Bahnsteig: Die Pendlerbühne

Überall, wo Menschen ankommen und weggehen, bieten sich unzählige spannende Fotomotive. Vielfach steht die Architektur im Zentrum. Dabei bieten die Menschen faszinierende Gruppenmotive.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Remo Rufer).

Kommentar des Fotografen:

Aufgenommen an einem Abend im Bahnhof Bern. Fotografisch gesehen interessieren mich Bahnhöfe sehr. Zum einen die Architektur, zum anderen die Menschen die kommen und gehen. Mit diesem Foto wollte ich eine Stimmung einfangen wie sie wohl jeder Pendler nach einem gewöhnlichen Arbeitstages antreffen könnte.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Remo Rufer:

Ich gebe zu, ich bin vorbelastet: Nicht nur, weil ich selber Jahre lang nach Bern gependelt bin und den (fotografisch und sonstwie schwierigen) Bahnhof sehr gut kenne, sondern auch die Stimmung auf den Perrons und in den Pendlerzügen: Diese Herde von Menschen, die sich täglich begegnen und in der dennoch alle anonym zu bleiben versuchen.

Das, finde ich, bringt Dein Bild wunderschön zum Ausdruck:

Die Pendler stehen auf ihrer täglichen Bühne in perfekter Nicht-Beziehung – trotz Bewegungsunschärfe scheint alles im Moment eingefroren, selbst der einfahrende Zug scheint nur Kulisse zu sein, und als Betrachter warte ich darauf, dass eine der schemenhaften Figuren nach vorne an den Bühnenrand tritt und zu einem bedeutungsschweren Monolog über Einsamkeit und Mobilität anhebt.

Dabei bietet die Aufnahme eigentlich überhaupt nichts spannendes: Ein paar Leute warten stumm und ohne Verbindung auf den Zug, der sie nach Hause bringt. Ich habe mich lange gefragt, was ihren versteckten Zauber ausmacht – und bin zum Schluss gekommen, dass er in der ungewohnten Mischung aus Bewegung und totalem Stillstand, Licht und Dunkel, Tiefenschärfe und Schemenhaftigkeit besteht.

Als erstes wäre dabei das Licht zu nennen. Es geht scheinbar ausschliesslich von der doppelten Anzeigetafel und der Bahnhofsuhr aus, die wie ein Götzensymbol über der Monstranz trohnt. Vor allem aber hast Du zweifellos an der Kameramessung vorbei die richtige Belichtung gewählt: Sie widerspiegelt die den langen Bahnsteigen eigene Abwechslung von hellen und absolut unbeleuchteten Strecken (was die Kamera ohne Korrektur garantiert überbelichtet und damit die stockdunklen Ecken vernichtet hätte).

Dies gibt der Szenerie eine ungewohnte und beschränkte Tiefe. Und obwohl es eigentlich kaum etwas zu entdecken gibt, wandert unser Blick in den verschiedenen Stufen herum und sucht nach einem Zusammenhang zwischen den Reisenden, den es scheinbar nicht gibt. Selbst die Wartenden, deren Zug gerade einfährt, scheinen nichts miteinander zu tun zu haben.

Damit sind wir beim zweiten Element – den isolierten und über den ganzen Bühnenraum und in alle Schärfen-und Tiefenebenen verteilten Protagonisten dieses Theaterstücks. Eigentlich sind sie alle aus dem gleichen Grund hier, und dennoch scheinen keine zwei sich auch nur zu ähneln: Der scharfumrissene Mann vorne rechts hebt sich ebenso von der beleuchteten Gruppe hinten bei der Treppe ab wie diese von den vorbeieilenden Gestalten am linken Perronrand. Dabei bilden sie alle eben doch eine Einheit, die sich von der technisch- unfreundlichen Umgebung abheben.

Insgesamt funktioniert das Bild, allerdings nur, weil die Komposition der Menschen den Raum geradezu perfekt einteilt – auch das eine typische Erscheinung auf einem Bahnsteig: Menschen haben die Tendenz, sich entweder klar zu gruppieren oder in ebenso klaren Abständen den Raum zu füllen. Das hast Du Dir hier gut zunutze gemacht. Man stelle sich das Bild nur einmal ohne die Gestalten im rechten Vordergrund vor: Die Blickführung – oder in diesem Fall die Sammlung an Ankerpunkten im abgebildeten Raum – ginge fast vollständig verloren.

Ob Du das nun so gewollt hast oder ob es aus einer Serie von Bahnsteig-Aufnahmen so herausgekommen ist, macht für das eine Bild keinen grossen Unterschied. Ich selber würde allerdings, wie ich schon mehrfach gesagt habe, der Sache auf den Grund gehen: Ich könnte mir vorstellen, dass ein Projekt „Bahnpendler“ eine reizvolle fotografische Aufgabe wäre, bei der sich bald Systeme und Gesetze der Gruppen- und Einzeldynamik der Gattung Zugfahrer bildlich erschliessen liesse.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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