Leserfoto – Spontanes Porträt: Trooper

Du hattest hier Glück und hast ein spontanes, offenes Porträt geschossen, das mir ausgesprochen gut gefällt. Der Mann schaut unverfälscht in die Kamera – nicht nur, weil er es wahrscheinlich gewöhnt ist, ständig fotografiert zu werden (das gehört für ihn gewissermaßen zum Geschäft), sondern weil er auch gerade mit etwas anderem beschäftigt war und sich zufällig so in Deine Richtung gedreht hat. Die verschwommene Hand und die Kugel geben dem ganzen zusätzlich Tiefe und Authentizität.

(c) Tim Schoch

In Ballarat, westlich von Adelaide, gibt es diese Goldgräber Städtchen von 1800 das von Leienschauspielern bevölkert wird. Dabei gibt es immer wieder Darbietungen, wie diese hier mit einem Trooper, dem damaligen Polizisten. (Trooper waren damals übrigens Ex-Sträflingen die sich als Polizisten die Strafzeit abverdienen konnten, aber das ist eine andere Geschichte…)

Auf jedenfall stand ich in der zweiten Reihe bei einer Musketendemonstration und der gute Herr streckte mir die Kugel entgegen und schaute für einen kurzen Augenblick direkt in die Kamera. Das 85er ergabe einen schönen Schärfeverlauf der auch den unruhigen Hintergrund erträglicher machte. In Lightroom habe ich diesen dann zusätzlich bearbeitet, was man leider an der rechten Hutkante sehen kann.

Mit Portraits habe ich im Moment noch mühe den richtigen Augenblick zu treffen. Meistens bin ich einen Bruchteil einer Sekunde zu spät und der Moment ist schon wieder vorüber. Da freue ich mich umso mehr, wenn mir mal ein solches Bild wie dieses gelingt.

Daten: Canon 5d mk2, 1/250s, f4.0, iso100, Canon 85mm f/1.8

Irgendwelche Bearbeitungsfehler fallen hier kaum auf. Das einzige, was ich korrigiert hätte, ist die weiße Fläche oben links. Der Hintergrund mag zwar so gewesen sein, aber nur dadurch wirkt die Hand, als hättest Du sie notdürftig ins Foto kopiert. Ich hätte das durch andere Elemente im Hintergrund ersetzt und weggestempelt. Insgesamt ansonsten ein schönes Bild, das man durchaus in einem Prospekt oder Artikel über die Gegend wiederfinden könnte.

Was den richtigen Augenblick angeht, so ist genau diese Frage oft das entscheidende Kriterium, das Profis von Amateuren unterscheidet. Profis sind mit ihrem jeweiligen Gebiet so vertraut, daß sie Entwicklungen vorhersagen können. Sie sind vorbereitet. Sie wissen von vorneherein, welche Aufnahmen sie wollen/brauchen, und sie nehmen sich die Zeit, und Bürden wie schlechtes Wetter auf sich, um sie zu bekommen (ein exzellentes Beispiel ist etwa Steve McCurry). Du hattest in diesem Fall nicht die Gelegenheit, denn Du warst wohl auf Durchreise.

Hier in den USA gibt es auch überall diese Freiluftmuseen, in denen Laienschauspieler (sogenannte „interpreters“, die entweder als Freiwillige oder Angestellte während der Touristensaison dort beschäftigt sind) Bewohner zu einer bestimmten Zeit mimen. Wenn sie besonders gut sind, haben sie ein ungeheures Wissen zu „ihren“ Personen angehäuft, was ihre Darbietungen umso lehrreicher und unterhaltender macht. Da sie eine Show bieten, haben sie ihre Geschichten, Witze und so weiter im Idealfall gut einstudiert, und so ist es nach ein oder zwei Besuchen vorhersagbar, was ungefähr wann kommen wird, insbesondere, weil sie dasselbe „Stück“ auch meistens mehrmals am Tag zum besten geben. Wäre Dir diese Aufnahme also nicht gelungen, hättest Du wahrscheinlich zurückgehen können, um es noch einmal zu versuchen, wenn er seine Show mehrmals am Tag vorträgt.

Ansonsten kann ich Dir nur raten, dran zu bleiben. Man muß auch nicht immer gleich die Kamera draufhalten, sondern manchmal reicht es, mit den Augen zu stehlen und sich zu überlegen, wie man es fotografiert hätte. Bei gestellten Porträts kommt es hauptsächlich auf die Beziehung an, die man mit seinem Modell aufbaut, und sei es auch nur für eine Stunde. Und natürlich gilt auch hier: Übung. Also ist nichts Falsches daran, Dich an Deinen Freunden, Familienmitgliedern etc. zu versuchen.

2 Kommentare
  1. Tim Schoch
    Tim Schoch sagte:

    Hallo Sofie
    Vielen Dank für deinen Artikel und die aufmunternden Worte. Ich werde wirklich meiner Verwandschaft und Bekanntschaft vermehrt auf die Nerven gehen müssen um zu Portraits üben zu können.

    Zum Bild: Die obere Linke Ecke ist mir wirklich nicht aufgefallen, das werde ich noch korrigieren.
    Es freut mich, dass es dir gefallen hat.
    Liebe Gruess
    Tim

    Antworten
    • Sofie Dittmann
      Sofie Dittmann sagte:

      Dinge wie die Ecke lernt man mit der Zeit zu sehen. Du hast hier einen guten Ansatz gezeigt – ich freue mich schon auf zukünftige Werke!

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