Miniatur:
Struktur statt Effekt

Reis-Terrassen, Weinberge, Ackerfurchen: Kulturlandschaften geben bisweilen grossartige Motive ab. Warum dazu noch einen technischen Spezialeffekt anbringen? Hier wäre das absolut nicht nötig.

Weinberg

Der Weinberg Panasonic Lumix DMC-FZ200 1/320s bei Blende 4 mit 13mm Brennweite und ISO 100 © Lukas Braun

Lukas Braun aus Stuttgart schreibt zu diesem Bild: September 2014, Weinberg im Ortenaukreis, bearbeitet mit Miniatureffekt

Faszinierende Fotografie kann auch schlicht auf Farben, Formen oder Strukturen basieren – Dir ist hier eine sehr ansprechende Aufnahme von Weinbergen gelungen. Mir erschliesst sich nicht, warum du darüber noch einen (schlechten) Effekt legen willst.

Wir sehen in dieser Farbaufnahme die grünen Hügel eines Weinbergs, der formatfüllend aus einiger Distanz in die Komposition gestellt wurde. In der Bildmitte erhebt sich nach rechts ein gleichförmiger Hang, der von den Rebreihen in ebenso gleichmässigen Linien in Segmente unterteilt wird. Am rechten oberen Bildrand schlängelt sich als einziger nicht-grüner Bildteil eine Strasse um die Spitze des Hügels. Im Vordergrund der Aufnahme steigt ein Rebberg gegen den Standort des Fotografen an, im Hintergrund sind weitere Hänge des nächsten Tals mit den gleichen Strukturen zu sehen. Ganz am oberen Bildrand ist etwas Dunkleres knapp erkennbar, was ein Waldrand sein könnte. Die Aufnahme entstand offenbar ungefähr zu mittag, was für harten Kontrast in den Linien der Reben sorgt.

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Dies ist eine ausserordentlich gut gelungene Aufnahme:  Der sanfte Anstieg des Hügels im Bildzentrum von links unten nach rechts oben, die Duplizierung des Inhalts im Vorder- und Hintergrund, die leichte Welle der Strasse als Blickfang oben rechts: Eine ausreichend spannende Sammlung an Elementen in einem formatfüllenden Motiv, das auf Strukturen und der Gleichförmigkeit beruht.

Du hast offensichtlich auch eine Tageszeit gewählt für die Aufnahme, die ihr sehr gut ansteht und normalerweise für Fotografie als nicht tauglich gesehen wird, denn harsche Schatten dienen Deinem Motiv hier sehr, indem sie die Linien der Reben zusätzlich betonen.

Ebenfalls nicht gerade typisch für eine Landschaftsfotografie ist die weit offene Blende 4 an Deiner Panasonic Lumix FZ200: Normalerweise würde man die Blende, namentlich bei grellem Tageslicht, eher in einer mittleren Stellung verwenden und damit dafür sorgen, dass das Bild durchgehend scharf ist.

Damit sind wir beim Thema: Du hast versucht, einen Fake-Tilt/Shift-Effekt anzuwenden, der die Schärfentiefe dermassen stark reduziert, dass (für Betrachter alter Schule) der Eindruck einer Miniaturlandschaft entsteht.

Schlechtes Fake Tilt/Shift

Die roten Bereiche dürften in einem gut gemachten Fake Tilt/Shift Bild nicht unscharf sein.

Ich schreibe, „versucht“, denn der Filter, den Du hier angewandt hast, genügt nicht, um den gewünschten Effekt zu erzielen: er schafft es nicht, den Schärfeneffekt auf die abgebildeten Tiefen in der Landschaft zu differenzieren. Weil oben rechts und unten links Teile im Bild unscharf sind, die in der gleichen Distanz liegen wie das Hauptmotiv, verpufft die Wirkung, sobald man genauer hinsieht.

Letztlich sind einfach ein Streifen am oberen und ein Streifen am unteren Bildrand unscharf. Das ist kein Miniatureffekt.

