Darmstädter Tage der Fotografie: Die erzählte Zeit

„Jetzt – Die erzählte Zeit“ – so lautet das Thema der Darmstädter Tage der Fotografie 2010. Das internationale Festival zählt inzwischen zu den wichtigsten deutschen Fotoereignissen und findet diesmal von 23. bis 25. April statt.

Kyungwoo Chun: BreaThings Nr. 6 aus der Serie BreaThings

Zeit als zentraler Begriff in der Fotografie umfasst den technischen Aspekt genauso wie die Einbindung der Zeit in die Aussage des Bildes. In Darmstadt wird das Thema zum einen in den Fotoausstellungen behandelt. Zum Anderen werden beim Symposium die verschiedenen Perspektiven von Fotografen, Wissenschaftlern oder Philosophen dazu vorgestellt.

Der Zeitbegriff erstreckt sich über alle fotografischen Genres.

[textad]Das Nachdenken über den Begriff der Zeit bietet viele Ansatzpunkte:

Zeit ist ewig, vorbei, latent, eine Momentaufnahme, ein Projekt, der Schnappschuss, eine Sequenz, Zeit ist biografisch, Prosa, Mode, Zwischenzeit – jetzt ist irgendwie immer.

KayLynn Deveney: FARSUN aus der Serie The Day-to-Day Life of Albert Hastings

Die Ausstellungen

Jetzt – die Hauptausstellung dazu ist im Darmstädter Designhaus zu sehen (Eugen-Bracht-Weg 6, D-64287 Darmstadt). Folgende Fotografinnen und Fotografen werden ausgestellt:

Mathieu Bernard-Reymond – Intervalles
Sophie Calle – Autobiographien
Kyungwoo Chun – BreaThings
KayLynn Deveney – The Day-to-Day Life of Albert Hastings
John Divola – AS Far AS I Could Get
Thekla Ehling – Sommerherz
Izima Kaoru – Landscapes with a Corpse
Georg Knoll – A walk on Berlin Wall
Hans-Christian Schink – 1h
Mona Simon – Erinnerungen an einen geliebten Ort
Waswo X. Waswo – A Studio in Rajasthan
Michael Wesely – Wie Weselys Bilder Zeit haben

Neben dieser Hauptausstellung im Designhaus gibt es ein umfangreiches Rahmenprogramm an zwölf weiteren Orten in der Stadt. Über ein Auswahlverfahren wurden 40 Künstler erwählt, die das Spektrum noch erweitern. Außerdem bietet der Fachbereich Gestaltung der Hochschule Darmstadt eine Ausstellung im Rahmenprogramm.

Die Studierenden aus Darmstadt mit den Professoren Kris Scholz und Michael Kerstgens treten mit ihren Projekten in einen gemeinsamen Dialog mit Studierenden der Fachhochschule Bielefeld und ihren Professoren Emanuel Raab und Roman Bezjak. Diese Ausstellung ist im Foyer der Hochschule zu sehen und bildet den Rahmen für das Symposium, das am 24. April in der Aula des Fachbereiches zu Gast ist.

Thekla Ehling: Mädchen in der Wanne - aus der Serie Sommerherz

Das Symposion

Denn die Darmstädter Fototage sind mehr als eine Fotoausstellung: Das begleitende Symposium fördert den Dialog zwischen Künstlern, Referenten, Besuchern. Folgende Vorträge sind vorgesehen:

Mona Breede, Fotografin – Faszination Kindheit – Sechs Positionen in der zeitgenössischen Fotografie
Michael Wesely, Fotograf – Wie Weselys Bilder Zeit haben
Mario Lombardo, Designer und Magazinmacher – Signale und Gesten
Chris Boot, Verleger – Georgian Spring: Kunstprojekt oder Propaganda?
Dr. Andreas Gelhard, Philosoph – Zeithof
Herlinde Koelbl, Fotografin – Zeit und Raum – Langzeit-Porträts
Kyungwoo Chun, Künstler – Die Farben der Zeit

Für zwei Workshops – Fundraising für FotografInnen sowie Projektmanagement für FotografInnen ist Anmeldeschluss am 9. und 16. April. Referentinnen sind die Fotografinnen Katharina Mouratidi und Eva Leitolf.
Weitere Details zum gesamten Festivalprogramm und die Anmeldung zum Symposium gibt’s auf der Website der Darmstädter Tage der Fotografie. Die Tageskarte kostet zehn Euro.

