in der Ansicht übers Eck. Ich glaube aber wie gesagt, dass das so nicht funktioniert und Du allenfalls ein paar Schritte zurück und einen grösseren Ausschnitt hättest nehmen können. Was die Nachbearbeitung der Fotos angeht, darf ich Dir diesen Rat von Sofie ans Herz legen?

    • dierk
      dierk sagte:

      Markus,
      Mich stört an dem Bild sehr, dass es nach rechts kippt, das Hochhaus in der Mitte sollte schon senkrecht stehen (wenn man das Bild nicht vollkommen aus der Senkrechten kippen lassen will). Weiter ist der rechte Teil zu sehr überbelichtet, es ist nur eine helle verwaschene Struktur zu sehen und der Himmel ist nur noch weiß.

      Das von Peter daraus gemachte Bild zeigt, was aus diesem Motiv zu machen ist!

      „Ich versuche immer, bei meinen Fotos so wenig wie möglich nachzubearbeiten“
      Das Argument kommt leider häufig. Ein Bild wird aber nicht dadurch besser oder besonders, nur weil es nicht bearbeitet wurde. Wenn man sich schon die Mühe macht, ein Bild zu machen und es zu zeigen, sollte man sich auch die Mühe machen, es so gut wie möglich zu bearbeiten. Siehe den Artikel von Sofie!

    • Peter Sennhauser sagte:

      Stimmt, der hätte eine Korrekturschleife gebraucht. Ich anerkenne Deinen Zitatwitz, halte aber ein Stossgebet für etwas übertrieben.

Trackbacks & Pingbacks

  1. […] ganze Plakatwand räumlicher werden lassen. Hier ist ein ähnliches Paradox im Zentrum wie bei der Spiegel-Fassade, die wir kürzlich diskutiert haben: Dir stellt sich vor Ort die Frage, ob die Räumlichkeit in der Aufnahme das Motiv betont und […]

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