Vor allem aber ist der total unnötig, ja kontraproduktiv. Einmal mehr haben wir hier den Fall, dass dem Fotografen offenbar ein sehr gutes Motiv nach längerer Beschäftigung nicht mehr genügt und er sich deswegen genötigt sieht, mit einem Effekt nachzuhelfen.

Das einzige, was ich hier allenfalls in Lightroom angepasst hätte: Ich hätte den angedeuteten Waldrand oben links aus dem Bild geklont oder es minimal beschnitten.

11 Antworten
  1. Jens Rusch says:

    Danke für die ausführliche Besprechung, die auch für mich sehr informativ war. Mir gefällt das Bild insgesamt gut, aber ich würde die Ecke mit dem Waldrand auch lieber verschwinden lassen. Dann kämen die reizvollen Strukturen noch mehr zur Geltung und das Auge würde nicht nach oben links abgelenkt werden. Interessant finde ich auch den räumlichen Effekt. Bei längerem Hinsehen stellt sich bei mir das Gefühl ein, „hinter“ den Hügel vorn rechts sehen zu wollen.

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  2. Jörg Oertel says:

    Das Foto ist ja jetzt schon etwas älter, aber ich kann die Kritik nicht an einem sachlich falschen Punkt nicht so stehen lassen. Wenn man ein Tilt-Objektiv verwendet, liegt eben die Schärfeebene nicht mehr parallel zum Sensor. Wenn ich mit perfekt ausgerichteter Kamera eine gerade Wand fotografiere, ist sie überall scharf, weil sie, parallel zum Sensor, überall in der Schärfeebene liegt. Tilte ich das Objektiv, verläuft die Schärfeebene schräg durch die Mauer, sie ist also nur noch in der Mitte scharf, oben und unten aber zunehmend unscharf. Der Kritikpunkt „Weil oben rechts und unten links Teile im Bild unscharf sind, die in der gleichen Distanz liegen wie das Hauptmotiv…“ ist also sachlich falsch, weil genau das bei der Verwendung eines echten Tilt-Objektivs eben genau so passieren würde. Was den Fake-Effekt so falsch macht, ist, dass die Unschärfe undifferenziert am oberen und unteren Bildrand appliziert wird, ohne sich um Distanzen zu kümmern. Wenn die Schärfeeben wirklich so eng wäre, wie uns der Effekt glauben machen will, müsste der weiter im Hintergrund liegende Weinberg links in der Bildmitte viel unschärfer sein, tatsächlich zeigt er aber nur die optisch bedingte Unschärfe.

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  3. Dietrich Kunze
    Dietrich Kunze says:

    Ich halte es für eine sehr gute Besprechung und Peter macht auch anschaulich,
    warum der hineingearbeitete Effekt im Bild selber verrät, dass er optisch
    gar nicht möglich ist.
    Das unbearbeitete Bild zum Vergleich könnte mir gut gefallen, weil dann
    die v.a. graphische Bildkomposition im Vordergrund stünde.
    Was man hier im Bild von der Graphik schon sehen kann, finde ich sehr ansprechend.

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  4. Tilman says:

    Gute Besprechung, Peter, die wieder einmal unterstreicht, dass ein gutes Foto eher bei Aufnahme entsteht als beim Entwickeln. Wie viele Bilder werden durch Bearbeitung verhunzt (HDR), einige allerdings auch bereits bei der Aufnahme (Langzeitbelichtung). Muss ich mir auch immer wieder sagen… LOL Eine gute Methode ist, sich das Bild intensiv vor und nach der Entwicklung anzugucken, ruhig einige Tage später, und sich zu fragen : hat das Bild wirklich durch die Bearbeitung gewonnen, und warum. Freundliche Grüße, Tilman

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    • Richard says:

      @Tilman – „…dass ein gutes Foto eher bei Aufnahme entsteht als beim Entwickeln…“

      Ich kann das nicht bestätigen. Ich habe viele VORHER/NACHHER Fotos gesehen und aus guten Fotos wurden sehr gute. Es muss nicht die Regel sein aber …
      ;)

