Kai Wiedenhöfer: Mauern sind keine Lösung

Eine Mauer – das hatten wir in Deutschland schon mal. Der Fotograf Kai Wiedenhöfer dokumentiert eine neue: die zwischen Israel und den Palästinensergebieten. Ausgerechnet in Berlin stößt sein Mauer-auf-Mauer-Projekt auf Kritik.

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Kai Wiedenhöfer: Wall – Steidl-Verlag, 2007

Mit der aktuellen Blockade des Gaza-Streifens erreichte der Dauer-Konflikt in Nahen Osten neuerlich einen unrühmlichen Höhepunkt. Die Grenzanlagen in Richtung Ägypten wurden gar gesprengt – einziger Ausweg derzeit für die Gaza-Bewohner, an Güter der Grundversorgung zu kommen. Zwischen 2003 und 2006 fotografierte Kai Wiedenhöfer die israelische Abgrenzung zu den Palästinensern, eine neue Mauer – „the Wall“. Im Göttinger Steidl-Verlag erschien 2007 der Bildband „Wall“ – trotz deutschen Ursprungs bisher nur in englischer Sprache erhältlich. Probleme hat Wiedenhöfer – World Press Photo-Preisträger im Jahr 2002 – in seiner Wahlheimat Berlin, wegen der alten und dieser neuen Mauer.

Vielleicht muss es ein deutscher Fotojournalist sein, der sich so intensiv mit dem Nahost-Konflikt beschäftigt. Kai Wiedenhöfer, geboren 1966 im baden-württembergischen Villingen-Schwenningen, reiste während seines Studiums an der Essener Folkwang-Schule erstmals nach Palästina und in die von Israel besetzten Gebiete. Seitdem ist er ständig dort unterwegs. Sein erster Bildband „Perfect Peace. The Palestinians from Intifada to Intifada“ erschien 2002 ebenfalls im Steidl-Verlag (und gleichfalls in Englisch). Von 2003 bis 2006 kam er alle sechs Monate zur Baustelle der Grenzanlage: Mauern, Zäune und Erdwälle wuchsen in dieser Zeit auf 650 Kilometer Länge an – und Wiedenhöfer hielt diesen Baufortschritt und seine Folgen fest. Die Bilder für das Buch „Wall“ entstanden mit einer Panoramakamera im Negativformat 6×17.

Nun hat er in Berlin ein Projekt damit vor: „Wall on Wall“ heißt es – Mauer auf Mauer. Wiedenhöfer will Bilder der israelisch-palästinensischen Grenzanlagen auf dem längsten Reststück der Berliner Mauer zeigen, der so genannten Eastside-Gallery. 30 großformatige Bilder will er auf einer Länge von 300 Metern dort aufkleben. Die Eastside-Gallery gilt als längste Open-Air-Galerie der Welt, weil das etwa einen Kilometer lange Stück der Mauer von Künstlern bemalt worden ist.

Aber in Berlin gibt es viele Bedenken. Die eine Mauer könne mit der anderen nicht verglichen werden, heißt es aus der Senatsverwaltung. Und die Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus findet, dass Wiedenhöfer zu sehr Partei für die Palästinenser ergreift. Wiedenhöfer sagt, bei aller Unterschiedlichkeit hätten die Mauern eines gemeinsam: Sie können keine Lösung sein. Eine Entscheidung über sein Projekt muss demnächst aber fallen: Das Mauerstück soll im April saniert und für eine neuerliche Bemalung durch Künstler freigegeben werden.

Kai Wiedenhöfer ist übrigens einer der Juroren beim „Internationalen Festival des jungen Fotojournalismus“ im Juni in Hannover. Das Festival haben wir gerade auf fokussiert.com vorgestellt.

Kai Wiedenhöfer: Wall. Steidl-Verlag, Göttingen 2007. 30 Euro Neupreis und günstigere Angebote bei Amazon.

Zum aktuellen Gaza-Konflikt auf Zeit Online ein Tagebuch: „Tote frieren nicht“

Kai Wiedenhöfer bei Wiki

3 Kommentare
  1. irmgardartig
    irmgardartig sagte:

    Wird Kai Wiedenhöfer weiter für sein Projekt kämpfen? Das Berliner Mauerstück als Projektionsfläche für Diskurse nutzen zu wollen, ist ein durchaus legitimes Ansinnen mit Bildern, Stimmen – und Gegenstimmen!

    Antworten

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  1. […] Wiedenhöfer (deutsch) hat seit 1989 seinen Arbeitsschwerpunkt in den Nahen Osten gelegt – wie fokussiert.com bereits berichtete. Obwohl er zu der jüngeren Generation der Fotojournalisten gehört, hat er […]

  2. […] [müsse], der sich so intensiv mit dem Nahost-Konflikt beschäftigt“, stammt von einem Fotoblog, könnte aber genauso gut von der zuständigen Wall-on-Wall-Kuratorin Adrienne Goehler […]

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