Fotos lesen: Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte

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    Richard sagte:

    Playboy Günter Sachs hat sich für einen Kunstmäzen gehalten. Er war auch einer. Irgendwo wurde er auf den (zur Zeit unbekannten) Andy Warhol aufmerksam. Er hat ihm eine Ausstellung organisiert und Leute eingeladen. Es war ein Eklat, es war peinlich, weil sich keiner für Warhols Arbeiten interessiert hat, es wurde nicht mal ein Werk verkauft. Um die Blamage zu vertuschen, hat Sachs selbst alles gekauft. In diesem Moment waren die Werke das 10 oder sogar 100-fache wert. Egal ob die wirklich gut waren, egal was da drauf war, egal war alles, die Werke hat doch Sachs selbst gekauft also es muss was dran sein. So entsteht sog. „große Kunst“. Es muss (ohne geht absolut nichts) einen Förderer, einen Sponsor geben. Wenn er gut genug ist, dann verkauft er auch beliebige Sch…

    Mit anderen Worten, ein Mann entscheidet was sog. Kunst ist und was nicht. Ob ein Bild mehr als 1000 Worte sagt, spielt keine Rolle. Ob ein Bild Zufallsprodukt oder mühsam ausgearbeitetes Werk ist, ist unwichtig. Oft, zu oft, schaffen ganz nach oben Werke, die das nicht verdient haben aber dafür irgendjemand verdient hat. Und darum geht es, um Geld.

    Was will ich mit allen den Beispielen (auch Picasso und Beltracchi) sagen? Also, das Leben selbst zeigt uns ziemlich nüchtern „wie der Hase läuft“. Die „geistliche“ Seite „was möchte uns der Autor sagen?“, in die man sich so oft und gerne hineinversetzt kann dann nur lächerlich erscheinen. Manche wenige nutzen die Naivität von den meisten und „interpretieren“, „auslegen“ und „deuten“ irgendwelche Märchen …

    Und die Welt ist so wie sie ist.
    Ich kann nichts dafür.

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      Peter Sennhauser sagte:

      Du meinst den Kunstmarkt und redest von Kunst. Der erste könnte ohne die zweite nicht existieren, umgekehrt aber schon. Vielleicht war Warhol ein genialer Betrüger, vielleicht war er ein Langzeit-Performance-Künstler und sein Rohstoff war der Kunstmarkt und dessen Protagonisten – ist das wichtig? Hauptsache, er bringt Dich zum Nachdenken. Die „Aussage“ darfst Du gerne selber machen. Die „Kunst“ steckt nicht so sehr im Objekt als in der Vielzahl an Geschichten, die es generiert (wenn es sie generiert). Wenn es keine generiert, ist es wahrscheinlich keine Kunst und kann weg.

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      Frank sagte:

      Tolle Antwort, Peter! Danke, dass Du es so klar gemacht hast: das Bedürfnis nach Kunst in unseren Leben wird nie vom Kunstmarkt berührt …

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    Richard sagte:

    Bild ist nicht gleich Bild.

    Fotografie hat im Allgemeinen, meiner Meinung nach, verschiedene Zwecke zu erfüllen – sie soll bestimmte Momente festhalten (Reportage, Presse, Dokumentation …), sie soll durch Bild informieren und lehren (Sachbücher, Enzyklopädie, Lexikons …), sie soll erinnern (Familienfotos in Familienalben …) und erst am Ende kommt die Kunstfotografie, also das, was man darunter versteht oder auch nicht versteht.

    Dabei gibt es Macro, Portrait, Presse (Dokument), Stillleben, Produkt, Erinnerung … Die Fotos (Bilder) sind größtenteils nicht vergleichbar. Man hat, im Laufe der Geschichte, festgestellt, dass bestimmte Merkmale besonders in einem Bild wirken. Erstmal in der Architektur dann in der Malerei hat man verschiedene Techniken benutzt, um diese Effekte (Wirkung) zu erreichen. Mit der Entstehung der Fotografie hat man sie übernommen.

