Leserfoto: Reich der Lichter – Gekonnt „zitieren“

Wenn grosse Meister zitiert werden

(c) Claas Philip Nähle

Schnappschnuss aus der Hand bei einem abendlich Parkspaziergang. Die Lichtverhältnisse/Kontraste haben mich an René Magritte´s „Reich der Lichter“ erinnert – eins meiner Lieblingbilder von ihm…

Ab und zu bekommen wir bei fokussiert Bilder eingereicht, die große Meister zitieren. Das ist immer eine Herausforderung an den Kritiker, denn es besteht viel Raum für Interpretation: wie weit darf man als Künstler gehen, wie weit hätte man gehen sollen? Ist der Charakter des Originals noch erkennbar? Wie dem auch immer sei, die Aufnahme ist immer auch für sich gestellt zu beurteilen, muß aus sich heraus wirken.

Ich bin ebenfalls ein großer Magritte-Fan, überhaupt ein Fan von Surrealismus. Für diejenigen Leser, die das angesprochene Werk nicht kennen: es handelt sich um eine Bilderserie, bei der immer eine Laterne im Mittelpunkt (nicht immer im konkreten kompositionellen) steht, oft von einer Baumsilhouette flankiert. Sie zeichnen sich unter anderem dadurch aus, daß die Szene bilderbuchhaft flach wirkt und der Himmel nicht zu den übrigen Lichtverhältnissen im Bild paßt (helles Blau mit Schäfchenwolken über einer Nachtszene).

An diese Laterne hat Dich das Motiv erinnert, das Du aus der Hand heraus bei einem abendlichen Spaziergang eingefangen hast, flankiert von einem Baum. Du warst schräg unter der Laterne, als Du sie fotografiert hast, und das gibt der Szene eine entsprechende Perspektive und Krümmung. Es ist ohne Montage nicht möglich, einen Himmel wie bei Magritte in diese Aufnahme zu bekommen, und so ist es eben eine Abendszene geblieben. Du hättest hier erwägen können, eine Fotomontage daraus zu machen, wenn es einen surrealen Touch hätte haben sollen. Darauf hast Du aber nicht abgezielt. Du hast die Laterne gesehen, sie hat Dich an Magritte erinnert, und dann hast Du auf den Auslöser gedrückt.

Ohne diesen Kontext, und für Leute, die das Bild nicht kennen, geht Magritte, bzw. der Bezug zum Surrealismus hier vollkommen unter. Für diesen Betrachter ist es ein gewöhnlicher Schnappschuß einer Abendszene, denn außer der Laterne ist eben nicht genug „Zitat“ im Bild. Ich will nicht sagen, daß Du „L’empire des lumieres“ hättest kopieren sollen, aber es ist mir nicht präsent genug.

Ich persönlich würde das Konzept, das ich eigentlich gut finde, nochmals aufgreifen und mir zu dem Thema ein paar mehr Bildideen einfallen lassen, sie als Serie umsetzen.

Last but not least würde ich persönlich das Foto links so beschneiden, daß der eine Baumteil wegfällt. Er trägt nichts zur Aufnahme bei, und ich empfinde ihn als störend. Dadurch wird die Laterne besser gewichtet und das Bild erinnert etwas mehr an das, was Du zitieren wolltest:

Vergleichsfoto, beschnitten

 

1 Kommentar
  1. Stewi
    Stewi sagte:

    Ich finde die Idee sehr gut. Solche Lichtstimmungen sind mir auch schon aufgefallen und mußte auch an die Bilder von Magritte denken, nur habe ich nie ein Foto gemacht… ;-)

    Ich würde sogar noch weiter gehen und das Bild auch auf der rechten Seite beschneiden, so daß der Baum wieder relativ (!) mittig ist. Dadurch wird das Bild noch ruhiger/statischer.

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