Mikrofotografie: Schöne kleine Welt

Die Mikrofotografie steht zwischen Wissenschaft und Kunst. Sie öffnet uns schöne, sonst nicht sichtbare kleine Welten.

[textad]Manfred Kage: Ameise mit Zahnrad (REMcolor, Digitalaufnahme – 40:1) 2006 © Kage-Mikrofotografie

In Berlin sehen wir aktuell zwei Ausstellungen mit Mikrofotografien: einmal einen Überblick von den frühesten Anfängen bis heute und zum anderen ein Blick auf das Werk von Manfred Kage, dem Doyen dieses Zweigs.

Die Ausstellung „Mikrofotografie – Schönheit jenseits des Sichtbaren“ im Berliner Museum für Fotografie bietet von der frühesten Mikrofotografie bis in die unmittelbare Gegenwart einen umfassenden Überblick über diese zwischen Wissenschaft und Kunst angesiedelte Gattung der Fotografie im deutschsprachigen Raum. Schon kurz nach der Erfindung der Fotografie, in den 1840-er Jahren beginnt die Geschichte der Mikrofotografie mit Daguerrotypien.

Hans Hauswaldt: Aragonit, um 1910, Glänzendes Kollodiumpapier, © Albertina, Wien

Die Mikrofotografie bot nicht nur die Möglichkeit, die für das bloße Auge unsichtbaren Formen in ein sichtbares Abbild der Natur umzuwandeln. So konnten Forschungsergebnisse bildhaft verbreitet werden. Sie wurde auch als ideales Mittel angesehen, die subjektive Beobachtung eines Naturphänomens neutral wiederzugeben, ohne zum Beispiel die Interpretation eines Zeichners dazwischen schalten zu müssen.

So wurde die Mikrofotografie im 19. Jahrhundert bald zum bestimmenden Instrument der Naturwissenschaft. Am Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts stießen die Formen des Mikrokosmos schließlich nicht mehr nur bei Wissenschaftlern und beim Bildungsbürgertum auf Interesse, sondern hatten auch auf die bildenden Künste Einfluss. Insbesondere durch die Veröffentlichungen des Biologen und Darwinisten Ernst Haeckel erhielten die Formen der Mikrowelt Eingang in die Kunstwelt. Haeckel war nicht nur Wissenschaftler, sondern auch ein zeichnender und malender, später auch fotografierender Biologe.

Carl Strüwe: Endzeit-Melancholie, 1954, Silbergelatinepapier, © Carl-Strüwe-Archiv, Prof. Gottfried Jäger, Bielefeld/VG Bild-Kunst, Bonn

Dem Bielefelder Werbegrafiker und autodidaktischen Fotografen Carl Strüwe verdankt die Mikrofotografie den Rang einer eigenen Kunstform. Strüwes ab 1926 angefertigten Mikroaufnahmen machten ihn zum Pionier der künstlerischen Mikrofotografie. Nicht nur Künstler wie Alfred Ehrhardt und August Kreyenkamp ließen sich von Strüwe dazu anregen, die Mikrofotografie auch für ästhetische Zwecke einzusetzen.

Haeckels und Strüwes Bilder aus den mit dem bloßen Auge nicht sichtbaren Lebenswelten fanden Eingang in das Werk des Chemikers und Erfinders Manfred Kage, der bis heute federführend ist auf dem Gebiet der Mikrofotografie mit ästhetischer Auswertung. Die Retrospektive auf Manfred Kages Lebenswerk wird in der Alfred Ehrhardt-Stiftung ausgestellt.

Manfred Kage: Mondgestein (LM, polarisiertes Licht – 160:1), 1972 © Kage-Mikrofotografie

1959 hatte Manfred Kage das „Institut für wissenschaftliche Fotografie und Kinematografie“ gegründet, eine bis ans Dach mit Apparaten, Mikroskopen, Fossilien und Präparaten hochgerüstete Wunderkammer. Es wird bis heute gemeinsam mit Ehefrau Christina und Tochter Ninja-Nadine als schwäbisches Familienunternehmen geführt. Auf der Website Kage-Mikrofotografie erfahren wir mehr darüber.

Mit faustischer Energie wird dort erfunden, was es noch nicht gibt, genutzt, was für andere Zwecke entworfen wurde und fotografiert, was für keinen Menschen vorher sichtbar war: Der Polychromator zur Erzeugung von unbunten Farben, ein System zur Kolorierung von Rasterelektronenfotografien zum Beispiel brachte Kages neuer Bilderwelt reiches Interesse von Künstlern, Technikern, Produzenten und der Medien ein. 1975 entstand mit Salvador Dalí der surrealistische Film „Reise in die hohe Mongolei“, in dem Kage die Kratzer und Ätzstrukturen eines Kugelschreibers so aufnahm, dass sie wie simulierte Flugaufnahmen unwirklicher Landschaften wirkten.

Das Foto mit der Ameise und dem Zahnrad aus einem Mikromotor entstand 2006. Das Zahnrad ist auf einen Fuß der Ameise gefädelt. Dies gelang mit Hilfe einer auf einen Zahnstocher geklebten Wimper eines Meerschweinchens. Das Foto gewann den ersten Preis des Focus-Fotowettbewerbs für wissenschaftliche Fotografie. Bis heute regt der Formenreichtum des Mikrokosmos auch Künstler wie Claudia Fährenkemper, Nora Schattauer und Edgar Lissel an, sich die Technik der Mikrofotografie für ihre Kunst zu eigen zu machen. Zu Edgar Lissel siehe den Beitrag bei fokussiert.com: Bakterien schaffen Bilder.

Andreas Gebert: Pollen der Wegwarte, 2006-2009, Farbpapier © Andreas Gebert, Lübeck

Zur Ausstellung [amazon 3775726780]“Mikrofotografie – Schönheit jenseits des Sichtbaren“[/amazon] ist ein Katalog im Hatje Cantz-Verlag erschienen, Hrsg. Ludger Derenthal, Christiane Stahl.

Mikrofotografie – Schönheit jenseits des Sichtbaren
Bis 9. Januar 2011
Kunstbibliothek, Sammlung Fotografie im Museum für Fotografie, Jebensstraße 2, D-10623 Berlin
+49 (0)30 3186 4825, mf@smb.spk-berlin.de
Geöffnet Dienstag bis Sonntag 10 – 18 Uhr, Donnerstag 10 – 22 Uhr

Mikrofotografie – Retrospektive Manfred Kage
Bis 9. Januar 2011
Alfred Ehrhardt-Stiftung. Auguststraße 75, D-10117 Berlin
+49 (0)30 20095333, info@alfred-ehrhardt-stiftung.de
Geöffnet Dienstag bis Sonntag 11 – 18 Uhr, Donnerstag 11 – 21 Uhr

Kage-Mikrofotografie
Museum für Fotografie Berlin
Alfred Ehrhardt-Stiftung

1 Kommentar
  1. anonym
    anonym sagte:

    Die Mirkrofotografie liefert wirklich phantastische Einblicke in für die meisten ungeahnten Welten. Aber für einen, der sich in dieser Technik nicht auskennt, ist es ungemein schwierig. Das Hauptproblem sehe ich in der extrem geringe Schärfentiefe, die benötigt wird.Tipps für Laien, die sich diese wunderbare Welt erschließen wollen: mit verschiedenen Fokusebenen arbeiten.

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