    Zum Beispiel:

    „die meisten leute versuchen zu viel in ihre bilder zu integrieren. wenn ihr ein kind fotografieren wollt, dass auf der wiese spielt, dann fotografiert das kind und nicht die bäume, das haus und alles andere rundherum. fotografie ist eine einfache aussage und je klarer desto besser.“ (eliot elisofon)

    Hier ist die Rede von der Komposition, von der Gestaltung, von der Perspektive, vom Spiel Schärfe/Unschärfe … Man hat bemerkt, dass ein Kind anders wirkt wenn es auf Augenhöhe fotografiert wird, anders wenn der Körper seitlich gezeigt wird, wenn der Kopf leicht nach vorne gekippt ist und anders wenn die Kleidung unauffällig ist. Solche „Tricks“ (Methoden, Techniken, Vorgehensweise …) gibt es viele. Alle sind greifbar, nachvollziehbar und so zu sagen real und zusammen mit dem Motiv bilden ein Bild.

    Das war aber manchen zu wenig. Sie wollten, dass man (der Betrachter) sich mehr anstrengt und ähnlich wie beim Lesen seine Fantasie (Fiktion, Utopie …) benutzt und zwar ohne Grenzen. Dabei kommt manchmal zum Irrsinn (meiner Meinung nach), was der Physiker Donald W. Olson bewiesen hat. Er behauptet zu wissen, dass Edvard Munch beim Malen vom Vulkanausbruch auf Insel Krakatau inspirriert war und in mehrseitigem Bericht … Ein bekannter Zahnarzt hat wiederum eine Arbeit geschrieben, dass das angebliche Lächeln bei Mona Lisa auf fehlende Frontzähne (!) zuzuführen ist. Solche „Thesen” werden in den Medien laut, man liest davon und denkt, dass man im Bild mit Pilzen unbedingt auch Zwerge sehen muss, die Leben doch im Wald, oder?

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      Frank sagte:

      Richard,

      Du zitierst : Zum Beispiel:

      „die meisten leute versuchen zu viel in ihre bilder zu integrieren. wenn ihr ein kind fotografieren wollt, das auf der wiese spielt, dann fotografiert das kind und nicht die bäume, das haus und alles andere rundherum. fotografie ist eine einfache aussage und je klarer desto besser.“ (eliot elisofon) ‚

      Das Fazit ist dann: „fotografie ist eine einfache aussage und je klarer desto besser.“ Klingt gut, ’nicht die Bäume, nicht die Wiese, nicht alles drumherum.‘ Toll für Anfänger. Aber warum nicht richtig? Was, wenn man das reine Chaos sieht. Darf man dann knipsen? Oder ist die Umgebung immer falsch mitaufzunehmen?

      Ich glaube der Teufel steckt hauptsächlich in all den Regeln, die Du aus der Geschichte aufzählst, die aber unsere Sehenskraft beschneiden (wollen) und nur Regel konforme Bilder erlauben; sonst ist es halt knipsen …, so habe ich es hier von Dir und anderen so oft gehört. Immer alles akademisch sauber aufgebaut und fotografiert, halt nicht das Chaos geknipst.

      Sieht man sich Bild aus Afrika (von lokalen Fotographen) an, oder aus Asien oder Kuba oder … oder, so hat jede Region ihren eigenen Kanon, was Fotografie ist und was aufgenommen wird. Und was dort wunderbar ist, geht oft gegen den Europäischen Strich, ist eben falsch. Afrikanische Kleidung und Muster sind halt ‚untragbar‘ in Europa, nicht wahr? Sind aber doch auch Menschen, die leben, bluten und weinen wie wir, aber eben andere Regeln kennen. Na so etwas! Patz, nicht alles ist eben pan-deutsch im Geschmack, in der Kultur, nicht weiss, nicht Renger-Patzsch, nicht artig.

      Es gibt halt noch viele andere lebendige Möglichkeiten mit einer Kamera umzugehen als nur Regeln abzuarbeiten. Kunst lebt, dehnt unsere Horizonte. Eliot ist ein Beschneider.

      Erstes Bild: ein misslungenes Bild, halt nur geknipst; Aussage = 0, in den Müll!

      2tes Bild: totales Chaos, beschneide das Bild! 2 Kartonecken sind fast schon zu viel, bitte. Einfacher, bitte. Fotografie ist nur für einfache Bilder von Wert und Nutzen (Eliot, paraphrasiert)

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      Richard sagte:

      Wir liegen nicht auf gleicher Welle, Frank.

      Du sollst wissen, dass ich großer Verfechter von folgendem Spruch bin: „Die Regeln sind da, um sie zu brechen“. Aber … gekonnt, bewusst (!), nachvollziehbar, mit einem Ziel, mit Verbesserung …

      Zweitens, eliot hat auch geschrieben: „wenn ihr ein kind fotografieren wollt“. Dann fotografiere das Kind. Wenn Du Chaos fotografieren willst, dann fotografiere Chaos. Das hat er gemeint.