    • Tilman says:

      @Richard Ja, ich bearbeite auch all meine Fotos. Aber oft auch zu viel… so dass ich sie nach langer Arbeit einfach lösche ☺☺☺ Dabei habe ich festgestellt, dass meine besten Fotos meistens diejenigen sind, an denen ich fast gar nichts herumdoktern muss. Und viele Fehler, die ich beim Entwickeln sehe, lassen sich bereits bei der Aufnahme vermeiden. Mit freundlichen Grüßen, Tilman

    • dierk
      dierk says:

      Tilman,
      „….ein gutes Foto eher bei Aufnahme entsteht als beim Entwickeln.“

      dem muss ich heftig widersprechen!

      Für mich ist das Foto aus der Kamera reines RAW-Material, dass erst entwickelt werden muss. Darunter verstehe ich nicht die Umsetzung der Daten aus der Kamera in ein sichtbares Bild mit default Einstellungen, sondern das, was z.B. Ansel Adams in seinen Büchern beschrieben hat. Also selbst bei dem klassischen Analogbild ist neben der Chemie ganz besonders die weitere Bearbeitung maßgeblich. Dazu gehört neben Papiergradation, Kontrasten, Aufhellen und Abwedeln auch die Auswahl des richtigen Bildausschnittes. Dazu kommen in der digitalen Bearbeitung noch endlos mehr Möglichkeiten, die leider dann auch in der überzogenen Anwendung von z.B. Filtern oder wie hier einem vollkommen unpassenden Schärfeverlauf.

      Die richtige Anwendung von HDR „verhunzt“ kein Bild, sondern ergänzt die technischen Einschränkungen der Dynamik des Sensors in idealer Weise. Die meistens gezeigten quietschbunten Bilder unter dem Label HDR haben mit HDR nichts zu tun.

      VG
      dierk

    • Tilman says:

      Dierk, es nicht „die technischen Einschränkungen der Dynamik des Sensors“, was Probleme bereitet. Die haben inzwischen 14/16 Bits, oder Technologien wie EXR. Es ist viel mehr die Darstellung der Dynamik auf dem Bildschirm, warum HDR benötigt wird. Über den Rest kann man streiten.

  5. Lukas Braun says:

    Hallo Peter,
    vielen Dank für die Kritik! Jetzt im Nachhinein würde ich den Effekt auch weglassen und stattdessen den Waldrand entfernen.

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    • fherb says:

      Hallo Lukas und Tilman,

      Was die Bearbeitung an geht, bin ich auch voll auf Peters Seite.

      Ich selbst „male“ sehr ungern in meinen Bildern herum. Aber schon bevor ich Peters Kritik gelesen habe, war das meine erste Idee. Beschnitten wie auch andere Perspektive bei der Aufnahme würde nicht reichen, um den Dunkelspalt oben links weg zu bekommen.

      Zu Blende und Belichtungszeit hätte ich nichts zu meckern, wenn das Objektiv die volle Schärfe bringen sollte. Denn aus der Hand fotografiert muss man bei hochauflösenden Bildern immer zwischen der eigenen Zittrigkeit und der Abbildungsgenauigkeit des Objektives abwägen.

      Der verwendete Miniatureneffekt stört aber wirklich gewaltig. Allerdings, dass muss ich bei mir selbst gerade bemerken, zieht er das Auge im ersten Moment tatsächlich an. Um die Quelle des Ungewöhnlichen zu untersuchen. Würde das Bild in einem rein werbenden Kontext stehen, zum Beispiel, um einen Leser auf einen Artikel zu lenken, wäre diese an sich sinnlose Verfremdung zielführend. Aber eben nur, wenn nicht das Bild das Ziel ist, sondern nur der Aufmerksamkeitssteuerung dienen würde. – Da das von Lukas nicht so gedacht war: Weg damit und noch mal entwickeln und etwas stempeln!

      Viele Grüße

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