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Peter Sennhauser

Kein Fehler: Das Motiv in der Unschärfe

22. August 2016/5 Kommentare/in Bildkritik, Schnappschuss/von Peter Sennhauser

Dass Fotografien als kleine Vorschauen oft ganz anders wirken als in der vollen Auflösung, ist seit dem Siegeszug der Digitalkameras mit ihren Bildschirm-Vorschauen jeder Fotografin klar. Dass der Effekt aber auch in „gross“ sehr reizvoll sein kann, zeigt diese Fotografie.

"Lost in Grass" – Kind im Gras in Botswana. Nikon D90 1/250s bei F/5.6 mit 200mm Brennweite und ISO 400 © Dirk Steffens

„Lost in Grass“ – Kind im Gras in Botswana. Nikon D90 1/250s bei F/5.6 mit 200mm Brennweite und ISO 400 © Dirk Steffens

Dirk Steffens aus Stuttgart schreibt zu diesem Bild: Mein Lieblingsfoto von meiner letzten Botswanareise. Ich war zu Besuch bei einer Gruppe von Locals. Das Kind spielte mit dem Stab, aber wusste schon gut damit umzugehen. Das Foto ist durch das hohe Gras aufgenommen.
Das Foto ist nicht bearbeitet – ich habe noch nicht die perfekte Lösung gefunden. Habt Ihr vielleicht einen Tip?

Wie oft habt Ihr auch schon beim Betrachten einer Vorschau auf dem Kamera-Monitor gedacht „Wow – Volltreffer“ – und zu Hause nach dem Download der RAW-Daten festgestellt, dass die Aufnahme als kleine Vorschau toll wirkt, aber in der vollen Auflösung nicht mehr funktioniert? Typischerweise stellt man dabei fest, dass die Schärfe nicht richtig gesetzt war – und obwohl das nicht der einzige Unterschied in den Bildformaten ist, handelt es sich doch nicht nur um einen typischen Effekt, sondern um einen, der mit der Physik zusammenhängt. 

Schärfe ist relativ. Sie hängt nicht nur mit dem Kontrast, der Anzahl und der klaren Abgrenzung von Bildpunkten zu ihren Nachbarn ab, sondern auch von der Distanz des Betrachters zum Bild. Ein Weltformat-Plakat kann Bildpunkte von der Grösse einer Fingerkuppe haben: Von nahe betrachtet, ist es mehr ein Mosaik als eine Fotografie. Aus 30 Metern Distanz dagegen ist es eine gestochen scharfe Fotografie.

In dieser Farb-Aufnahme sehen wir schemenhaft einen kleinen, dunkelhäutigen Jungen, der in der Mitte des Querformats mit einem Stock vielleicht sein Boot in unsere Richtung vorwärts stakt oder den Stock sonst wie seitlich vom Körper in den Boden steckt. Der gesamte Vordergrund der Aufnahme ist durchzogen von im Gegensatz zum Jungen gestochen scharf abgelichteten Grashalmen, die einen sehr durchsichtigen, aber ebenso flächendeckenden Schleier vor dem Kind bilden.

technisch gesehen würde man wahrscheinlich von einem Fehler bei der Aufnahme ausgehen: Klassisch wäre ein Autofokus, der angesichts der Grashalme nicht auf den Jungen scharf stellen konnte, den Du eigentlich fotografieren wolltest. Abhilfe ist in solchen Situationen wohl nur gerade mit dem Umschalten auf manuellen Fokus möglich. Wenn, wie hier, mit einem langen Teleobjektiv (200mm) und relativ weit geöffneter Blende fotografiert wird, ist die Schärfentiefe zu gering, als dass das eigentliche Motiv noch scharf würde – ich bezweifle, dass eine andere Blende das gross geändert hätte. Das Gras ist wahrscheinlich zu sehr im Vordergrund.

Allerdings ist der „Fehler“ hier zum eigentlichen Pluspunkt des Bildes mutiert.  Denn die Kaschierung des Gesichtszugs des Jungen und all der anderen Details, die seine Tätigkeit, seine Laune etc zeigen würden, macht ihn geheimnisvoll und gibt dem Betrachter etwas zur kreativen Ergänzung. Die Grashalme liefern dazu weitere Bildaussage: Sie liefern eine Aussage zur Lebenswelt des Jungen. Und sie liefern eine feine Struktur, die ebenso spannend anzusehen ist wie das Hauptmotiv, das in der Tiefe leicht verschwimmt.