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    Richard sagte:

    Für alle, die nach höheren Werten suchen, für die, die Geschichte nur zählt, für die, die Experten brauchen, für die, die unbedingt immer alles interpretieren müssen, für die, die Bilder als Bücher sehen, für die, die prosaischen Elementen höhere Bedeutung vergeben, für die …

    … für die empfehle ich das Leben von Wolfgang Beltracchi.

    Es gibt einen Film, es gibt unzählige TV-Sendungen und viele Presseartikel. Sein Leben zeigt wie die sog. Kunstszene funktioniert, was sind sog. Kunstwerke wert, was Bilder so angeblich erzählen können, was wirklich zählt … Nach vorher zitiertem Picasso, ein weiteres lebendiges Beispiel. Heute schon als Legende gefeiert. Nicht von allen.

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    oli sagte:

    „Man kann nicht nicht kommunizieren“. (Paul Watzlawick)
    Also spricht ein Bild immer. Die Frage ist: Höre ich auch zu?
    Will ich die Meta-Ebene lesen?
    Wem sich Hesse/Mann/Tucholzky/etc. inhaltlich nicht erschließt, der kann immerhin die Kommafehler suchen&finden.
    Ähnlich kann der Betrachter eines Bildes/Fotografie den um 0,5° geneigten Horizont finden und kritisieren.
    Die Formale (Bild-)Sprache ist am Ende immer „verbindend“.

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    Richard sagte:

    Ich fange mit einem Zitat an.
    Von Picasso.

    „Seit die Kunst nicht mehr die Nahrung der Besten ist, kann der Künstler seine Talente für alle Wandlungen und Launen seiner Phantasie verwenden. Alle Wege stehen einem intellektuellen Scharlatanismus offen. Das Volk findet in der Kunst weder Trost noch Erhebung. Aber die Raffinierten, die Reichen, die Nichtstuer und die Effekthascher suchen in ihr Neuheit, Seltsamkeit, Originalität, Verstiegenheit und Anstößigkeit. Seit dem Kubismus, ja schon früher, habe ich selbst alle diese Kritiker mit zahllosen Scherzen zufrieden gestellt, die mir einfielen und die sie um so mehr bewunderten, je weniger sie ihnen verständlich waren. Durch diese Spielereien, diese Rätsel und Arabesken habe ich mich schnell berühmt gemacht. Und der Ruhm bedeutet für den Künstler: Verkauf, Vermögen, Reichtum. Ich bin heute nicht nur berühmt, sondern auch reich. Wenn ich aber allein mit mir bin, kann ich mich nicht als Künstler betrachten im großen Sinne des Wortes. Große Maler waren Giotto, Tizian, Rembrandt und Goya. Ich bin nur ein Spaßmacher, der seine Zeit verstanden hat und alles, was er konnte, herausgeholt hat aus der Dummheit, der Lüsternheit und Eitelkeit seiner Zeitgenossen.“

    Man kann reinfallen (reinfallen – das richtiges Wort) und irgendwelcher Blödsinn als Wahrheit (hier meine ich die Hilfe von sog. „Experten“) nehmen und dann „Wow!“ schreien als hätte man gerade Erleuchtung erlebt.

    Was ich sehe das sehe ich. Die Märchen, die mir irgendjemand erzählt, müssen nicht stimmen, müssen nicht der Wahrheit entsprechen, können zu diesem Zweck (den Betrachter „bezaubern“ oder einfach vera…) erfunden werden …

    Ich glaube, es ist Skepsis angebracht, man kann, behaupte ich einfach, auch im Kunstbereich rational denken, man soll und kann mit gesundem Menschenverstand dran gehen. Es ist doch nicht alles Gold nur, weil jemand das gesagt hat.

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    Frank sagte:

    Lieber Darius,

    du hast mir meine Arbeit abgenommen. So gut hätte ich mein Anliegen, damals vor einem Monat zum „guten Bild“, nicht beschreiben können. Besten Dank!

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  1. […] Aber der Reihe nach denn an dieser Stelle findet nun eine Umwertung aller Werte durch die herrschende fotografische Klasse statt. Denn es geht ja um viel Geld, weil Fotos als Fotokunst Verkaufsobjekte und Investitionsobjekte sind. […]

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