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Peter Sennhauser

Sumpffotografie: Schattenriss mit Tiefe

9. Februar 2010/3 Kommentare/in Bildkritik, Landschaftsfotografie/von Peter Sennhauser

Landschaftsfotografie braucht nicht unbedingt einen Vordergrund, aber unbedingt Tiefe. In diesem Sinne sollten Regeln verstanden und angewandt werden.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Friedhelm Stille).

Kommentar des Fotografen:

Kiefern im Morgennebel. Der Nebel des Morgens dämpft das Licht der frühen Sonne; wie Silhouetten erscheinen die Kiefern vor dem Hintergrund. Everglades Nationalpark, EOS 1V, Diafilm, Stativ, SVA

Profi Peter Sennhauser meint zum Bild von Friedhelm Stille:

Eine Gruppe magerer, hoch aufragender Kiefern vor einer fahlen, durch dichten Nebel radikal gefilterten Sonne. Wäre deren Schein und ihre „Aura“ nicht gelblich gefärbt, würde das Bild monochrom wirken.

Die Bäume füllen die Komposition in spannungsbauendem Rhythmus in allen drei Dimensionen:

Durch Höhe und Verteilung setzen sie sowohl vertikal als auch horizontal Akzente; vor allem aber durch die vom Nebel und seine verwaschene Wirkung erzeugte Ebenen-Schichtung.

Darin liegt die grösste Qualität dieser Fotografie: Sie hat eine enorme Tiefenwirkung. Das ist umso bemerkenswerter, als es sich um eine Gegenlicht-Aufnahme handelt, die auf den Schattenrissen der Bäume direkt vor der Sonne baut und auf den ersten Blick mit einem japanischen Scherenschnitt verwechselt werden könnte.

Die Aufnahme ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie Regeln in der Fotografie angewandt werden sollten: Nach ihrem Gehalt und nicht nach den Buchstaben. Landschaftsfotografie, lernt der Anfänger, verlangt unbedingt nach Vordergrund, Mittelgrund und Hintergrund.

Das ist jedenfalls die Regel. Sie ist aber nur die Eselsbrücke für ein weitaus umfassenderes Ziel: Landschaftsfotografie muss versuchen, in den zwei Dimensionen der Fotografie den dreidimensionalen Raum, den sie darstellt, fühlbar wiederzugeben.

Weil dabei – meistens – ein Weitwinkel-Objektiv benutzt und die Schärfentiefe maximiert wird, bleibt dem Fotografen nicht viel anderes, als dem Bild durch dedizierte Vorder- und Hintergrundtrennung Tiefe zu verleihen. Daher rührt die Regel, und hätte Friedhelm sie hier angewandt, dann würde irgendein Objekt nahe dem Standort des Fotografen das Bild dominieren, und damit seine Wirkung wahrscheinlich vernichten.

Denn bei der Regel geht es wie gesagt nicht um Vorder- und Hintergrund, sondern um Tiefe. Wie diese Wirkung erzeugt wird, ist nicht in Stein gemeisselt. Friedhelm hat hier einen herausragenden Moment erlebt, in welchem sich der Raum dank des Nebels allein durch Nebel und Licht manifestiert hat. Den gleichen Effekt kann man etwa in hügeligem Gelände am Abend und meistens bei hoher Luftfeuchtigkeit im Gegenlicht beobachten: Das Wasser in der Luft lässt die Farbe und die Konturen der Berggipfel mit wachsender Entfernung ausbleichen, sodass es aussieht, als wären von unten nach oben – oder eben von vorne nach hinten – abnehmend stark gefärbte Papierabrisse übereinandergelegt.

Du hast den Effekt hier sehr wirksam inszeniert und dabei eine Komposition gewählt, die ihn nicht durch zu viele Objekte konkurrenziert.

Vielleicht hätte man, wenn denn der Standort gewechselt werden konnte – keine Selbstverständlichkeit in den Sümpfen der Everglades – mit ein paar Schritten nach rechts die drei dominanten Bäume in der vordersten Tiefenebene etwas nach links verschieben und namentlich den höchsten Baum damit ein bisschen zu seinem Pendant im Hintergrund versetzen können. Denn während die Lücke zwischen den Bäumen im goldenen Schnitt, wo die Sonne liegt, den Rhythmus wunderbar bricht, reisst diejenige links zusammen mit dem Leerraum am Bildrand eher ein Loch in das Gefüge, indem die Lücken etwas zu regelmässig werden.

Aber auch so ist dieses Bild jedenfalls ein sehr stiller Hingucker mit starker „Sogwirkung“.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
Mehr über die Profi-Bildkritik erfahren / Eigene Bilder zur Kritik einreichen.

Schlagworte: Gegenlicht, Hintergrund, Landschaftsfotografie, Nebel, Raum, Regeln
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https://static.fokussiert.com/1361913936/mini_thmb_2140.jpg 70 99 Peter Sennhauser https://static.fokussiert.com/20151121174132/fokussiert-logo-schriftzug-klein-fok-300x62.png Peter Sennhauser2010-02-09 11:07:162013-02-26 22:25:35Sumpffotografie: Schattenriss mit Tiefe
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3 Kommentare
  1. Christian Gruber
    Christian Gruber sagte:
    19. März 2010 um 05:38

    Genauso will ich auch fotografieren, meine Mostviertler Mistelngeplagten Obstbäume. Alleine es will mir nicht so toll gelingen wir auf dem Foto.
    Gratulation, absolut gelungen.

  2. dierk
    dierk sagte:
    9. Februar 2010 um 22:08

    traumhaft schönes Bild, Friedhelm

    und endlich mal wieder ein Bild, an dem man sich „nach oben“ orientieren kann, Peter :-)

    vielen Dank
    dierk

  3. RudiRalala
    RudiRalala sagte:
    9. Februar 2010 um 14:22

    Klasse Aufnahme!

    Auch das Weglassen des Bodens und die Orientierung nach oben lässt dem Betrachter viel Phantasiefutter – Wald, Wiese, Sumpf oder nur eine Autobahn?

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