Leserbilder in der Profi-Kritik: Schöne Tiefe, versperrter Blick

Gedehnte Zeit und viel Raum im Bild: Diese Kombination macht die Bildkomposition aussergewöhnlich. Die entspannte Haltung des Verkehrslotsen verleiht ihr zusätzliche Anziehungskraft. Leider versperrt der Bus im Hintergrund den Blick in weitere Tiefen.

Rico Grimm: Ruhepol in Shanghai
Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Rico Grimm). – Leider keine Exif-Daten vorhanden

Kommentar des Fotografen:

Aufgenommen habe ich das Bild im Juli 2007 in Shanghai, an einer stark befahrenen Kreuzung, die zusätzlich zu den Ampeln von diesen Verkehrswächtern geregelt wurde. Inmitten des Getöses waren sie der einzige Ruhepol – und das wollte ich festhalten.

Profi Douglas Abuelo meint zum Bild von Rico Grimm:

Ich mag dieses Foto. Es hat Stärken in vielerlei Hinsicht. Die Komposition ist interessant, weil der Verkehrslotse so weit in den Vordergrund ragt, was ihn zum ersten Objekt macht, das unser Auge wahrnimmt.

Danach leiten uns die horizontalen Linien des Zebrastreifens fast durch das ganze Bild bis zum Hintergrund, wo ein zweiter Lotse in ähnlicher Pose steht. Durch die Anordnung der Einzelobjekte zieht das Bild die volle Aufmerksamkeit auf sich, und es hat genug kompositorische Tiefe, um deretwegen sich ein weiterer Blick lohnt.

Aber es ist nicht nur die Komposition, die dieses Foto so interessant macht. Ich habe den Polizisten im Vordergrund genauer angesehen. Mir gefällt seine Haltung, wie er so entspannt wirkt, wobei er wahrscheinlich eine ziemlich stressige Arbeit macht. Der Winkel, in dem sein Gesicht und seine Schultern stehen strahlen eine gewisse Intensität aus. Es macht den Eindruck, als ob er jeden Moment aggressiv in seine Trillerpfeife blasen könnte, weil irgendein Fußgänger geistesabwesend über die Straße läuft. Trotzdem ist er weder genervt noch belästigt, es ist einfach ein Teil seiner Arbeit.

Ich mag auch, dass seine Augen hinter seiner Kappe versteckt sind, was etwas geheimnisvolles und mysteriöses vermittelt. Indem die Bewegung der Fahrräder im Gegensatz zur statischen Haltung des Lotsen stehen, wird ein weiterer interessanter Aspekt geschaffen, der uns einen Eindruck der tobenden Verkehrskreuzung vermittelt.

Trotz allem gibt es auch einige Dinge, die mich an diesem Foto stören. Ich weiß, dass es schwer ist, in einer spontanen Situation den «perfekten« Moment zu erwischen. Und während ich denke, der Fotograf ist hier dem mit dem Lotsen sehr nahe gekommen, gefällt es mir nicht, wie das Fahrrad auf der linken Seite in ihn hineinfährt. Außerdem könnte der Hintergrund eine stärkere Wirkung haben, wenn der andere Lotse mehr in der Bildmitte wäre. Auch den Bus finde ich etwas störend. Er steht im Weg wie eine dicke schwarze Mauer, und hindert unseren Blick, weiter zu gucken.

Es wäre interessant gewesen zu sehen, wie dieses Bild ausgesehen hätte, wenn der Bus nicht im Bild, und noch ein paar Fahrräder etwas weiter vom Lotsen entfernt gewesen wären. Vielleicht hätten ein bisschen mehr Zeit und ein paar Schnappschüsse dieses Foto noch gestärkt, obwohl dann möglicherweise die interessante Haltung des Lotsen verloren gegangen wäre.

Trotzdem ist es normalerweise die Sache wert, sofern die Situation es erlaubt, am Ort zu verharren und darauf zu warten, dass sich ein sehr guter Augenblick zu einem herausragenden Moment entwickelt.

In der Rubrik «Bildkritik» analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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