Mona Simon: Traditional Transylvanian Gypsy - aus der Serie Erinnerungen an einen geliebten Ort

Der Merck-Preis

Zum dritten Mal wird unter den Ausstellern des Rahmenprogrammes der Merck-Preis der Darmstädter Tage der Fotografie vergeben. Aus 480 Einsendungen hat die Jury für das Rahmenprogramm 40 Arbeiten ausgewählt. Die Jury bestand aus den Initiatoren und Vorsitzenden der Darmstädter Tage der Fotografie, Alexandra Lechner, Albrecht Haag, Gregor Schuster und Rüdiger Dunker sowie der Kuratorin Ute Noll von on-photography.com und Professor Kris Scholz von der Hochschule Darmstadt.

Drei Fotokünstler wurden für den mit 5.000 Euro dotierten Merck-Preis nominiert. Erst am Eröffnungstag 23. April wird der endgültige Preisträger ermittelt und am Abend geehrt. Die Nominierten 2010 sind:

Dirk Brömmel, Wiesbaden (D), “Villa Tugendhat”:
Dirk Brömmel versucht in seiner Serie aus “Sandwichmontagen“ das vergangene Privatleben der jüdischen Familie Tugendhat zu rekonstruieren. Der berühmte Architekt Mies van der Rohe errichtete für diese bedeutenden Textilfabrikanten in Brünn/Tschechische Republik die Villa Tugendhat. Ein Jahrzehnt später emigrierte die Familie 1938 aufgrund des Nationalsozialismus in Deutschland. Mit Hilfe eines elektronischen Verfahrens fügt Brömmel eigens gefertigte Aufnahmen der Villa aus jüngster Vergangenheit mit alten Fotos aus Alben der Familie Tugendhat zusammen. Er schafft damit Bilder von emotionaler Authentizität.

Lea Golda Holterman, Tel Aviv (Israel), “Orthodox eros”:
Lea Golda Holterman beschäftigt sich in ihrer Arbeit fotografisch mit dem gesellschaftlichen Image orthodoxer, jüdischer Männer im Hinblick auf Sinnlichkeit und Eros. Die Porträts provozieren mit verführerischen Darstellungen, welche durch eine Mischung aus Dokumentation und inszenierter Fotografie resultieren. Durch den Einsatz bestimmter bildnerischer Stilmittel und symbolischer Attribute spannt die Fotografin inhaltlich und visuell einen weiten Bogen, der von der Kunstgeschichte über die Theorie der modernen Fotografie bis hin zu traditioneller jüdischer Philosophie viele interessante Ansätze bietet.

Waswo X. Waswo: The Romeo - aus der Serie A Studio in RajasthanAlia Malley, Los Angeles (USA), “Southland”:
Alia Malley untersucht in ihrer Serie urbane Orte, die in jüngerer Vergangenheit verlassen wurden. Die Fotografien dokumentieren brachliegende Landschaften, die durch eine temporäre Zweckentfremdung ihre geografische Identität verloren haben. Durch diesen Übergangszustand, in dem sie zu “schweben“ scheinen, sind sie Relikte vergangener Zeit. Das anmutige und faszinierende Wesen der wilden Natur wird sichtbar. Durch die inhaltliche Inszenierung im Stil historischer und traditioneller Landschaftsmalerei und den bildnerischen Einsatz modernster Fotografietechnik verleiht die Fotografin ihrer Arbeit einen spannungsvollen Charakter, in dem sich die Grenze zwischen Vergangenheit und Zukunft auflösen möchte.

Jetzt – Die erzählte Zeit
Darmstädter Tage der Fotografie vom 23. bis 25. April 2010
Veranstalter Förderverein Darmstädter Tage der Fotografie
Alle Einzelheiten zu Ausstellungen und Rahmenprogramm auf der Website

Darmstädter Tage der Fotografie

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