Die Komposition der Aufnahme ist bezogen auf den Jungen wie zu erwarten sehr zentral, nicht von einem zusätzlichen Einfall wie einer Verschiebung nach links, um ihm Raum zu geben oder einem anderen Ansatz, geprägt. Der Blickwinkel ist aber auf Augenhöhe des Jungen; ich nehme an, Du hast gesessen oder Dich hingekniet für die Aufnahme, und das hat die Grashalme vor den Jungen geschoben.

Ich sehe hier keinen Anlass, das Bild nachzubearbeiten, ich finde es in dieser Art und mit dieser Belichtung (nach Sonnenuntergang) perfekt. Seine Wirkung dürfte es am ehesten in einem recht grossen Raum entfalten, in dem es wiederum in sehr hoher Auflösung und sehr grossem Format gedruckt gehängt wird: Auf Distanz nämlich würde der Junge das eindeutige Hauptmotiv und fast „scharf“ wirken. Beim Näherkommen erst würden sich die gestochenen Grashalme abheben und dem Bild die zweite Ebene verleihen.

Aber ich sehe es auch in einer Serie über deine Gastgeber als ausserordentlich reizvolle Perspektivenänderung, die als Reportage-Element eben etwas über die Lebensumstände (Grasland, Fruchtbarkeit) und die Stimmung aussagen könnte.

Wenn dieses Bild also ein „Fehler“ war, dann ein sehr glücklicher.

Schlagworte: gras, landscape, Monitor, Perspektive, Portrait, Reportage, Schärfe, Schärfentiefe, unschärfe
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https://static.fokussiert.com/20160822072752/201608-DST-Kind-im-Gras-Botsuana-1.jpg 1992 3000 Peter Sennhauser https://static.fokussiert.com/20151121174132/fokussiert-logo-schriftzug-klein-fok-300x62.png Peter Sennhauser2016-08-22 07:28:522016-08-22 10:02:32Kein Fehler: Das Motiv in der Unschärfe
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5 Kommentare
  1. Lehmann Paula
    Lehmann Paula sagte:
    15. Oktober 2016 um 10:39

    Es ist eine Wohltat für das Auge.
    Wie gemalt!
    Sehr ansprechendes Motiv.
    Gut so, wie es ist!

  2. Dietrich Kunze
    Dietrich Kunze sagte:
    24. August 2016 um 14:27

    Ich finde auch, dass das Bild so , wie es ist, stimmt. Es hat Stimmung und bringt sie rüber. Der filigrane Grasvorhang betont sogar den Buben dahinter.
    Da sollte man nicht versuchen, irgendwo die Wirkung noch zu verstärken, das geht meistens auf Kosten des
    Bildes.

  3. Marcus Leusch
    Marcus Leusch sagte:
    22. August 2016 um 20:13

    Gute Besprechung, der ich mich nur anschließen kann. Das Hauptmotiv ist eben nicht bloß der Junge, sondern seine Fortbewegung durch das Gras hindurch. Damit wird für m i c h eine durchaus sprechende Szenerie geöffnet. Ich persönlich würde das Foto wahrscheinlich in Graustufen umsetzen, was den graphischen Effekt, den das Bild zweifellos besitzt, wahrscheinlich noch verstärken müsste. Auch den Gedanken auf einen Zusammenhang mit weiteren Bildern in diesem Kontext (im Rahmen eine Reportage etwa) kann ich nur unterstreichen.

    Merci für die Anregung
    und Grüße in die Runde
    Marcus

    • Stefan Jeschke
      Stefan Jeschke sagte:
      23. August 2016 um 09:58

      Eine Graustufenumsetzung war auch mein Gedanke, habs kurz im Photoshop probiert und bin gescheitert. Habe auch mit nachtraeglicher Teiltonung experimentiert, war auch nicht besser. Die Farben im Originalbild scheinen hier einfach zu viel zur Geschichte/Stimmung beizutragen, in SW geht da zu viel verloren. Einzig eine Aufhellung konnte das Bild (sehr gut) vertragen.
      Fuer mich sieht das Bild auch wie ein Frame aus einem Film aus. Es erzaehlt wunderbar diesen einen Moment, aber man moechte dann auch gern mehr ueber das „drum herum“ erfahren.
      Danke fuers zeigen!
      Stefan

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  1. fokussiert.com | Gewinner-Uploads im August: Eine Gasse und viel Gras sagt:
    16. Oktober 2016 um 18:33 Uhr

    […] eine Verschachtelung zweier Lichtebenen und kaum klar auflösbare Flächen besticht, hat uns das Bild „Lost in Grass“ von Dirk Steffens aus Stuttgart schon vor einiger Zeit fasziniert: Es zeigt einen kleinen Jungen, der mit einem Stab spielt, aber […]

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