Strassen-Stillleben: Erinnerung an ein Gemälde

Bilder können uns an Gemälde erinnern, die wir schon gesehen haben. Diese Aufnahme von Simone Naumann entwickelt einen sehr starken, fast malerisch wirkenden Ausdruck und erinnert so an ein Gemälde von Edward Hopper.

[textad]Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Simone Naumann).

Kommentar der Fotografin:

Dieses Bild wurde in München im Studentendorf hinter dem Olympiapark aufgenommen. Das Zusammenspiel von Exterieur und Intereur verleiht dem Bild eine große surrealistische Wirkung. Eine große Schärfentiefe, sowie die Nutzung des vorhandenen Lichtes (Kunstlicht) soll den Bildcharakter unterstreichen.

Profi Martin Zurmuehle meint zum Bild von Simone Naumann:

Gewisse Bilder rufen bei mir sofort Assoziation zu Gemälde wach, die ich kenne und schätze. Diese Aufnahme von Simone Naumann mit ihrem gekonnten Spiel der geometrischen Flächen, der Farben und des Lichts, erinnerte mich sofort an das Gemälde „Nighthawks“ von Edward Hopper (1882-1967):

Hopper zeigte in seinem wohl berühmtesten Gemälde eine normale Strassenszene bei Nacht, und wir sehen durch das grosse Fenster einer Bar, wie Menschen einsam und sprachlos nebeneinandersitzen. Diese Einsamkeit und Verlassenheit kommt auch beim Bild von Simone Naumann gut zur Geltung. Alles wirkt öde, leer und verlassen.

Besonders faszinierend bei diesem Bild sind die klaren, geometrischen Formen, die präzise herausgearbeitet und durch das Licht zusätzlich betont werden. Die von der Fotografin angestrebte surreale Wirkung kommt so sehr gut zur Geltung. Die klare Zweiteilung der Aufnahme in eine kalte und harte linke Seite (mit kalten Farben und drei scharf gezeigten Rechtecken) und eine warme und weiche rechte Seite (mit warmen Farben und dem weichen Ledersofa) verstärkt diese surreale Wirkung und wirkt als bewusster Dialog.

Dass die Fotografin das visuelle Potential dieser Situation gesehen hat, zeichnet sie aus. Für viele andere wäre diese Situation wohl zu banal oder unspektakulär gewesen. Interessant ist für mich die Frage, ob das Bild, wie beim Gemälde von Edward Hopper, durch die direkte Integration von Menschen gewinnen würde. Ich bin mir da nicht sicher. Gerade die Abwesenheit des Menschen betont hier (im Gegensatz zu Hopper, dem es um die Einsamkeit und der Wortlosigkeit der Menschen ging) die Verlassenheit und Trostlosigkeit des Ortes in der Nacht. Das Zentrale bei diesem Bild ist der Raum, die Staffelung der verschiedenen Ebenen, das formale Spiel mit den starken, geometrischen Formen und der Gegensatz zwischen hart und weich, warm und kalt. Die Ähnlichkeit mit dem Gemälde von Hopper liegt nicht beim Inhalt und dem Thema, sondern bei den Farben und der Licht- und Raumwirkung.

Wenn es etwas Kleines zu bemängeln gäbe, so sind es die nicht perfekt ausgerichteten Linien der Gebäude. Bei so einer streng wirkenden Aufnahme werden auch nur sehr kleine Abweichungen erkannt (vor allem wenn man wie ich als Architekt die Aufnahme anschaut). Aber ich gebe zu, das ist nörgeln auf sehr hohem Niveau und die kleinen Abweichungen beeinträchtigen die Bildwirkung nicht wesentlich.

Diese Aufnahme von Simone Naumann ist sehr inspirierend und ich glaube, sie hätte auch bei einem Fotokunstwettbewerb (z.B. dem International Color Awards) gute Chancen auf eine Auszeichnung.

In der Rubrik „Bildkritik“ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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4 Kommentare
  1. Dörte Kröger
    Dörte Kröger sagte:

    Hallo Simone!
    Herzlichen Glückwunsch zu diesem wunderbaren Foto! Das hast du wirklich gut gesehen und umgesetzt! Auch der Kommentar – diesmal von Martin Zurmühle – trifft es genau. Ja, diese Bildkritiken sind meistens sehr lehrreich und machen Spaß zu lesen.
    Viele Grüße
    Dörte K.

    Antworten
  2. Dr. Thomas Brotzler
    Dr. Thomas Brotzler sagte:

    „Interessant ist für mich die Frage, ob das Bild, wie beim Gemälde von Edward Hopper, durch die direkte Integration von Menschen gewinnen würde. Ich bin mir da nicht sicher.“

    Ein sehr schönes Tableau mit großer Bedeutungsanmutung und einer tatsächlich surrealistischen Wirkung. Auch die Farben tragen hier gut zur Bildwirkung bei – das sage ich als eingefleischter SChwarzweißfotograf, was ja auch etwas ausdrückt …

    Acuh mir kam „Hopper“ ganz spontan in den Sinn. Hinsichtlich der direkten Intergration des Menschlichen (und also nicht nur der symbolischen Andeutung durch „Hinterlassenschaften“ sind wir als Fotografen gegenüber den Malern womöglich etwas im Nachteil, denn unsere „Kundschaft“ hält für die Dauer nächtlicher Belichtungszeiten selten still. Ich selbst habe in meinem Portfolio ein einziges Werk, wo dies gelang – eine nächtliche Szenerie eines französischen Straßencafés mit einem jungen Mann, der jene 15 Sekunden wie festgefroren dasaß …

    Antworten
  3. Simone Naumann
    Simone Naumann sagte:

    Vielen Dank an Martin Zurmühle für diese Beschreibung.
    Ich freue mich sehr darüber. Ganz besonders, dass meine Absicht (die Darstellung surrealistischer Motive) von Martin in diesem Bild so wunderbar beschrieben wird.

    Die Kritik nehme ich ernst. Es ist wirklich so, dass ich an diese Feinheiten noch besser arbeiten muss. (Meint mein Dozent der Prager Fotoschule Österreich auch)

    Ich lerne sehr viel von euren Bildkritiken und kann es jedem nur weiterempfehlen.

    Vielen Dank
    Simone Naumann

    Antworten

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